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Pirna

Das Edeka-Experiment

Der Handelskonzern baut in Pirna einen Markt plus Wohnungen und Büros. Das könnte Signalwirkung haben.

Tom Göschel (r.), Geschäftsbereichsleiter Bauwesen bei Edeka, hämmert den Sparrennagel zum Richtfest des Neubaus am Scheunenhofcenter ein. Hinter ihm (v.l.): Projektleiter Olaf Pörnig, Edeka-Leiter Expansion Thomas Böllert und Pirnas OB Klaus-Peter Hanke.
Tom Göschel (r.), Geschäftsbereichsleiter Bauwesen bei Edeka, hämmert den Sparrennagel zum Richtfest des Neubaus am Scheunenhofcenter ein. Hinter ihm (v.l.): Projektleiter Olaf Pörnig, Edeka-Leiter Expansion Thomas Böllert und Pirnas OB Klaus-Peter Hanke. © Daniel Schäfer

Um 15.30 Uhr am Montag schwebt die Richtkrone über dem Scheunenhof-Center in Pirnas Innenstadt. 

Ein Holzgestell auf einem Podest unter der Reisig-Krone dient als Quasi-Dachgebälk, um den Richtnagel einzuschlagen. Die Dächer des Centers selbst sind aus Stahlbeton.

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Aus knapp 18.000 Kubikmetern Beton und 2 400 Tonnen Stahl hat der Handelskonzern Edeka in den vergangenen Monaten zwischen Bahnhof-, Hospital- und Siegfried-Rädel-Straße den Rohbau eines Experiments hochziehen lassen. „Durchschnittlich 75 Kubikmeter Beton pro Tag“, sagt Falk Heinze, Geschäftsführer des beauftragten Bauunternehmens Karl Köhler aus Heidenau. Er hat es für sein Grußwort zum Richtfest ausgerechnet. Heinze bedankt sich bei den Edeka-Vertretern, dass sie einer lokalen Baufirma vertrauen.

Blick zu den künftigen Wohnungen. Das Erdgeschoss-Dach im Vordergrund soll begrünt und begehbar werden.
Blick zu den künftigen Wohnungen. Das Erdgeschoss-Dach im Vordergrund soll begrünt und begehbar werden. © Daniel Schäfer

Was Edeka, genauer gesagt die Edeka-Grundstücksgesellschaft Nordbayern-Sachsen-Thüringen, in Pirna gerade der Vollendung entgegentreibt, ist in mehrfacher Hinsicht neu. Statt sich einen Markt plus Parkplatz nach Schema F hinsetzen zu lassen, wie bei den Einzelhandelskonzernen in Deutschland üblich, oder sich in bestehende Immobilien einzumieten, geht die Edeka-Tochter in Pirna erstmals einen anderen Weg. Sie ist selbst zum Bauherrn eines großen innerstädtischen Gebäudekomplexes geworden, in dem nicht nur ein Edeka-Markt, sondern auf insgesamt 6 700 Quadratmetern Einzelhandelsfläche weitere Geschäfte Platz finden. Hinzu kommen eine Tiefgarage mit 225 Stellplätzen sowie in den Obergeschossen 65 Wohnungen und 1 200 Quadratmeter Fläche für Büros und Praxen. Am zentralen Eingang zum Center wird mit dem namensgebenden Scheunenhof ein stadthistorisch bedeutsamer Altbau erhalten und saniert.

Die Erkenntnis, dass sich kaum etwas in ein städtisches Umfeld schlechter einfügt als der typische Discountmarkt mit seinem flach geneigten Satteldach und dem obligatorischen, möglichst großen Parkplatz, ist bei Stadtplanern nicht neu. Trotzdem sind die Handelskonzerne nur schwer zum Umdenken zu bewegen. Selbst in Großstädten, wo Flächen rar sind und immer teurer werden, wagen sich Einzelhändler wie Lidl und Rewe erst seit wenigen Jahren an den Bau mehrfunktionaler Häuser mit Wohn- und Büroflächen über dem Supermarkt. In kleineren Städten ist solches Bauen für die Supermarktketten noch überhaupt kein Thema. Pirna ist eine absolute Ausnahme.

Die Gerüste am Neubau sind gefallen, am historischen Scheunenhof noch nicht.
Die Gerüste am Neubau sind gefallen, am historischen Scheunenhof noch nicht. © Daniel Schäfer

Das sei auch kein Wunder, sagt Tom Göschel, Geschäftsbereichsleiter Bauwesen bei der Edeka-Grundstücksgesellschaft Nordbayern-Sachsen-Thüringen. Die Unternehmen seien schließlich Experten für das Thema Einzelhandel, nicht für Stadtentwicklung und Wohnungsbau. „Um solche Projekte wie in Pirna zu stemmen, müssen sich die Handelskonzerne neu organisieren.“ Das sei auch bei Edeka ein notwendiger Prozess gewesen. „Sonst wären wir logistisch an Grenzen gestoßen.“

Mit der Idee für ein großes Haus allein sei es ja nicht getan, gibt Göschel zu bedenken. Man brauche Experten, um das Projekt zu entwickeln, später müsse Edeka als Vermieter von Gewerbeflächen und Wohnungen auftreten. Dafür habe man unternehmensintern erst einmal die Voraussetzungen schaffen müssen. Und noch einen wichtigen Punkt dürfe man nicht vergessen, sagt Göschel: „Unterm Strich muss sich solch ein Projekt rechnen.“ Edeka beziffert die Baukosten für das Scheunenhof-Center mit 20 bis 25 Millionen Euro.

Fassade aus Metall

Pirnas Scheunenhof-Center ist einen langen Weg gegangen. Seit 2007 gibt es konkrete Pläne, auf dem Areal am Dohnaischen Platz ein Einkaufszentrum zu bauen. Doch der Stadtrat schob dem Ansinnen, das Grundstück an den erstbesten Bauträger zu verkaufen, einen Riegel vor und stellte Bedingungen. Dazu gehörte, dass großflächiger Einzelhandel beschränkt wird, um das Überleben der kleinen Läden in der Altstadt nicht zu gefährden. Nach dem Rückzug mehrerer potenzieller Investoren kam 2012 Edeka ins Spiel. Nachdem das Unternehmen das Grundstück gekauft hatte, gingen noch einmal fünf Jahre bis zum ersten Baggerhub ins Land.

So soll das fertige Center am Dohnaischen Platz aussehen, rechts der alte Scheunenhof.
So soll das fertige Center am Dohnaischen Platz aussehen, rechts der alte Scheunenhof. © Visualisierung: Seidel+Architekten

Inzwischen haben im Rohbau die Installationsarbeiten begonnen, ab kommender Woche sollen die ersten Fenster eingesetzt werden, informiert Edekas technischer Projektleiter Olaf Pörnig. Ebenfalls in den nächsten Wochen soll die Montage der Fassaden-Elemente beginnen. Der Neubau, den das Pirnaer Architekturbüro Seidel+Architekten entworfen hat, wird außen nicht betongrau bleiben, sondern mit farbigen Metallelementen versehen, die einen Bezug zur Felsenlandschaft des Elbsandsteingebirges herstellen.

Nach Angaben von Edeka liegen die Arbeiten im Zeitplan. Eröffnet werden soll das Center im kommenden Jahr. Mit einem genaueren Zeitpunkt hält sich der Bauherr momentan noch zurück, ebenso mit Angaben, welche Geschäfte neben Edeka die Gewerbeflächen anmieten werden.

Wer die Wohnungen betreut, steht unterdessen längst fest. Die Johanniter werden die 65 altersgerechten Appartements als Generalmieter übernehmen und an Interessenten vermitteln. „Wir hoffen, dass wir ab Juni in die Vermietung gehen können“, sagt Carsten Herde, Regionalvorstand der Johanniter in Dresden. Der Sozialverband führt bereits eine Warteliste.