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„Das Berufsverbot führt zur Existenzfrage“

Der Dresdner Bass René Pape hat Zwangspause. Jetzt fordert er mit Anne Sophie Mutter und Christian Thielemann Soforthilfe für freie Künstler.

René Pape, 55 Jahre alt, erhielt seine Ausbildung beim Dresdner Kreuzchor sowie an der Dresdner Musikhochschule. Bereits als Kind stand er als einer der Knaben in der „Zauberflöte“ auf der Bühne. Er ist seit 1988 fest engagiert in der Staatsoper Unter den
René Pape, 55 Jahre alt, erhielt seine Ausbildung beim Dresdner Kreuzchor sowie an der Dresdner Musikhochschule. Bereits als Kind stand er als einer der Knaben in der „Zauberflöte“ auf der Bühne. Er ist seit 1988 fest engagiert in der Staatsoper Unter den © PR

Herr Pape, ich erreiche Sie per Telefon zu Hause in Dresden. Ich hoffe, Sie sind gesund.

Ja, alles gut. Ich bin zu Hause in Dresden. Das kommt selten genug vor. Der verordnete Hausarrest bringt mich dazu, meine Heimat mal länger als gewohnt erleben zu können.

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Seit wann treten Sie nicht mehr auf?

Das letzte Mal stand ich am 28. Februar in Madrid auf der Bühne. Vor dem Opernhaus musste ich miterleben, wie eine Asiatin aus einer chinesischen Reisegruppe einfach zusammenbrach. Spätestens da wusste ich, es ist ernst.

Haben Sie schon eine Vorstellung, wie lange Ihre Zwangspause dauern wird?

Die Intendanzen der Opernhäuser in Paris, London, New York und Madrid haben mir mitgeteilt, dass voraussichtlich bis Juni keine Aufführungen stattfinden. Dann folgt üblicherweise in den meisten Häusern die Sommerpause und es geht im September wieder los. Nun wissen wir, dass in Deutschland bis 31. August keine Veranstaltungen stattfinden dürfen.

Das heißt, Sie rechnen mit einem halben Jahr Pause und werden erst im September wieder auf einer Bühne stehen?

So sieht es wohl aus, ja. Geplant ist in der Semperoper in Dresden die Premiere für die „Zauberflöte“, wo ich den Sarastro singen werde, für November. Ich gehe davon aus, dass die Proben im September beginnen.

Haben Sie Kontakt zu Ihren Kolleginnen und Kollegen, mit denen Sie normalerweise weltweit auftreten?

Mit vielen telefoniere ich oder wir halten per Mail Kontakt. Die meisten sind so schnell es ging nach Hause gereist. Mein Bariton-Kollege Michael Volle war einer der ersten, der sich in Quarantäne begeben musste. Anfang Februar hatte er während der Proben an der Mailänder Scala für Richard Strauss‘ „Salome“ Kontakt mit einem Kollegen, der wenig später positiv auf Covid-19 getestet wurde. Gemeinsam mit seiner Frau und Kollegin Gabriela Scherer und den beiden acht- und sechsjährigen Kindern hat er sich in der Berliner Charité testen lassen. Zum Glück war das Ergebnis negativ.

Müssen sich Sängerinnen und Sänger nicht grundsätzlich mehr schützen, um ihre Stimme nicht zu gefährden?

Manche sind da sehr streng, andere entspannt. Ich gehörte bisher nicht zu denen, die unter einer Berührungsphobie leiden. Ob ich künftig stärkeren Selbstschutz übe, weiß ich noch nicht.

Wie gehen die Solistinnen und Solisten, die Sie kennen, mit der Situation um?

Das ist sehr unterschiedlich. In deutschsprachigen Ländern sind viele Mitglieder von Opernensembles und somit sozial abgefedert. Ich gehöre seit 1988 zum Ensemble der Berliner Staatsoper Unter den Linden, das ist ein großes Glück, obwohl mir als zugleich Freischaffender viele Gastspiele verloren gehen. Aber die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen in Europa, aber vor allem den USA sind Freiberufler, also selbstständig und im Moment quasi von einem Berufsverbot betroffen. Sie bekommen keinerlei Honorare.

René Pape ist seit 1988 fest engagiert in der Staatsoper Berlin.
René Pape ist seit 1988 fest engagiert in der Staatsoper Berlin. © Britta Pedersen/dpa

Da Opern komplexe Aufführungen sind, dürften auch Ersatzveranstaltungen schwer zu planen sein?

Exakt. Verhandlungsgespräche zwischen Solistinnen und Solisten mit Opernhäusern, egal ob in Dresden, Wien oder New York, finden üblicherweise fünf Jahre im Voraus statt, Verträge werden ein bis zwei Jahre vor den Aufführungsterminen geschlossen. Zudem müssen Chor und Orchester auf das Datum hin verpflichtet und vorbereitet werden. Da wird eine Verschiebung der Veranstaltung sehr schwierig, was nicht stattfand, wird wohl nicht mehr nachgeholt werden können.

Wie schwer gestaltet sich der Neuanfang?

Wer weiß das schon… solch eine existenzielle Krise hat noch keiner erlebt. Wenn Flugreisen beispielsweise zunächst nicht mehr erlaubt sind, können Opernstars nur in ihren eigenen Ländern auftreten. In den USA singen die großen Partien vor allem Europäer. Wenn die nicht mehr engagiert werden können, müssen Künstlerinnen und Künstler aus den USA die Rollen übernehmen. Aber die wohnen ja auch nicht alle in New York, sondern müssen im Inland fliegen. Da gibt es aber auch Einschränkungen, und so fehlt schlicht das Personal.

Welche Auswirkung hat die Krise auf die Finanzierung der Opernhäuser?

In Deutschland und anderen europäischen Ländern funktioniert die Finanzierung der staatlichen Theater vor allem durch Subventionen, da hält sich der Schaden vermutlich für die Häuser in Grenzen. In den USA beteiligt sich der Staat nur mit drei Prozent am Gesamtbudget, der Rest kommt von privaten Sponsoren. Aber wenn die Aufführungen nicht stattfinden beziehungsweise die gewünschten Künstlerinnen und Künstler fehlen, ist der Zweck des Sponsorings nicht mehr erfüllt, das Unternehmen zieht seine Finanzierungszusage möglicherweise zurück. In einer Wirtschaftskrise dürften zudem die Gelder für privates Kultursponsoring gestrichen werden, da sieht es düster aus für die Opernhäuser.

Folgt der Corona-Krise ein kultureller Kahlschlag?

Kahlschlag klingt gleich so radikal. Aber ich befürchte schon, dass das Interesse an Theater oder Oper nicht sofort wieder so groß sein wird wie vorher. Die Leute müssen selbst erst mal wieder auf die Beine kommen und haben vermutlich ganz andere, nämlich existenzielle Probleme. Außerdem besteht das Opern-Publikum ja zum Teil aus der sogenannten Risikogruppe. Ich mag mir nicht so richtig vorstellen, dass im Parkett und auf den Rängen nur jeder zweite Stuhl besetzt sein soll und alle Mundschutz tragen. Zu einem Musikerlebnis gehört doch gerade das Zusammensein mit anderen und auch eine gewisse Ästhetik. Ich wünsche mir jedoch sehnlichst das Publikum zurück.

Sie gehören neben der Geigerin Anne-Sophie Mutter und dem Dirigenten Christian Thielemann zu den Mitunterzeichnern eines Offenen Briefes an die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Monika Grütters, und fordern Soforthilfen für freiberufliche Künstlerinnen und Künstler. Warum jetzt dieser Hilferuf?

Weil das uns auferlegte Berufsverbot zur Existenzfrage wird. Künstlerinnen und Künstler waren die ersten, die aufhören mussten, zu arbeiten und werden wohl die letzten sein, die wieder anfangen dürfen. Wir sind eine Kulturnation und plötzlich ist von Kultur kaum noch die Rede. Es kann einfach nicht sein, wie momentan die Freischaffenden abgespeist werden. Deshalb der Brief von Prominenten, deren Stimme wahrgenommen wird. Ministerpräsident Söder sprach gestern davon, den Biergärten zu helfen. Das ist ohne Zweifel wichtig, aber nach München, Dresden oder auch Wien kommen die Touristen wegen der Kultur.

René Pape und Sopranistin Barbara Krieger im August 2019 beim Classic Open Air vor der Frauenkirche auf dem Neumarkt in Dresden.
René Pape und Sopranistin Barbara Krieger im August 2019 beim Classic Open Air vor der Frauenkirche auf dem Neumarkt in Dresden. © Thomas Kretschel

Gibt es nicht bereits Angebote und Soforthilfen des Staates für Freiberufler?

Gibt es, aber die sind nicht ausreichend und zumeist auf drei Monate beschränkt. Aber viele freie Künstler werden noch viel länger als sechs Monate pausieren müssen, manche bis zu einem Jahr. Zudem sind die unterschiedlichen Hilfsprogramme in den Bundesländern ziemlich undurchschaubar, ungerecht und vor allem kaum nachvollziehbar. Warum kann der deutsche Staat den freiberuflichen Kulturschaffenden nicht ebenso schnell eine maßgeschneiderte Hilfe offerieren wie so großen Firmen wie Adidas? Logo- und Ergotherapeuten bekommen 40 Prozent aus dem vierten Quartal des Vorjahres als Einmalzuschuss und Zahnärzte erhalten vorerst 90 Prozent des Vorjahreseinkommens. Das sind doch Lösungen, warum gibt es die nicht für Kulturarbeiter? Es stimmen einfach die Maßstäbe nicht, der Baumarkt darf öffnen, kleine Theater müssen geschlossen bleiben. Das klingt willkürlich.

Im Jahr 1989/90 ging ein ganzes Land unter, was für viele DDR-Bürger den Wegfall ihrer Existenz bedeutete. Viele wussten nicht weiter, spürten Ungewissheit wie jetzt. Ist diese Zeit mit der Krise von heute für Sie vergleichbar?

Nein, für mich überhaupt nicht. Ich war damals 26 Jahre jung, gerade in Berlin engagiert. Mir stand plötzlich die Welt offen, ich konnte mit meiner Gesangskarriere durchstarten. Das bedeutete eine riesige Chance und Glück für mich. Dafür bin ich sehr dankbar und auch demütig. Ich weiß aber, dass einen Teil meiner Elterngeneration sehr wohl ähnliche Existenzängste plagten, so wie heute wieder Menschen nicht wissen, wie es weitergehen soll. Diese Situation hat noch keiner erlebt. Ich bin froh, in einem Land zu leben, dessen Staat funktions- und handlungsfähig ist. Das gesellschaftliche Leben muss aber wieder losgehen, sonst wird es sozial äußerst schwierig.

Während eines halben Jahres Pause, leidet da Ihre Stimme wie bei einem Leistungssportler die Kondition?

Die Stimme geht nicht verloren, und ich muss nicht permanent üben. Im Gegenteil, so eine Ruhephase tut den ziemlich beanspruchten Stimmbändern gut. Ich kann durchaus ruhig sein und stelle mich zurzeit auch nicht auf den Balkon, um zu singen. Es ist kein Fehler, mal stillzuhalten. Wenn die Saison wieder startet, kann ich mich früh genug darauf einstellen.

Sie sind dennoch auf diversen Bühnen mit aufgezeichneten Opern, die auf den Homepages der Häuser gezeigt werden, präsent. Was halten Sie davon?

Die Verbindung zum Publikum darf nicht abreißen. Deshalb sind diese Angebote wichtig und nützlich. Viele Bühnen wie beispielsweise die Staatsoper in München, Berlin, in Wien oder auch die New Yorker betreiben das sehr intensiv. Da kann jeder ganz nach eigenen Wünschen sich seine Oper mit seiner Sängerin oder seinem Sänger ins Haus holen. Es ersetzt allerdings niemals die Live-Atmosphäre.

Holen Sie sich auch Oper ins Haus und sehen sich Aufführungen an?

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Ich lese eher viel, sehe mir Dokumentationen oder Serien auf Netflix an. Ich habe auch mal die alten Amiga-Schallplatten von Adamo, den Puhdys, Silly, Elektra rausgeholt, höre gern Jazz oder Elvis. Und manchmal lausche ich einfach nur, wie vor meinem Fenster die Elbe fließt. Das tut gut. Aber eigentlich will ich unbedingt wieder auf die Bühne.

Interview: Peter Ufer

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