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Das Ende der Kulturamtsleiter-Suche

Den freien Posten in Radebeul übernimmt Gabriele Lorenz. Nach dem Rückzug Jörg Bernigs war sie bei der wiederholten Wahl die alleinige Kandidatin.

Gabriele Lorenz wird die neue Chefin des Radebeuler Kuluramtes.
Gabriele Lorenz wird die neue Chefin des Radebeuler Kuluramtes. © Lars Rosenkranz

Radebeul. Kurz vor halb neun am Montagabend ist es geschafft. Die Türen vom großen Sitzungssaal im Radisson Blu Park Hotel öffnen sich und die Stadträte – manchen ist die Erschöpfung ins Gesicht geschrieben – strömen nach draußen, um das Ergebnis ihrer Wahl zu verkünden: Die Kulturmanagerin Gabriele Lorenz wird neue Leiterin des Radebeuler Kulturamtes. Es ist zumindest vorerst das Ende einer Welle, die in den letzten Wochen über die Stadt hereingebrochen war.

„Erleichtert aber nicht glücklich“, lautet dann auch das Fazit von Oberbürgermeister Bert Wendsche (parteilos) an diesem Abend. Lorenz war von Anfang an seine Favoritin, trotzdem kann Wendsche die nun getroffene Entscheidung nicht mit einem breiten Grinsen verkünden. Zu viel Porzellan ist zerbrochen seit der Wahl des umstrittenen Schriftstellers Jörg Bernigs, den Protesten aus der Kulturszene, dem Widerspruch des Oberbürgermeisters und den anschließenden Vorwürfen, in Radebeul werde die Demokratie ausgehebelt.

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Proteste vor der Wahlwiederholung

Noch kurz vor der Sitzung protestiert eine Gruppe von mehreren Dutzend Menschen vor dem Hotel. Angemeldet hat die Versammlung der Meißner Thomas Kirste, kulturpolitischer Sprecher der AfD-Fraktion im Landtag. Die Demonstranten halten Schilder mit Sprüchen wie „Droht Bernig die Deportation?“, „Grüne Faschisten aus dem Stadtrat entfernen“ und „Wählen bis das Ergebnis passt?“ hoch.

Am Montagabend waren Demonstranten einem Aufruf des AfD-Kreisverbandes Meißen gefolgt, um gegen die Wahlwiederholung zu protestieren.
Am Montagabend waren Demonstranten einem Aufruf des AfD-Kreisverbandes Meißen gefolgt, um gegen die Wahlwiederholung zu protestieren. © Nina Schirmer

Seit der ersten Wahl Ende Mai schauten plötzlich überregionale Medien aus ganz Deutschland auf die Stadt im Osten, in der ein Autor, der mit der Neuen Rechten in Verbindung gebracht wird, mutmaßlich überwiegend mit Stimmen von CDU und AfD gewählt wurde. Von „Radebeuler Irritationen“, dem „Kulturamtsleiter, der zu rechts war“ und „Sorge vor dem Kemmerich-Effekt“ war zu lesen.

Am letzten Wahlabend selbst, scheint das Interesse, schon so gut wie verflogen. Nur ganz wenige Journalisten sind in den Presseraum im Hotel gekommen. Nach dem offiziell verkündeten Rückzug Jörg Bernigs am letzten Donnerstag ist das Thema nicht viel mehr, als es ursprünglich sein sollte: Die Wahl eines Verwaltungsleiters in einer Kleinstadt. Das überregionale Interesse bleibt da überschaubar.

Seit 2005 Kulturmanagerin in annaberg-Buchholz

Für Radebeul, seine Feste und Kulturszene selbst aber ist die Entscheidung wichtig. Wer ist die Frau, die künftig das Kulturamt leiten wird? Gabriele Lorenz, Jahrgang 1961, stammt aus Schlema im Erzgebirge. Sie studierte in Mainz Romanistik, Germanistik und Ethnologie und promovierte mit einer Arbeit zur Entwicklung des konservativen Denkens in Frankreich. Von 1995 bis 2004 arbeitete sie in der Kulturabteilung der Französischen Botschaft in Bonn und Berlin, wo sie das Kulturbüro leitete und bundesweit Veranstaltungen und Festivals organisierte.

2005 ging die gebürtige Erzgebirgerin als Kulturmanagerin in die Stadtverwaltung Annaberg-Buchholz und leitet dort seit dem das Sachgebiet Kultur, Tourismus und Marketing. Seit 2007 ist sie zudem im Ehrenamt Bundesvorsitzende des Erzgebirgsvereins.

Lorenz will Kulturangebote weiterentwickeln

Am Montag stimmen von 34 Anwesenden 22 Stadträte für Lorenz. Sie hatte sich bereits am 20. Mai zur Wahl gestellt. Damals entschied sich jedoch eine knappe Mehrheit – es sollen zwei Stimmen mehr gewesen sein – für den Schriftsteller Jörg Bernig als neuen Kulturamtsleiter. Die anschließenden Debatten sind auch an der Kulturmanagerin nicht vorbeigegangen. Der Anruf bei ihr, um zu fragen, ob sie für eine erneute Wahl noch zur Verfügung steht, sei besonders schwer gewesen, sagt OB Wendsche.

Doch Lorenz sagte zu. „Radebeul hat alles, was mein Kulturherz höher schlagen lässt“, erklärt sie nach der Wahl. „Ich möchte die bestehenden Angebote gemeinsam mit Künstlern und allen kulturinteressierten Bürgern konzeptionell und strategisch weiterentwickeln, identitätsstiftend und weltoffen, aber auch als wichtiger Standortfaktor der Stadt“, so Lorenz. Kulturelle Teilhabe und Bildung seien ihr besonders wichtig.

Die Stadt Radebeul leistet sich als einzige Kommune im Kreis Meißen noch ein Kulturamt. Anders als auf dem Schild davor steht, gehört der Bereich Tourismus aber nicht mehr zum Bereich der neuen Leiterin.
Die Stadt Radebeul leistet sich als einzige Kommune im Kreis Meißen noch ein Kulturamt. Anders als auf dem Schild davor steht, gehört der Bereich Tourismus aber nicht mehr zum Bereich der neuen Leiterin. © Arvid Müller

OB entschuldigt sich bei Bewerbern

Wendsche hofft, dass die entstandene Polarisierung und Spaltung nun mit ihr überwunden werden kann. „Die Leitung des Kulturamtes erfordert es, Brücken zu bauen, Kulturschaffenden eine Bühne zu geben und durch moderierendes Agieren gegenseitiges Verständnis, Toleranz und Akzeptanz zu fördern sowie Dialog zu ermöglichen“, teilt er mit. Gleichzeitig wolle er sich bei beiden Bewerbern im Namen der Stadt und des Stadtrates für die öffentliche Beschädigung entschuldigen.

Mit der Wahl vom Montag endet ein Besetzungsverfahren, das sich über 1,5 Jahre hingezogen hat, nachdem es schon beim ersten Anlauf Probleme gab und gar kein geeigneter Bewerber gefunden wurde. Wendsche will nun mit seinem Amtskollegen in Annaberg-Buchholz reden, damit Gabriele Lorenz nicht erst nach der gesetzlichen Kündigungsfrist und damit womöglich erst im neuen Jahr, sondern schon eher nach Radebeul kommen kann.

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