SZ +
Merken

Das DDR-Allerlei

Nein, die Katharina. Was hat denn die Neckisches um den Hals“, fragt Liesbeth. Ohne Brille – denn die ist wieder einmal in den Wirren unseres Chaos-Haushalts verschwunden – erkennt sie auf dem Fernsehbildschirm...

Teilen
Folgen

Nein, die Katharina. Was hat denn die Neckisches um den Hals“, fragt Liesbeth. Ohne Brille – denn die ist wieder einmal in den Wirren unseres Chaos-Haushalts verschwunden – erkennt sie auf dem Fernsehbildschirm zwar schemenhaft das Gesicht der bekannten Eiskunstläuferin Witt, aber nicht ihr wichtigstes Accessoire, als sie bei einem bekannten RTL-Moderator auf der Couch saß.

„Schatz, dass ist ein blaues Pionierhalstuch. Erinnerst du dich an dieses komische Stück Stoff, wo kaum einer wusste, wie der Knoten richtig zu binden war, und die Schüler bei der Aufforderung „Seid bereit“ immer bereit sein sollten“, sage ich. Plötzlich fällt es ihr ein. „Ach ja. Die Pioniere hatten diese kieksigen Stimmen, während die männlichen FDJler mit der tiefen Kraft des Stimmbruchs „Freundschaft“ riefen“, erinnert sich Liesbeth und findet unter der Super-Illu ihre Brille wieder. Aber alles erscheint heute so unwirklich, da die ganze mediale Welt 13 Jahre nach der Einheit, Deutschland West über die DDR aufzuklären und den Osten in naiven Eiapopeia-Erinnerungen einzuwiegen versucht. So nicht, meine Herren Geißen, Meyer und Schulz und Frau Katharina. Sie hätten doch mal dem Herrn Rachowski über die Schultern blicken sollen. Der war in dieser Woche zu Gast im Riesaer Rathaus. Sein Auftrag: Opfer des DDR-Unrechts in Fragen der heutigen Rehabilitierung zu beraten. Nur komisch. Nicht viele kamen zu dieser Bürgersprechstunde. Aber wenn einer kam, der konnte erzählen. Über diese andere, oft grausame Seite der DDR, die heute im medienbewährten deutschen demokratischen Allerlei aus Schlagersüßtafel, Defa-Filmen, Tempo-Linsen und Medizin nach Noten unterzugehen droht.

„Sag mal, ist die Katharina für dieses Halstuch nicht zu alt“, holte mich Liesbeth aus meinen Gedanken in die heimische Flimmerkisten verstrahlte Wohnstube zurück. Ich zucke mit den Schultern. „Vielleicht braucht sie ja das blaue Stoffdreieck, um sich zu erinnern. In der nächsten Sendung bringt sie dann ihre Kinderschlittschuhe mit, die sie in der Spowa gekauft hat“, orakele ich, schalte den Fernseher aus und gehe meinen eigenen persönlichen Erinnerungen nach. (cm)