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Das Ende der Zifru: "Es ist zum Heulen!"

Birgit und Gunter Kunath haben beide beim Zittauer Trockenfrüchte-Hersteller gearbeitet. Der Betrieb wird jetzt abgewickelt. Aber warum? Die Produkte sind doch gefragt.

Birgit und Gunter Kunath aus Großschönau haben beide bei der Zittauer Fruchtveredlung gearbeitet. Jetzt sind sie arbeitslos.
Birgit und Gunter Kunath aus Großschönau haben beide bei der Zittauer Fruchtveredlung gearbeitet. Jetzt sind sie arbeitslos. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Gunter Kunath hat geheult wie ein Schlosshund. Jeden Schichtbeginn aufs Neue. Eine Viertelstunde lang, manchmal auch eine halbe - je nachdem, wie scharf die Zwiebelsorte gerade war. "Wir haben es immer schon in der Vorhalle gerochen, was an dem Tag auf uns zukommen wird", erzählt der 63-Jährige. "An Zwiebelgeruch kann man sich nicht gewöhnen, da fließen die Tränen auch nach Jahren noch."

In der Vorhalle der Zifru, des Trockenfrüchte-Herstellers auf dem Zittauer Hasenberg, riecht es immer noch nach Zwiebeln. Obwohl hier schon seit Mai keiner mehr arbeitet. Alle 30 Mitarbeiter haben ihre Kündigung bekommen. Anfang Mai kam der Anruf aus der Schweiz. Am 7. Mai war Betriebsversammlung. Am selben Tag war Schluss. 

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Der Hochdorf-Konzern aus der Schweiz, der die Zifru Ende 2017 gekauft hatte, braucht  das Unternehmen nun nicht mehr - und lässt es abwickeln. "Von einem Tag auf den anderen", sagt Gunter Kunath, der hier in drei Schichten Zwiebeln getrocknet hat. Und Äpfel, Tomaten, Erdbeeren, Rote Beete, Champignons, ja sogar Käsesticks.

Und nicht einfach nur getrocknet. "Wir haben mikrowellen-vakuum-getrocknet", betont der Mann mit richtig viel Stolz in der Stimme. "Das können nicht viele in der Welt." Das Verfahren, mit dem die Zifru 1998 in die Produktion gestartet ist, war damals einzigartig.

Ein hochmodernes Unternehmen wird abgewickelt: Die Zifru Trockenprodukte GmbH auf dem Zittauer Hasenberg.
Ein hochmodernes Unternehmen wird abgewickelt: Die Zifru Trockenprodukte GmbH auf dem Zittauer Hasenberg. © Archivforo: Thomas Eichler

Dem Obst und Gemüse wird bei diesem Verfahren auf schonende Art nur das Wasser entzogen - mehr nicht. Alle Nährstoffe und Vitamine bleiben erhalten, der Geschmack intensiviert sich sogar noch. "Und alles in Bioqualität - und wunderbar knusprig", schwärmt Gunter Kunath. "Wenn man so einen Apfelchip eine Weile im Mund hat, dann wird das wieder wie ein frisches Stück Apfel."

Um so weniger können er und die anderen Mitarbeiter der Zifru verstehen, warum das Unternehmen jetzt liquidiert wird. "Gesunde Snacks boomen doch gerade - getrocknete Rote Beete statt Kartoffelchips, das müsste sich doch vermarkten lassen." Die das sagt, ist Birgit Kunath, 57, Gunters Frau. Sie hat die Höhen und Tiefen des Unternehmens fast von Anfang an miterlebt, hat am Band gestanden, ist Qualitätsmanagerin und Assistentin der Geschäftsleitung. "Und jetzt räume ich aus", sagt sie leise. "Und was ich da tue, ist eigentlich unbegreiflich."

Birgit Kunath beräumt gerade das Musterlager. "Da drin steckt alles, was wir jemals gemacht haben, was wir im Technikum ausprobiert und womit wir experimentiert haben", sagt sie. "Sogar an Wiener Würstchen haben wir uns mal versucht. Sie muss schmunzeln bei der Erinnerung: "Aus den Würstchenchips ist aber nichts geworden."

Mit jedem Ordner, den sie jetzt leert, mit jedem Versuchsprotokoll, das sie aussortiert, geht unersetzbares Wissen verloren, weiß die 57-Jährige. "Das ist ein Gefühl, das kann ich gar nicht beschreiben", sagt sie. "Und in der leeren Halle steht immer noch der Zwiebelgeruch, das ist richtig beklemmend." 

Die Zwiebeln waren das Hauptprodukt der Zifru: 80 Tonnen jedes Jahr. Sie stecken in Tütensuppen und Gewürzmischungen und in der berühmten Salat-Krönung. "Es ist ja in den über 20 Jahren immer mal wieder auf- und abgegangen mit der Firma", sagt Birgit Kunath. "Als dann 2017 die Schweizer kamen, da waren wir richtig euphorisch. Ein großer und finanziell starker Konzern. Es ist ja auch wieder bergauf gegangen."

Aber die Mitarbeiter hätten immer das Gefühl gehabt, dass man in Hochdorf sehr wenig auf die Erfahrungen und das Wissen der Zittauer gegeben habe. "Wir haben doch genau gewusst, welche Qualität unsere Rohware haben muss, damit daraus ein hochwertiges Trockenprodukt werden kann, aber unser Wissen war eher wenig gefragt in der Schweiz."

Ein letzter Hoffnungsschimmer?

Birgit und Gunter Kunath sitzen zu Hause in Großschönau im Garten ihres Umgebindehauses. "Ich dachte, ich schaff's bis zur Rente", sagt Gunter. Aber wenigstens gehöre er ja zu den Glücklichen, die sich irgendwie rüberretten können. Gleich nach der Betriebsversammlung am 7. Mai hat er seinen Spind ausgeräumt.

Er sieht seine Frau an. Birgits Vertrag endet am 31. Oktober. Sie hat schon Bewerbungen geschrieben, sagt sie, und sie hofft, dass sie auch mit 57 noch was Neues findet. Aber jetzt soll sie ja erst mal weiter beim Abwickeln helfen. "Der Liquidator versucht, die Firma im Paket zu verkaufen", sagt sie. Das wäre noch der einzige, letzte Hoffnungsschimmer. "Wenn das nicht gelingt, dann verschwindet hier eine Produktion von der Bildfläche, die im Grunde einzigartig ist." Sie schluckt den Kloß im Hals herunter: "Das ist doch zum Heulen", sagt sie. Und das liegt nicht an den scharfen Zwiebeln.

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