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Darum müssen so viele Tiere in Versuchslaboren sterben

Mehr als 100.000 Tiere sind 2018 in Sachsen für Versuche genutzt worden. Ob das sein muss, ist umstritten.

Diese betäubte Ratte verliert in einem Versuchslabor der Technischen Universität (TU) in Dresden gerade ihren Eierstock.
Diese betäubte Ratte verliert in einem Versuchslabor der Technischen Universität (TU) in Dresden gerade ihren Eierstock. © Archivfoto: Ronald Bonß

Tumore gelangen auf viele Arten in den Körper. Durch Gene, Vorlieben wie Zigaretten oder auch schlich Schicksal. Auf eine Weise gelangen sie bestimmt nicht in den Menschen. Auf dem OP-Tisch, durch bewusstes Einpflanzen. Dieses Schicksal teilen Tiere. Zu Forschungszwecken, um den Menschen besser zu heilen. Mäuse sind beliebte Kandidaten. Während sie betäubt sind, wandert der Tumor ins Gehirn. Forscher beobachten dann, wie Medikamente anschlagen und wie sie sich verhalten.

119.261 Versuchstiere haben Forscherinnen und Forscher im Jahr 2018 in Sachsen verwendet, gegenüber dem Vorjahr ein Anstieg um knapp zehn Prozent. Beinahe neun von zehn Versuchstieren waren Mäuse. Die Zahlen hat das Bundeslandwirtschaftsministerium herausgegeben. Den Großteil der Tiere in Sachsen und Deutschland nutzt die Wissenschaft, genauer: die Grundlagenforschung. Sie dient dem Verständnis von Organismen, etwa Immun- oder Nervensystem. In Sachsen waren es 62 Prozent, deutschlandweit 44.

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Die zweitmeisten dienten in Sachsen der Zucht von genetisch veränderten Tieren. Damit der Tierversuch Rückschlüsse auf den Menschen zulässt wird der Organismus häufig verändert. Bei der Chemotherapie-Forschung beispielsweise wäre das Immunsystem normaler Mäuse hinderlich, es unterscheidet sich zu stark vom menschlichen. Es folgen Tiere, die für wissenschaftliche Zwecke getötet werden, ohne dass ein Eingriff vorgenommen wurde. Der Rest diente vor allem Ausbildung, Weiterbildung und angewandter Forschung. In Deutschland führen Universitäten, Forschungsinstitute und pharmazeutische Unternehmen Versuche durch. Verboten sind Tierversuche für Waffen und Munition, Tabak, Kosmetika und Waschmittel.

Kritikern fehlt Transparenz

Warum die Zahlen in Sachsen gestiegen sind, kann das zuständige Sozial- und Verbraucherschutzministerium nicht sagen. Grund dafür ist auch, dass Labore Daten nur anonymisiert benennen. Bis zum 31. März müssen sie für das Vorjahr Meldungen abgeben: Art, Herkunft und Zahl der Tiere. Außerdem Zweck, Art und Schweregrad der Versuche und ihrer Folgen. Tilo Weber vom Deutschen Tierschutzbund kritisiert, dass „Transparenz im Bereich Tierversuche praktisch nicht vorhanden“ sei.

Durch eine Gesetzesänderung ist 2013 die Pflicht für Labore hinzugekommen, den Schweregrad der Versuche anzugeben. Das Ministerium gab auf eine parlamentarische Anfrage der Linken folgende Zahlen an: Für das Jahr 2018 liegen in Sachsen vier Versuche mit dem Grad „keine Wiederherstellung der Lebensfunktionen“ vor, neun schwere, 95 mittlere und 33 geringe. Gegenüber 2014 bedeutet das einen Anstieg um knapp ein Viertel. Wie viele Tiere pro Versuch benutzt wurden, sei „nicht Gegenstand der Erfassung.“ Der einzelne Versuch könnte die Verwendung von 1.000 Tieren ebenso wie die von zehn bedeuten. 

Vor jedem Versuch, der nicht wie die Überprüfung neuer Medikamente gesetzlich vorgeschrieben ist, stehen Antrag und Genehmigung. Eine Kommission prüft die Notwendigkeit. Mindestens ein Drittel dieser Jury muss aus Tierschutzorganisationen stammen. Die kritisieren, dass ihr Vetorecht damit zu schwach sei. In Relation zur Einwohnerzahl wurden in Hamburg mit Abstand die meisten Versuche durchgeführt, Sachsen liegt im deutschen Mittelfeld. Die zahlenmäßig meisten Versuche gab es in Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen. Sie kommen zusammen auf mehr als 1,3 Millionen Tiere. Ganz Deutschland kommt auf gut 2,8 Millionen.

Sind Tierversuche verzichtbar?

Aus Sicht von Gegnern könnte man auf Tierversuche verzichten. „Wir fördern eine grundsätzliche Abschaffung aller Tierversuche und somit einen besseren, menschenorientierten Fortschritt der Biomedizin“, sagt Gaby Neumann von „Ärzte gegen Tierversuche“. Die Ergebnisse seien ohnehin nicht auf Menschen übertragbar, Prozesse und Reaktionen würden unterschiedlich ablaufen. Es gebe längst Alternativen, die bessere Ergebnisse liefern würden.

Dem Argument, dass ein Gros medizinischen Fortschritts nicht ohne denkbar wäre, entgegnet Neumann, dass Tierversuche oft erst nach der Entdeckung von Medikamenten wie etwa Penicillin stattgefunden hätten. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts würden sie als Goldstandard gelten, dabei würden 95 Prozent der getesteten Medikamente dann doch nicht auf dem Markt landen.

Michael Gelinsky, Leiter des Zentrums für Translationale Knochen-, Gelenk- und Weichgewebeforschung an der Technischen Universität Dresden, verteidigt Tierversuche: „Ein Großteil der Experimente in den Lebenswissenschaften werden an Zellkulturen durchgeführt. Diese garantieren zwar ein großes Maß an Standardisierbarkeit, bilden die komplexen Zusammenhänge in den Geweben lebender Organismen aber nur sehr unzureichend ab.“ Man müsse akzeptieren, „dass wir auch mit größten Anstrengungen nicht in der Lage sind, die Komplexität eines ganzen Organismus im Labor ausreichend nachzubilden.“

Das Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie in Leipzig hat vergangenes Jahr 1.343 Mäuse, Ratten, Schafe und Schweine für „experimentelle Studien“ verwendet. Von einem Sprecher heißt es: „Wir befinden uns stets in einem ethischen Dilemma und müssen dabei den medizinischen Erkenntnisgewinn abwägen.“ Auch von der TU Dresden heißt es, dass man sich dem Prinzip verpflichte, nur notwendige Versuche durchzuführen, die Belastung zu verringern und Alternativen vorzuziehen. 2018 Jahr forschte die Universität mit Tieren im fünfstelligen Bereich. Andreas Dußen, Leiter des Instituts für Physiologie sagt, dass Tierversuche die notwendige Brücke zwischen jenen etwa an Zellkulturen und an Menschen schlagen würden, aber kein Goldstandard seien. Zumindest aus wissenschaftlicher Perspektive seien sie nur eine Methode von vielen.

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