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Bautzen

„Darüber reden ist besser als verschweigen“

Werden Kindern die Mandeln entfernt oder ist eine andere OP nötig, sollte man sie gut darüber aufklären.

Besuch beim Hals-Nasen-Ohrenarzt – bei Kindern sind Probleme mit Ohren und Mandeln nicht ungewöhnlich.
Besuch beim Hals-Nasen-Ohrenarzt – bei Kindern sind Probleme mit Ohren und Mandeln nicht ungewöhnlich. © dpa

Operationen im Bereich Hals-Nasen-Ohren, kurz HNO, sind nicht ungewöhnlich im Kindesalter. Die SZ sprach darüber mit Thomas Raue, Chefarzt der HNO-Klinik in Bautzen.

Herr Raue, kleine Patienten sind keine Seltenheit im OP der Bautzener HNO-Klinik, oder?

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Nein, grundsätzlich gehören Operationen im HNO-Bereich bei Kindern mit zu den häufigsten OPs. Die Hauptaltersgruppe sind die Drei- bis Sechsjährigen. Aber dann geht es weiter bis zu den 14-Jährigen.

Welche Operationen sind der Schwerpunkt?

Die Entfernung von stark vergrößerten Rachenmandeln, im Volksmund auch Polypen genannt, die Verkleinerung von Gaumenmandeln oder, wenn diese schwere Schlaf-, Schluckstörungen oder Störung der Atmung verursachen auch die Entfernung. Häufig sind auch Operationen im Bereich des Mittelohrs, wo es durch chronische und immer wiederkehrende Entzündungen zu Schwerhörigkeit und Entwicklungsverzögerungen kommen kann.

Erkältungen, Ohrenschmerzen sind im Kindesalter nicht ungewöhnlich. Ab wann wird eine Operation notwendig?

Wenn sich im Laufe der Entwicklung das Gewebe durch Infekte immer weiter vergrößert, bei immer wiederkehrenden Entzündungen, die mit Hausmitteln, Antibiotika oder anderen Medikamenten nicht effektiv behandelt werden können, wenn Kinder nicht mehr richtig gesund werden, raten niedergelassene HNO-Ärzte oder auch Kinder- und Hausärzte zur OP. Es spielen aber auch andere Faktoren eine Rolle.

Welche, zum Beispiel?

Gehen Kinder in den Kindergarten oder zur Schule und haben dadurch häufiger Kontakt zu anderen mit einem Infekt. Ist die Mutter alleinerziehend, muss arbeiten und kann nicht immer wieder zu Hause bleiben, um das Kind zu pflegen. Und es gibt auch keine Großeltern, die helfen könnten. Es gibt allerdings auch Festlegungen der Fachgesellschaften für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde. Da wurde über Studien ermittelt, bis zu welcher Anzahl von Anginen eine Operation eher unterbleiben sollte.

Welche Gründe sprechen dagegen?

Die Entfernung von Rachen- und Gaumenmandeln beispielsweise ist eine Belastung für Kinder und durchaus auch mit einigen Risiken verbunden.

Mit welchen?

Es kann zu Wundinfektionen nach der OP kommen. Auch Nachblutungen sind möglich; die können wirklich kritisch sein und der Patient sollte dann innerhalb von 20 Minuten wieder im OP liegen. Das passiert zwar selten, ist aber nicht zu hundert Prozent auszuschließen. Deswegen gibt es (nur bei der Entfernung der Gaumenmandeln) eine stationäre Nachbetreuung.

Es gibt aber auch ambulante Operationen?

Bei der Entfernung der Rachenmandeln ja, wenn die Eltern das organisatorisch schaffen. Die Kinder müssen dann wirklich daheim betreut werden. Bei der Entfernung der Gaumenmandeln bleiben die Kinder normalerweise eine Woche auf Station. Denn da sind die Risiken größer. Es geht auch um die Schmerztherapie und den Kostaufbau.

Welche Kost gibt es da – das berühmte Eis?

Das ist teilweise noch Tradition. Manche Kinder freuen sich darauf, für sie ist das ein Anreiz, gut mitzumachen. Andere wollen lieber einen Quark oder einen Pudding. Wenn ein Eis, dann am besten eine Wassereissorte, ohne Schokosplitter, Fruchtsäuren und Obststückchen beispielsweise.

Und was wird mit Blick aufs Essen und Trinken sonst empfohlen?

Keine Kohlensäure, keine zu harten oder zu scharfen Speisen, nichts mit Knochen oder Gräten. Gut sind zunächst Suppen oder Breis. Bei Bananen ist wieder Vorsicht geboten. Sie enthalten Fruchtsäure, das kann reizen.

Und worauf sollten Eltern nach der OP noch achten?

Die Kinder nicht heiß baden, keine schwere körperliche Belastung, Schüler bekommen auch eine Sportbefreiung.

Sind Mandeln verzichtbar, eigentlich ist ja kein Organ umsonst da?

Wenn der Schaden durch ein erkranktes Organ größer ist, als der angenommene Nutzen, ist es besser, sie zu entfernen. Bei Gaumenmandeln tut man das aber normalerweise nicht vor dem fünften Lebensjahr. Das für das Immunsystem wichtige lymphatische Gewebe der Mandeln gibt es ja im ganzen Körper. In den Mandeln geschieht nur der Erstkontakt von allem, was die Atem- und Verdauungswege betrifft.

Wie kann man Kinder auf eine Operation vorbereiten, oder sollte man die als Eltern lieber verschweigen?

Davon rate ich ab. Es gibt viele Möglichkeiten, Kinder spielerisch vorzubereiten. Man kann ihnen mal in den Hals schauen, sie inhalieren lassen. Wir schlagen den Eltern auch vor, sich mit dem Kind vor einer OP den Klinikbereich und das Zimmer anzuschauen. Außerdem gibt es viele gute Bücher zu diesen Themen. Die können sich Eltern mit Kindern generell anschauen, auch wenn aktuell keine OP ansteht. Dann sind Kinder grundsätzlich besser vorbereitet. Genauso wichtig ist es aber, dass auch Eltern vorbereitet sind.

Inwiefern?

Sie sollten alle Informationen bereithalten, die zunächst der niedergelassene Arzt und dann wir brauchen: Welche Medikamente nimmt das Kind, hatte es schon OPs? Wenn ja, wann? Wie lange und wie oft war es krank. Außerdem hilft es dem Kind, wenn Eltern dem Krankenhauspersonal offen begegnen und Kinder nicht eine ablehnende Haltung ihrer Mütter und Väter erleben.

Hier gibt es Tipps und Informationen

Erster Ansprechpartner bei Kindern mit Hals-Nasen-Ohren-Problemen ist zunächst der Kinderarzt, gegebenenfalls auch der Hausarzt. Sie werden an die Fachärzte verweisen und die, wenn nötig, an ein Krankenhaus.

Grundlegende Informationen über einige Erkrankungen, wie Mandelentzündung, gibt es unter anderem auf der Internetseite des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, das im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums oder des Gemeinsamen Bundesausschusses (höchstes Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen) forscht – www.gesundheitsinformation.de

Sehr umfangreiche Patienteninformationen bietet die Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde im Internet unter www.hno.org. Unter dem Register Patienten gibt es auch einen Abschnitt „HNO-Erkrankungen im Kindesalter“. Eine weitere Webseite ist www.kindergesundheit-info.de.

Kinderbücher zum Thema Gesundheit/Medizin gibt es viele. Tipps dafür können Erzieher in Kitas, Kinderärzte, Bibliotheksmitarbeiter oder auch andere Eltern geben. Beispiele sind zum Beispiel aus der Conni-Reihe „Conni geht zum Kinderarzt“ oder „Conni im Krankenhaus“. Im Thienemann-Esslinger Verlag ist „Autsch, kleiner Tiger“ erschienen, worin es ums Einnehmen von Medizin geht sowie „Kater Kamillo geht zum Arzt“ über die Angst vorm Arztbesuch und dass das am Ende gar nicht schlimm ist. Vom Verlag Friedrich Oetinger gibt es das Wimmelbuch „Was passiert in der Kinderklinik?“ (ihg)

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Thomas Raue (60) ist Diplom-Mediziner, er hat an der Humboldt-Universität in Berlin studiert und die Facharztausbildung für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde in Bautzen, Dresden und Görlitz absolviert. Er ist Chefarzt der HNO-Klinik an den Oberlausitz Kliniken B
Thomas Raue (60) ist Diplom-Mediziner, er hat an der Humboldt-Universität in Berlin studiert und die Facharztausbildung für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde in Bautzen, Dresden und Görlitz absolviert. Er ist Chefarzt der HNO-Klinik an den Oberlausitz Kliniken B © privat