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Darf der Schornsteinfeger in die Wohnung?

In einem Riesaer Wohnblock sorgt ein Besuch der Männer in Schwarz für Aufregung. Der Firmenchef erklärt, warum der Termin nötig war.

Mit Maske und Handschuhen wie auf dieser Montage kontrollierte ein Schornsteinfeger kürzlich die Lüftungen im Hochhaus an der Magdeburger Straße in Riesa - sehr zum Ärger einiger Mieter.
Mit Maske und Handschuhen wie auf dieser Montage kontrollierte ein Schornsteinfeger kürzlich die Lüftungen im Hochhaus an der Magdeburger Straße in Riesa - sehr zum Ärger einiger Mieter. © Sebastian Schultz/privat/SZ-Montage

Riesa. Der ältere Herr am Telefon ist außer sich. "Alle reden davon, nicht unter Leute zu gehen. Ich hatte kürzlich Geburtstag, die Feier habe ich abgesagt. Beim Bäcker stehen die Leute mit Abstand in der Schlange an - und dann das!" Vor einer guten Woche hing ein Zettel im Flur seiner Wohnung in der Magdeburger Straße in Riesa - und wies auf den Besuch des Schornsteinfegers hin. "Ich dachte zuerst, dass das so eine Betrugsmasche ist", erzählt der Senior. 

Den Schornsteinfeger jedenfalls ließ er nicht in die Wohnung. "Ich habe beim Gesundheitsamt angerufen." Die Mitarbeiterin dort habe ihn in der Entscheidung auch bestätigt. Er sei über 70 und dazu noch Krebspatient, gehört damit zur Risikogruppe. Vor allem ärgert sich der Senior aus Riesa darüber, dass seitens der Vermieter doch sonst wegen Corona nur die dringendsten Arbeiten erledigt werden. "Hätte man den Schornsteinfegerbesuch nicht auch absagen müssen?"  

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Schornsteinfeger betreibt Gefahrenabwehr

Ganz so leicht ist die Sache nicht, sagt Schornsteinfegermeister Matthias Kirsten. Der Präsident des Landesverbands der Schornsteinfeger bestätigt, dass ein Kollege aus seinem Unternehmen Ende März an der Magdeburger Straße war. "Das ist ein fest eingeplanter Termin, der hat auch nichts mit dem Vermieter zu tun." Und anders als kleinere Reparaturen, die seine Firma RED derzeit nicht durchführt, könne man die jährliche Kontrolle auch nicht einfach für das gesamte Haus schieben. 

Konkret ging es Kirstens Unternehmen darum, die Lüftungen in Bad und Küche zu kontrollieren. "Dort setzen sich Flusen und Fett ab." Die Schächte zu kontrollieren und zu reinigen, das sei eine Frage des Brandschutzes, und damit der Sicherheit. "Es ist gesetzlich vorgeschrieben, die Brandübertragung über Schächte zu verhindern." Es nütze doch nichts, wenn eine Familie aus Sorge vor Corona daheim bleibe - und dann im Falle eines Brandes eine Rauchgasvergiftung erleide, weil die Sicherheitsüberprüfung ausgefallen sei. 

Landratsamt zeigt Verständnis

Rechtsgrundlage für die laufenden Arbeiten sind laut Matthias Kirsten das Schornsteinfegerhandwerksgesetz und die Kehr- und Überprüfungsordnung. Auch das Landratsamt bestätigt auf Nachfrage: Die Schornsteinfeger dürfen weiter arbeiten, weil sie eine sicherheitsrelevante Dienstleistung anbieten. Damit sei ihre berufliche Tätigkeit nicht per Allgemeinverfügung untersagt, erklärt Sprecherin Kerstin Thöns. 

Trotzdem zeigt die Sprecherin Verständnis für den Riesaer, der seine Tür nicht für diese Kontrolle öffnen wollte: "Die Entscheidung des Rentners kann ich nachvollziehen und weiß, dass ganz viele Haushalte Dienstleistungen abbestellt haben. Der Rentner gehört zur Risikogruppe, seine Reaktion ist verständlich. Also muss der Schornsteinfeger einen neuen Termin nach der Epidemie vereinbaren."

Aushang im Eingang des Hochhauses an der Magdeburger Straße in Riesa. Der Schornsteinfeger darf seine Arbeit trotz Corona machen - seine Arbeit gilt als sicherheitsrelevant.
Aushang im Eingang des Hochhauses an der Magdeburger Straße in Riesa. Der Schornsteinfeger darf seine Arbeit trotz Corona machen - seine Arbeit gilt als sicherheitsrelevant. © Sebastian Schultz
Das Gros der Arbeit in seiner Firma läuft weiter, sagt Schornsteinfegermeister Matthias Kirsten. Auch von Kundenseite seien die Absagen im "ganz normalen Maß". 
Das Gros der Arbeit in seiner Firma läuft weiter, sagt Schornsteinfegermeister Matthias Kirsten. Auch von Kundenseite seien die Absagen im "ganz normalen Maß".  © Sebastian Schultz
Kirstens Mitarbeiter sind schon seit Beginn der Krise über Ausrüstung und Verhaltensregeln belehrt. Er räumt aber ein: Die Sorge vor einer Ansteckung  gibt es trotzdem, auch bei seinen Kollegen. 
Kirstens Mitarbeiter sind schon seit Beginn der Krise über Ausrüstung und Verhaltensregeln belehrt. Er räumt aber ein: Die Sorge vor einer Ansteckung  gibt es trotzdem, auch bei seinen Kollegen.  © privat/ RED Energiedienst
Falls ein Kunde den Kontrollbesuch ablehnt, muss er laut Matthias Kirsten lediglich dieses Formular ausfüllen, das seine Mitarbeiter bei sich führen. Mehrkosten entstehen durch die Terminverschiebung nicht. 
Falls ein Kunde den Kontrollbesuch ablehnt, muss er laut Matthias Kirsten lediglich dieses Formular ausfüllen, das seine Mitarbeiter bei sich führen. Mehrkosten entstehen durch die Terminverschiebung nicht.  © Bildstelle

Laut Matthias Kirsten ist das auch problemlos möglich. Zusatzkosten entstehen nicht. "Wir fangen jetzt nicht an, in dieser Ausnahmesituation fünf Euro zu berechnen." Für den Fall einer Absage haben seine Kollegen ein entsprechendes Formular dabei. Im konkreten Fall, dem Hochhaus in der Magdeburger Straße, seien 400 Kunden abzuarbeiten gewesen. "Es gab lediglich 16 Absagen", erklärt Matthias Kirsten. Zu seinem Glück: "16 Termine verschieben, das bekommen wir hin." Aber wenn jeder absagt, haben die Schornsteinfeger gegen Jahresende ein Problem. Dann sei es quasi unmöglich, die Fristen einzuhalten. 

"Auch wir haben eine gewisse Angst"

Generell haben sich die Schornsteinfeger schon frühzeitig auf die Krise eingestellt, betont Matthias Kirsten. Die FFP2-Masken hatte die Firma sowieso da. "Die brauchen wir auch im Berufsalltag." Ebenso wie die Handschuhe. Derzeit tragen die Mitarbeiter unter den Stoff- auch noch Gummihandschuhe. Dazu kommt der regelmäßige Hinweis an die Mitarbeiter, Abstand zu halten - zu Kunden und Kollegen. Die Situation sei aber auch für ihn und seine Kollegen nicht einfach. "Auf der einen Seite haben wir Glück, dass wir noch arbeiten dürfen." Auf der anderen Seite werde fast täglich auf die Risiken hingewiesen, damit niemand nachlässig wird. "Wir fragen fast täglich nach: Habt ihr noch Handschuhe und Desinfektionsmittel?" Man mache sich seine Gedanken. "Auch wir haben eine gewisse Angst. Aber die Leute sind hochmotiviert." 

Die meisten Kunden jedenfalls reagierten verständnisvoll. "Am Anfang wurde noch geschmunzelt, wenn wir in voller Montur angerückt sind, da hielten das die Leute wohl für übertrieben." Das habe sich geändert. "Langsam kommt die Situation im Bewusstsein der Leute an." Die Schornsteinfeger in der Region machen auch nicht nur negative Erfahrungen im Zuge der Corona-Krise, erzählt Matthias Kirsten. Viele seiner Kollegen berichten auch, dass ihnen jetzt häufig von Kunden angeboten werde, sich bei ihnen die schmutzigen Hände zu waschen. "Das war sonst nicht so oft der Fall."

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Vereinzelte Kritik an den Besuchen von Schornsteinfegern gibt es übrigens nicht nur aus Riesa. Die Badischen Neuesten Nachrichten berichteten vor wenigen Tagen über einen ähnlichen Fall. Dort kritisierte auch ein Schornsteinfeger, dass er trotz Corona zur Arbeit gezwungen sei. Auch dabei wurde auf die Aussage verwiesen, wonach "Schornsteinfegertätigkeiten nicht dauerhaft aufgeschoben werden können, da sie wesentlich zur Gefahrenabwehr beitragen".

Zum Thema Coronavirus im Landkreis Meißen berichten wir laufend aktuell in unserem Newsblog.

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