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Das Auto in der Aktentasche

Das Stadtmuseum zeigt DDR-Spielzeug aus der Sammlung des Freitalers Eric Palitzsch. Und von Pirnaer Schülern.

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Von Thomas Morgenroth

Wo befindet sich unsere Pionierrepublik und welchen Namen trägt sie?“ Das und noch viel mehr Propagandistisches rund um die Pionierorganisation der Deutschen Demokratischen Republik, kurz DDR, fragte 1968 das Electric-Quiz „Prüfe Dich selbst“, das der volkseigene Sonneberger Spielwarenhersteller Piko aufgelegt hatte. Die Antworten wüssten heutzutage kaum noch die Erwachsenen, geschweige denn ihre Kinder oder Enkelkinder. Wozu auch.

Vielleicht, um in der neuen Ausstellung des Stadtmuseums Pirna zu glänzen. Dort nämlich ist das Spiel ab Sonnabend zu besichtigen, sorgsam hinter Glas in einer Vitrine verwahrt. Nur noch einer dürfte es benutzen: Eric Palitzsch, dem es gehört. Der 38-jährige Freitaler besitzt wahrscheinlich weltweit eine der umfangreichsten privaten Sammlungen an DDR-Spielzeug.

Mehr als tausend verschiedene Objekte nennt der gelernte Elektriker, Schlosser und Kaufmann sein eigen, von denen er jetzt eine erkleckliche Auswahl in Pirna zeigt. Zum zweiten Mal nach sieben Jahren, wegen der großen Nachfrage.

Trabis für England

Viele Fahrzeuge sind zu besichtigen, darunter die „Laster 3in1“ in der Westverpackung für den Quelle-Versand, Trabis für den englischen Markt, als „Clockwork Motor Car“ bezeichnet, Wartburgs aller Coleur. Tankstellen der Firmen Esso und Shell (nur für den Export) und mit dem berühmten Minol-Pirol warten auf die durstige Flotte.

Palitzschs liebstes Auto freilich muss nicht tanken, sein Motor wird, wie fortschrittlich, mittels elektrischer Energie angetrieben. Wahlweise mit einer Spannung von 110 oder 220 Volt. Es handelt sich um einen IFA F9 in der echtledernen Aktentasche aus den Fünfzigerjahren. Das „Fernsteuer-Auto“ von Sommermeyer aus Gera wird von einem eindrucksvollen Trafo aus gelenkt. Der Strom fließt über eine Leitung, die sich in einer ausklappbaren Peitsche befindet, zum roten Spielzeug, das dann seine Kreise dreht. Bis heute, dank eines Tropfen Öls an der richtigen Stelle.

Fünf Mädchen und ein Junge aus den fünften Klassen der Pirnaer Pestalozzi-Mittelschule interessierten sich am Dienstag allerdings eher für den aufziehbaren Clown Ferdinand und die herrlich ausstaffierten Puppenhäuser, die Palitzsch aufgebaut hat. Faszinierend beobachteten die Zehn- und Elfjährigen eine Spielzeug-Geschirrspülmaschine in voller Funktion. Ein Gerät, das es in echter Haushaltsgröße in der DDR eigentlich überhaupt nicht gab. Aha, wieder etwas gelernt. Muss man sich nur merken.

Die sechs Schüler waren nicht allein zum Vergnügen im Museum. Sie brachten eigene Exponate mit, Spielzeuge ihrer Eltern und Großeltern, zu denen sie eine Geschichte erzählen können. Es ist der Abschluss eines Projektes im Fach Geschichte, das Lehrerin Margit Ludwig mit der Museumspädagogin Gerburg Sturm, sie hatte die Idee dazu, auf die Beine gestellt hat.

Insgesamt, sagt Margit Ludwig, waren 57 Kinder der beiden fünften Klassen beteiligt. Sie stellten im Kapitelsaal des Museums das betagte Spielzeug vor und erzählten dazu die Anekdoten, die sie erfahren haben. Lebensnaher kann Geschichtsunterricht für diese Altersklasse kaum sein. Einige Schüler dürfen nun zudem ihr DDR-Spielzeug in Palitzschs Ausstellung zeigen.

Maria zum Beispiel steuert einen etwas lädierten Holztraktor bei, den ihre Mutter gerettet hat, als der Kindergarten ihn wegschmeißen wollte. Paula hingegen brachte einen alten Plüschhund mit: „Der hat mich beim Gewitter immer beschützt.“ Gemeinsam bauten die sechs Schüler ein Dorf aus kleinen Holzhäusern auf, das sie spontan „Jemmpa“ nannten, nach den Anfangsbuchstaben ihrer Vornamen.

Dort befand sich die Pionierrepublik ganz bestimmt nicht. Soviel sei verraten. Die richtige Antwort gibt’s im Stadtmuseum. Nur Spielverderber gucken im Internet nach.

„Made in GDR – 40 Jahre Spielzeuggeschichte(n)“, bis 26.2. im Stadtmuseum Pirna; Di bis So 10 bis 17 Uhr, 24. und 31.12. geschlossen; Adventskonzert heute, 14.30 und 17 Uhr.

www.museum-pirna.de