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Darum ist es so schwer, in Dresden Top-Schwimmer zu werden

Kinder springen immer seltener ins Becken. Das hat vor allem einen bestimmten Grund - und Folgen für den Bundestrainer.

Diese Kinder hatten Glück. Ihre Eltern haben einen Kurs gefunden, in dem sie frühzeitig schwimmen lernen. Vor allem auf dem Land ist das ein Problem.
Diese Kinder hatten Glück. Ihre Eltern haben einen Kurs gefunden, in dem sie frühzeitig schwimmen lernen. Vor allem auf dem Land ist das ein Problem. © Claudia Hübschmann (Symbolbild)

Das deutsche Schwimmen steckt in einer Krise. Dies ist alles andere als eine Neuigkeit, sondern fast schon ein Dauerzustand. Bei den Olympischen Spielen 2012 und 2016 gab es keine einzige Medaille, bei den vergangenen Weltmeisterschaften wurde ein einziger zweiter Platz als Erfolg gefeiert. Von der einstigen Schwimmnation, die zumindest der Ostteil des Landes jahrelang war, ist nichts mehr geblieben.

Am Willen, das zu ändern, mangelt es nicht. Über den Weg wird allerdings zum Teil erbittert gestritten. Dabei geht es um Trainingskonzepte, Normzeiten für die Jahreshöhepunkte oder die Kompetenzen der Stützpunkttrainer. Ende vergangenen Jahres traten die Präsidentin des Deutschen Schwimmverbandes (DSV) und der Bundestrainer zurück, die Probleme blieben.

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Wieder wird nun viel über Strukturelles und Trainingsmethodisches diskutiert, dabei liegt das Grundübel womöglich ganz woanders, nämlich am Anfang, bei den Kleinsten. „Talente gibt es in Deutschland genügend. Aber wir finden sie nicht, können das zum Teil gar nicht mehr“, meint der neue Bundestrainer Bernd Berkhahn. Dass Kinder noch vor der Einschulung schwimmen lernen und dann regelmäßig in ein Becken springen, ist längst keine Normalität mehr. Das wiederum liegt vor allem an den Hallen. Sind die marode, werden sie geschlossen, anstatt sie zu sanieren. So ist es in Gröditz nördlich von Riesa seit sechs Jahren vorbei mit dem Baden unterm Dach, im erzgebirgischen Thalheim wurde die Halle 2014 dichtgemacht.

Uwe Horn kennt diese und andere Fälle. „Im ländlichen Raum ist es besonders schwierig“, erklärt der Referent für Schwimmstätten beim Sächsischen Schwimmverband. „Es gibt Städte und Gemeinden, die das Schulschwimmen nicht mehr anbieten können.“ Dabei steht das im Lehrplan, fällt der Unterricht aus, müsste sich die Dienstaufsichtsbehörde einschalten. Viele Kommunen scheuen sich vor den Kosten. Eine Schwimmhalle zu betreiben, ist immer ein Zuschussgeschäft.

In den Großstädten wie Dresden und Leipzig sei die Anzahl der Hallen in den vergangenen Jahren konstant geblieben, erklärt Horn. Das hört sich gut an, ist es aber nicht. Denn im gleichen Zeitraum stiegen die Einwohnerzahlen zum Teil beträchtlich. Engpässe sind die Folgen, die Wasserflächen werden knapp. Um die streiten sich Vereine, Senioren, Babykurse und die ganz normalen Besucher. Kinder müssen deshalb zum Teil in den Abendstunden trainieren. All das hat Konsequenzen.

"Die Wahrscheinlichkeit, dass wir irgendwann mal wieder Medaillen gewinnen, nimmt dadurch ab, dass nicht mehr flächendeckend eine Schwimmausbildung angeboten wird", sagt Schwimm-Bundestrainer Bernd Berkhahn.
"Die Wahrscheinlichkeit, dass wir irgendwann mal wieder Medaillen gewinnen, nimmt dadurch ab, dass nicht mehr flächendeckend eine Schwimmausbildung angeboten wird", sagt Schwimm-Bundestrainer Bernd Berkhahn. © Martin Schutt/ZB/dpa

Berkhahn, der in Magdeburg die Top-Schwimmer Franziska Hentke, Sarah Köhler und Florian Wellbrock betreut, hat beobachtet, dass manche Kinder den letzten Kontakt mit einem Becken beim Seepferdchenkurs mit sechs Jahren hatten und dann „vielleicht mal im Urlaub in einen Pool springen. Das war es dann. Wenn Mädchen und Jungen mit dem Schwimmen nicht mehr in Berührung kommen, können sie auch nicht den Spaß daran entdecken – und die Eltern nicht deren mögliches Talent“, argumentiert er. Für Nachwuchstrainer ist es so nahezu unmöglich, besonders Begabte zu entdecken.

Immer wieder wird in diesem Zusammenhang auch argumentiert, dass der Anteil der Nichtschwimmer unter den Kindern steigt. Verlässliche Zahlen, die das belegen, gibt es jedoch nicht. Die letzte Studie dazu endete in Sachsen 2010. Demnach konnten damals 26 Prozent der Zweitklässler nicht schwimmen. Ein Trend ist allerdings offensichtlich: Die Kinder werden älter, bevor sie sich ohne Hilfen über Wasser halten können. Dies ist nicht nur bei Badeunfällen ein Problem, sondern auch für den Bundestrainer. „Wenn uns regional was wegbricht, weil die Kinder erst später schwimmen lernen, dann gehen uns Talente verloren. Das potenziert sich. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir irgendwann mal wieder Medaillen gewinnen, nimmt dadurch ab, dass nicht mehr flächendeckend eine Schwimmausbildung angeboten wird, weil Hallen fehlen oder geschlossen werden“, erklärt Berkhahn.

An Spaßbädern mangelt es dabei kaum, die wurden nach der Wende reihenweise eröffnet. Fürs Training eignen sich die meisten aber nur bedingt. Horn sieht diese Bauten deshalb kritisch. „Spaßbäder verursachen immense Kosten, die nur mit horrenden Eintrittspreisen zu generieren sind. Die Kommunen sollten nicht irgendwelchen tollen Versprechungen der Tourismusämter glauben“, findet das Mitglied der Schwimmstätten-Kommission beim DSV und hat ein Umdenken in den Rathäusern erkannt: „Seit 2006 ist in Sachsen kein Spaßbad mehr gebaut worden.“

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Ein Umdenken zeichnet sich auch in Dresden ab. Seit Gründung der Bäder-GmbH 2013 hat das Unternehmen 50 Millionen Euro in die Sanierung oder Neubauten investiert. Und die Summe steigt weiter. An zwei Standorten wird gerade gebaut, eine weitere Halle soll bis 2025 entstehen. Und es gibt Forderungen von Kommunalpolitikern, die in zwei Stadtteilen ebenfalls einen Bedarf erkennen.

Wird tatsächlich alles umgesetzt, gibt es dann deutlich mehr Wasserflächen in der Stadt. Profitieren werden davon auch die Talente. Aber das dauert. Deutschland als Schwimmnation – wer das erleben möchte, braucht Geduld.