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Diese Kirche muss die Farbe wechseln

Vor 25 Jahren wurde die Goldbacher Kirche gelb gestrichen. Ein Fehler, wie sich jetzt herausstellt.

Die Marienkirche in Goldbach. Der Turm wurde in diesem Jahr rosa gestrichen, das Schiff ist noch gelb. Im Jahr 2020 soll auch an diesem Teil des Gotteshauses die Fassadenfarbe geändert werden.
Die Marienkirche in Goldbach. Der Turm wurde in diesem Jahr rosa gestrichen, das Schiff ist noch gelb. Im Jahr 2020 soll auch an diesem Teil des Gotteshauses die Fassadenfarbe geändert werden. © Steffen Unger

Goldbach. Wird aus Goldbach nun Rosenbach?, fragte ein SZ-Leser auf Facebook, nachdem die Lokalredaktion über den Farbwechsel der Kirche berichtet hatte. Bislang schien das Gelb der Fassade mit der Sonne um die Wette zu strahlen. Man sah die gelbe Landmarke von weitem – und viele Bewohner der Region haben sich daran gewöhnt. Künftig wird die gesamte Kirche in zartem Rosa leuchten – so wie jetzt schon der Turm. Was keine Laune der Denkmalpfleger, sondern Ergebnis akribischer und aufwendiger Arbeit ist, wie Sabine Webersinke, Pressesprecherin des Landesamtes für Denkmalpflege (LfD), auf SZ-Anfrage deutlich macht. Im Vorfeld der Sanierungsarbeiten am Kirchturm fand eine farbtechnische Untersuchung statt, die jedoch nicht durch das Landesamt selbst, sondern durch den Restaurator Jörg Freund aus Doberschau durchgeführt wurde, sagt sie und erklärt das Verfahren.

Wie gehen die Restauratoren bei einer farbtechnischen Untersuchung vor?

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Mehrere Arbeitsschritte sind bei einer farbtechnischen Untersuchung bzw. Befunderhebung notwendig. Vor Ort werden an der Fassade historische Putze mit Beschichtung gesucht. Meist befinden diese sich in geschützten oder schwer zugänglichen Bereichen. Die gefundene Referenzfläche mit Befund der historischen Farbe wird freigelegt, das heißt, an Fassaden geschieht dies in der Regel mechanisch mit Skalpell und, falls dicke Schichten oder jüngere Putze zu entfernen sind, auch mit kleinem Freilegehammer. Eventuell werden Proben entnommen zur weiteren Untersuchung im Labor. Der Restaurator bestimmt die Farbe, indem er den Farbton per Hand mischt oder, um den Farbton für den Neuanstrich nachstellen zu können, anhand von Farbkarten standardisierter Farbsysteme (RAL, NCS) bzw. renommierter Farbhersteller. Der Restaurator kann auch elektronische Farbmessgeräte anwenden, die den gemessenen Farbton in die Nummer der Farbkarte entsprechend „übersetzen“.

Die entnommene Probe wird später im Labor unter dem Mikroskop betrachtet bzw. in einen Kunstharzwürfel eingebettet, um daraus einen Querschliff durch das gesamte Anstrichpaket herzustellen, der dann unter dem Mikroskop untersucht werden kann. Auch eine chemische Analyse der verwendeten Bindemittel und Pigmente ist möglich, wobei bei historischen Fassadenfarben die Auswahl stark eingeschränkt ist, weil nur natürliche bzw. mineralische Bindemittel (Kalk) und kalkechte und lichtbeständige, in der Regel mineralische Pigmente zum Einsatz kamen, erläutert Sabine Webersinke. Die Putze – deren Zusammensetzung, das Verhältnis von Bindemittel und Zuschlag, die Korngrößen des Sandes – werden ebenfalls analysiert. Vor der endgültigen Ausführung ist ein Probeanstrich vor Ort erforderlich, weil sich historische Anstriche durch Abwitterung und Verschmutzung in verschiedenen Bereichen unterschiedlich verändert haben.

Wo an der Kirche gibt es rosafarbene Spuren auf früherer Zeit?

So gingen die Denkmalpfleger auch bei der Goldbacher Marienkirche vor. „Sicher ist, dass die Kirche bei der Renovierung 1908/09 einen rötlichen Putz erhielt. Bei der Instandsetzung in den 1960er-Jahren wurde diese Farbgebung in etwa beibehalten und erst bei der neuerlichen Sanierung 1992 bis 1996 in Gelbocker geändert“, sagt die Sprecherin des Landesamtes. Der aktuelle rosafarbene Putzbefund befindet sich an der südlichen Westwand des barocken Kirchenschiffs, die mit dem jüngeren Treppenvorbau von 1908/09 verdeckt wurde und dadurch erhalten blieb. „Man muss also davon ausgehen, dass diese Farbgebung älter als 1909 ist.“ Ob sie auf die Bauzeit der 1778 geweihten Kirche zurückgeht, ist aber nicht sicher. Nach Dokumenten im Landesamt für Denkmalpflege war 1965 am Chor noch eine andere Farbfassung feststellbar, die als gelblich mit weißen Gliederungen beschrieben wird. Auch hier ist die genaue zeitliche Einordnung unklar. Sabine Webersinke: „Um Missverständnissen vorzubeugen: Die Wiederherstellung der ursprünglichen Farbgebung ist nicht immer möglich oder das denkmalpflegerische Ziel. Die Kirche in Goldbach ist heute nicht nur durch die barocke Bauphase, sondern ebenso durch die groß angelegte Erneuerung der Jahre 1908/09 geprägt. In diesem Zusammenhang erhielt der Kirchenbau eine rötliche Farbgebung, offenbar in Anlehnung an eine noch ältere Rot- oder Rosafassung.“

Ist die Farbe Rosa auch in Dokumenten belegt?

Auch Dokumente stützen diese These. Im Kunstdenkmälerinventar von Cornelius Gurlitt („Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen“ aus dem Jahr 1908) wird der Anstrich der Goldbacher Kirche bereits als „rötlich“ beschrieben, sagt die Sprecherin. Auch ältere Fotos zeigen eine rote Kirche, aber der dort zu sehende rotbraune Farbton stammt erst aus der Renovierungsphase der 1960er-Jahre.

Ist nicht eigentlich Gelb die Farbe des sächsischen Barock?

Schloss Pillnitz, Schloss Rammenau, Schloss Moritzburg – sie haben alle eine gelbe Fassade. Doch Sabine Webersinke relativiert: „Man darf hier nichts verallgemeinern, auch wenn die Farbtöne Gelb und Ocker sicher mit zu den Leitfarben der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gehören.“ Aber Rosé- oder Weißtöne beispielsweise sind auch belegt. Allerdings sind selbst mit Hilfe restauratorischer Untersuchungen gesicherte Aussagen nicht immer möglich, wenn die Befundlage unzureichend oder nicht eindeutig ist.

Wie geht es mit der Sanierung der Goldbacher Kirche nun weiter?

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