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Das Ende des Sparens

In Zeiten des Nullzinses müssen sich die Deutschen von einer liebgewonnenen Gewohnheit verabschieden.

Lars Radau

Dass die Erfindung eine italienische ist, entbehrt aus heutiger Sicht nicht einer gewissen Ironie: 1924 riefen die Sparkassen auf einem Kongress in Mailand den Weltspartag aus. Der Termin, immer in der letzten Oktoberwoche, war lange Zeit Schlachtfest für Sparschweine: In vielen Bankfilialen marschierten stolze Grundschüler auf, um ihre mühsam gesammelten Münzen aus Dosen und Schweinen in ein Guthaben auf dem Sparbuch umzuwandeln. Weil ich als Siebenjähriger mit dem Begriff Zinsen nichts anfangen konnte, freute ich mich auf das Geschenk, das der freundliche Mann hinter dem Schalter aus einer großen Kiste hervorkramte. Meist war es – ein neues Sparschwein.

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Das wäre, in seiner Luxus-Variante aus Porzellan, heute wahrscheinlich wertvoller als der Zinsertrag, den das zusammengetragene Taschengeld auf einem klassischen Sparbuch bringen würde. Die guten Angebote am Markt liegen aktuell bei 0,25 Prozent Zinsen. Das heißt: Zu 500 angesparten Euro gäbe die Bank nach einem Jahr immerhin 1,25 Euro dazu. Selbst bei einem Tagesgeldkonto mit guten 1,4 Prozent Verzinsung wären es nur sieben Euro. Bei einer Inflationsrate, die im Jahresschnitt den Prognosen zufolge bei knapp zwei Prozent liegen wird, schwindet der Wert des Grundkapitals also stetig.

Das klassische Sparen – es scheint also derzeit sinnlos. Dabei gehört es als Akt der Emanzipation zu den Grundlagen und zum Gründungskanon unserer heutigen Gesellschaft. Als sich 1778 die „Ersparungsclasse“ der „Hamburgischen Allgemeinen Versorgungsanstalt“ gründete, war das Anliegen ausdrücklich, auch Handwerksgesellen und Dienstmägden die Möglichkeit zu geben, ihr Geld „sicher und verzinslich“ anzulegen – ein Privileg, das bis dahin dem Adel vorbehalten war. Zudem war es Bestandteil einer protestantischen Ethik, die, wie es der Soziologe und Sozialökonom Max Weber beschreibt, den Kapitalismus in Deutschland erst zur Blüte brachte. Sparen war die Voraussetzung für umfangreiche Kapitalbildung, Unternehmer finanzierten damit ihre Maschinen und Betriebe. Arbeit und Kapital, betont Weber, waren die Quellen des Reichtums des Industriezeitalters, nicht Konsum und Kredit. Der ehrbare Kaufmann bildete sein Rückgrat, gemeinsam mit der sparsamen Hausfrau an seiner Seite. Noch bis in die 50er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts lernte der Leser von Bildungsromanen, etwa Thomas Manns „Buddenbrooks“, dass ein Leben durch Schuldenmachen, Spekulationen und unbürgerliche Disziplinlosigkeit ruiniert werden kann.

Heute ist das – weitgehend vorbei. Der vom US-Präsidenten Benjamin Franklin geprägte Spruch, wonach ein gesparter Penny ein verdienter Penny sei, ist durch die nahe Null rangierenden Zinsen ad absurdum geführt. Wer sein Erspartes auf ein Sparbuch legt, hat nach zehn oder fünfzehn Jahren den Großteil seines Vermögens eingebüßt. Nicht ganz uneigennützig lassen die Banken deshalb den Weltspartag in ihrer Werbung mittlerweile weitgehend unter den Tisch fallen – und plädieren dafür, zu investieren. Sein Geld, das mühsam angesparte Vermögen arbeiten zu lassen, statt – wie es etwa die Commerzbank nennt – der „schleichenden Enteignung“ durch Niedrigstzinsen und Inflation zuzuschauen.

Auch der amerikanische Ökonom Adam Posen, der als einer der weltweit führenden Experten für Geld- und Finanzpolitik gilt, plädiert dafür, dass die Deutschen sich einen Ruck geben. Posen hat kein geschäftliches Interesse, sondern Gesamteuropa im Blick: Die Deutschen, fordert er, sollten weniger auf die hohe Kante legen und mehr im Süden investieren – damit der wieder auf die Beine kommt. Damit meint der Ökonom explizit nicht nur den kleine Sparer, sondern auch die Regierung von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Dass die Protestantin aus dem Osten selbst gern das Bild der „schwäbischen Hausfrau“ bemüht, findet Posen „bezeichnend, aber nicht konstruktiv“.

Denn Deutschlands Wachstum, schreibt der Amerikaner in einer Analyse für „Zeit online“, könne sich inzwischen nicht mehr auf den stetigen Beschäftigungszuwachs verlassen, den die Agenda 2010 mit angeschoben habe. Dessen Kraft werde in den nächsten Jahren immer geringer werden. Das, so Posen, gelte umso mehr, als dass die laufenden und harten Strukturreformen im Süden der Euro-Zone auch dort das Arbeitsangebot erhöhen und die Löhne drücken werden. Eine solche Entwicklung sei nicht nachhaltig und werde auch die deutschen Arbeitnehmer treffen. Deutschland sei also gut beraten, nicht nur weniger zu sparen, sondern auch mehr zu investieren. Und es müsse nicht einmal weniger exportieren, sondern einfach mehr importieren. Deutschland und Europa brauchten „jetzt ein Wachstum, das von Investitionen getrieben ist.“

Auf der privaten Ebene sei das sogar „dringend angezeigt“, sagt auch der Würzburger Wirtschaftsprofessor Peter Bofinger. Er gehört zum Sachverständigenrat der Bundesregierung, den fünf Weisen. Und er glaubt, dass das Festhalten der Deutschen am klassischen Sparen die Unterschiede zwischen Arm und Reich im Land noch weiter verschärft. Denn der klassische Sparer halte Immobilien für zu teuer und stehe Aktien ausgesprochen skeptisch gegenüber. Für Bofinger ist diese Haltung „fatal“: Denn Ende der 90er, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“, entwickelten sich Arm und Reich auseinander. Der heutige Nullzins, ist Bofinger überzeugt, werde noch einmal von unten nach oben umverteilen, weil in den nächsten Jahren nur manche Anlagen Gewinne versprächen: eben Aktien und Immobilien. Die aber besäße nur eine Minderheit der Deutschen, die reichere Minderheit. Die anderen, so Bofinger lakonisch, „werden mit ihren Tagesgeldern und Lebensversicherungen ärmer.“

Dass die Lebensversicherungskonzerne inzwischen selbst Probleme haben, ihre Garantiezinsen für Bestandkunden aufzubringen und die Verzinsung von Neuverträgen drastisch herunterfahren mussten, ist dabei eine weitere Pointe – für den an Sicherheit gewohnten Sparer indes eine besonders bittere.

Vielleicht also wäre es an der Zeit, wieder einen Kongress in Mailand einzuberufen. Und statt des Weltspartages einen Welt-Investitionstag ins Leben zu rufen. Dann könnten Grundschüler wieder in Scharen in Bankfilialen marschieren und guten Gewissens und mit leuchtenden Augen ihre Münzen und Scheine auf einen Tresen legen – diesmal allerdings, um Anteile an einer Sparschwein-Manufaktur zu erwerben.