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Das Chaos nähert sich dem Ende

Eine schwangere Frau irrt an der Kreuzung Hertha-Lindner-Straße / Schweriner Straße über die Baustelle und fragt, wie sie ins Büro von Intertext gelangen kann. Vor dem Hauseingang bauen die Bauleute gerade eine kleine Brücke aus Holz.

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Von Bettina Klemm

Eine schwangere Frau irrt an der Kreuzung Hertha-Lindner-Straße / Schweriner Straße über die Baustelle und fragt, wie sie ins Büro von Intertext gelangen kann. Vor dem Hauseingang bauen die Bauleute gerade eine kleine Brücke aus Holz. Aus dem Laden daneben schaut Frisörin Antje Nonnewitz und hofft, dass sich doch noch ein Kunde verirrt. Zu ihr und auch in die benachbarten Geschäfte kommen derzeit nur noch die treuen Stammkunden. Das bedeutet ein kräftiges Umsatzminus.

Genervt sind auch die Anwohner, ihnen geht es viel zu langsam voran. „Hier läuft alles chaotisch, wir hatten vergangene Woche sogar Angst, dass die Giebelwand einstürzt, als ein Mast direkt neben unserem Haus gesetzt wurde“, klagt Tilo Meyer und beobachtet vom Balkon aus die Baustelle.

Vier Firmen beteiligt

Ein Fall von geordnetem Chaos? An zahlreichen Stellen sind jeweils ein, zwei, maximal vier Bauleute beschäftigt. Heiko Küchenmeister und seine junge Kollegin Michaela Gompert setzen gerade neue, breite Bordsteine, während Uwe Schaaf etwa zweihundert Meter weiter Sand um einen Kabelschacht schaufelt. Zwei weitere Männer verlegen fast mitten auf der Straße Gleise. Vorn an der Kreuzung ordnet Falk Thomas die frisch verlegten Rohre und Kabelstränge, dann richtet er einen kräftigen Wasserstrahl auf sie, sodass sich der umliegende Sand löst und um die Leitungen legt. So wird gesichert, dass später keine Hohlräume bleiben, wenn die Kabelabdeckungen darüber kommen.

Mit einer Baggerschaufel dirigiert Matthias Rehfeld, ganz dicht an der Schaufensterscheibe eines Ladens vorbei, eine Fuhre feinen dunklen Sand. Wie er stöhnen alle Arbeiter auf der Baustelle über den Zeitdruck. „Der wird immer schlimmer“, sagt er. Für die Baustelle am Postplatz haben sich vier große Baufirmen zu einer Arge zusammengeschlossen. Da sei es wichtig zusammenzuarbeiten, meint Rehfeld. Aber gerade das sei am Anfang sehr kompliziert gewesen. „Da musste erst die Bauleiterin ein Machtwort sprechen“, verrät er.

Gemeint ist damit Riccarda Großmann, eine schlanke, junge Frau mit langen Haaren, Anfang 40. Sie hat Bauwesen studiert und arbeitet seit nunmehr zehn Jahren als Bauleiterin. Dennoch sei der Postplatz etwas Besonderes. Schon allein wegen der Größe. Vor dem eigentlichen Bau von Straßen und Gleisen müssen nahezu alle Leitungen für Wasser, Abwasser, Strom, Gas, Telekommunikation und Straßenbeleuchtung erneuert werden. „Und das alles in kurzer Zeit. Und fast immer sind Anwohner betroffen“, sagt Großmann. Irgendwie scheint sie in der Männerwelt den Spagat zwischen nötiger Autorität und einer ihr liegenden Freundlichkeit zu schaffen. „Zählt immer erst bis zehn, bevor ihr antwortet, wenn sich die Anwohner beschweren“, rät sie den Bauarbeitern. Und so helfen diese – zumindest meistens – den Passanten, sich im Chaos Baustelle zurecht zu finden.