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„Das Beste für Fußball-Dresden“

Ralf Minge ist zurück bei Dynamo und will nicht dieselben Fehler wie vor fünf Jahren machen.

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© Robert Michael

Von Tino Meyer

Es hat etwas Staatstragendes, als sich gestern um 16.01 Uhr die Tür öffnet und Ralf Minge den Pressekonferenz-Raum des Glücksgas-Stadions betritt. Ein Dutzend Kameras klicken, drei Fernsehsender sind dabei. Der 53-Jährige aber verzieht bei seiner Präsentation als Geschäftsführer Sport keine Miene – auch nicht, als Aufsichtsratschef Thomas Blümel „einen neuen Abschnitt, eine neue Periode in der Geschichte von Dynamo Dresden“ ausruft.

Spielfeldblöcke steht auf der kleinen Mappe, die Ralf Minge zu seiner Vorstellung mitgebracht hat. Konkretes will er aber noch nicht verraten.
Spielfeldblöcke steht auf der kleinen Mappe, die Ralf Minge zu seiner Vorstellung mitgebracht hat. Konkretes will er aber noch nicht verraten. © Robert Michael

Stabilität, Zuverlässigkeit, Berechenbarkeit und Loyalität: Das seien die Schlagwörter, für die der Verein ab sofort stehen will. All das, findet Blümel, bringe Minge mit und zudem ein hohes Maß an Fachkompetenz. Mit der Entscheidung, den früheren Dynamo-Angreifer zurückzuholen, will man auf Faktoren setzen, die Dynamo groß und stark gemacht haben. So formuliert das Blümel. Er nennt Fleiß und Bescheidenheit und ein Stück weit Identität als wesentliche Elemente und meint damit immer auch Minge. Präsident Andreas Ritter geht sogar noch einen Schritt weiter: „Ralf Minge“, sagt er, „gehört zu Dynamo wie die Frauenkirche zu Dresden“.

Was für ein warmer, pathetischer Empfang. Doch Minge bleibt ernst. Er hört sich das alles geduldig an, setzt seine Brille auf, sichtet mitgebrachte Unterlagen und bedankt sich schließlich für die vielen Vorschusslorbeeren. Dann beginnt die Fragerunde – und damit auch die Aufarbeitung seiner jüngeren Dynamo-Vergangenheit.

Herr Minge, Sie waren Spieler, Trainer und auch Geschäftsführer. Warum tun Sie sich Dynamo immer wieder an?

Als nächstes käme noch Greenkeeper infrage, aber die Stelle ist im Moment nicht frei... Ich habe immer gesagt, wenn ich nicht in verantwortlicher Position hier tätig war, bin ich immer Fan gewesen. Ich weiß schon, was ich bei Bayer Leverkusen an privilegierten Arbeitsbedingungen hatte. Aber eine Lebensweisheit von mir ist auch, dass ich mich nicht an Verlusten orientiere, sondern an Chancen.

Und Dynamo ist so eine Chance?

Ich glaube schon, eine gute sogar. Ich habe mir persönlich ein paar Überschriften gegeben, wie ich die Arbeit angehen möchte, wo ich meine Grenzen sehe und auch die Fehler, die ich in der Vergangenheit gemacht habe. Damals habe ich mich in Bereichen bewegen müssen, die nicht zwingend meiner Kernkompetenz entsprechen.

Sie meinen ihre Geschäftsführer-Zeit von 2007 bis 2009 und die Verhandlungen über die Stadionverträge, weshalb Sie im April 2009 zurückgetreten sind. Wie beurteilen Sie diese Situation rückblickend?

Sportlicher Geschäftsführer war ich damals lediglich noch auf dem Papier. Ich hatte über Nacht die Hauptverantwortung, ich war Hauptgeschäftsführer und musste über Verträge mit zwölf bis 14 Jahren Laufzeit und fundamentaler Bedeutung entscheiden. Fakt war aber auch, dass ich damals nicht die nötige Rückendeckung hatte und auch nicht die nötigen Mitstreiter. Ich musste mir damals eingestehen, dass ich mit meiner Argumentation auf taube Ohren gestoßen bin und auch mit meinen Kräften am Ende war.

Sie haben von Überschriften gesprochen. Welche sind das, was möchten Sie diesmal bewirken?

Die Überschriften beziehen sich weniger auf inhaltliche, konzeptionelle Themen. Es geht mehr um meine Positionierung. Ich sehe meine Aufgabe diesmal ausschließlich im sportlichen Bereich. Das ist meine Kompetenz, da bin ich ein paar Jahrzehnte lang unterwegs und habe viele Erfahrungen gesammelt – auch noch einmal in den vergangenen fünf Jahren. Der Zug Profifußball fährt sehr schnell, da muss man immer Schritt halten. Ich habe ein paar Freunde klar instruiert: Wenn ich diesen Weg verlasse, sollen sie das anmahnen.

Wie sehr sind Sie in die Suche des zweiten Geschäftsführers, also Ihres kaufmännischen Pendants, eingebunden?

Da gibt es klare Abläufe. Die Bewerbungsfrist läuft bis diesen Sonntag. Ein kleines Gremium trifft dann die Vorauswahl und wird mich davon informieren. Und sicherlich sprechen wir dann auch zusammen über den einen oder anderen Kandidaten.

Wie war das erste Aufeinandertreffen mit Cheftrainer Olaf Janßen?

Eine sehr wichtige Voraussetzung, wenn man so eng und vertrauensvoll zusammenarbeiten muss, ist das persönliche Verhältnis. Das hat von Anfang an gestimmt, auch schon vor unserem langen Gespräch an diesem Montag in Leverkusen. Da haben wir uns die Zeit genommen, wichtige Dinge zu besprechen. Und da gibt es genügend Schnittmengen: Kaderstruktur, die Art und Weise, Fußball zu spielen, Führungsstil, die Zusammenarbeit untereinander. Da haben wir ähnliche Sichtweisen.

Auch auf die jüngere Vergangenheit? Vor einem halben Jahr waren Sie praktisch schon Dynamo-Trainer, ehe Sie wieder abgesagt hatten – und Janßen den Zuschlag erhielt.

Erst mal haben wir am Montag köstlich darüber gelacht. Das war ja eine hochprivilegierte Situation damals, wenn man sich überlegt, wieviele Fußballlehrer einen Job suchen und wir eine feste Anstellung hatten – und beide nicht die schlechteste. Er in Aserbaidschan, ich in Leverkusen. Wir haben die Chronologie noch mal nachvollzogen. Ich glaube, dass mein jetziges Tätigkeitsfeld deutlich besser auf mich zugeschnitten ist. Insofern bin ich ganz glücklich darüber, wie es gekommen ist.

Können Sie einen Einblick in Ihre Entscheidungsfindung geben?

Die Entscheidung ist nicht ad-hoc gefallen. Das war ein Prozess über mehrere Wochen, weil ja auch hier und da noch ein paar Befindlichkeiten existiert haben. Ein Novum war aber, dass die Gespräche mit Dynamo nicht öffentlich wurden – obwohl ein ziemlich großer Personenkreis involviert war. Das ist für mich eine neue Qualität. Und dann steht man irgendwann einfach an einem Punkt, an dem man sich entscheiden muss. Der Punkt war vor zehn Tagen. Jetzt bin ich hier und will die Ärmel hochkrempeln und gucken, dass wir das eine oder andere zusammen bewirken.

Welche Rolle spielt Ihre Familie, die in Dresden zu Hause ist?

Ich sehe Dresden als Heimat, und da gehört die Familie dazu. Aber das ist nicht der ausschlaggebende Aspekt gewesen, sondern ein schöner Nebeneffekt. Mein Fokus sollte ganz klar auf der Jobzufriedenheit liegen.

Mancher Fan sieht Ihre Rückkehr nicht so euphorisch. Was sagen Sie denen?

Ich weiß, dass es brutal stressig wird. Aber mich hat niemand dazu geprügelt. Die Entscheidung habe ich selbst getroffen. Und ich weiß auch, was das für Konsequenzen für mich nach sich zieht. Darüber brauchen wir nicht zu reden. Ich freue mich auf meine Aufgabe und versuche für Fußball-Dresden das Beste. Als ich 1981 zu Dynamo kam, haben die Leute auch „Minge raus“ gerufen. Zwei Jahre später gab es La-Ola-Wellen, weil ich das Tor getroffen habe.

Gleich der erste Arbeitstag ist vollgepackt mit Terminen. Minge hat sich der Mannschaft vorgestellt, war auf der Geschäftsstelle und im Nachwuchsleistungszentrum. Heute trifft er sich mit seinem Vorgänger Steffen Menze, um das Thema, wie Minge sagt, „ganz seriös abzuwickeln“.