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Das Ende eines beliebten Festes

1841 feierten die Kumpel einheimischer Kohlereviere erstmals ein Vergnügen, das zur Tradition wird – nicht für immer.

Von Heinz Fiedler

Glück auf! Für die Männer aus den einheimischen Kohlerevieren war das Bergbierfest so etwas wie Ostern oder Pfingsten. Ein Ereignis, das die Kumpel und ihre Familie einmal im Jahr hochgestimmt mit Jubel und Trubel begingen. Natürlich spielte die Trinkerei eine Rolle, schließlich drehte es sich um Freibier. Kein extra gebrautes Spezialbier, kredenzt wurde das übliche Bier örtlicher Brauereien.

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Bildmontage zum einheimischen Bergbierfest der Kumpel. Ein Vergnügen, das ab 1841 aktuell war. Archiv: Siegfried Huth (2)
Bildmontage zum einheimischen Bergbierfest der Kumpel. Ein Vergnügen, das ab 1841 aktuell war. Archiv: Siegfried Huth (2)

Das volkstümliche Vergnügen wurde letztlich von den Bergleuten selbst finanziert. Seit 1843 unterhielt das Königliche Steinkohlenwerk Zauckerode neben der Knappschaftskasse eine Hilfs- und Unterstützungskasse. Zwei Drittel der aus Beiträgen der Kumpel resultierenden Mittel sind dazu bestimmt, das Los von in Not geratenen Bergbauinvaliden zu erleichtern. Ein Drittel aber kommt dem jährlichen Bergbier zugute. Mit dem Umtrunk sollte das Gefühl der Kameradschaft weiter ausgeprägt werden. Eine Tugend, auf die der Bergmann bei seinem harten Tagewerk besonders angewiesen ist. In froher Runde ein Hauch Lebensfreude, die in vielen Familien damals ein seltener Gast war.

Auftakt in Potschappel

Der 25. September 1841 wird zu einem historischen Datum. Das Zauckeroder Unternehmen feiert das erste Bergbierfest in dem Potschappler Gaststätten „Zum Goldenen Löwen“ und „Zum Steiger“. Ausgelassene Stunden für 1 200 Kumpel und ihre Angehörigen. Die Leute sind so aufgekratzt, dass sie am liebsten aller drei Monate oder wenigstens zweimal im Jahr eine solche Geselligkeit haben möchten.

Das Fest bürgert sich rasch ein. In der Folgezeit vereinte man sich in verschiedenen Gaststätten. Gefragt war vor allem die Gastronomie von Kesselsdorf, Kohlsdorf und Wurgwitz. Ständig wurde das Programm ausgebaut. Da gab es einen auf Würde bedachten seriösen Teil mit gemeinsamem Singen, gefolgt von Freitanz und Gratisbier. Ergänzend dazu reisten mehr und mehr Schausteller an.

Am 14. und 15. Juli 1900 waren die Gasthöfe von Kesselsdorf Schauplätze des Ereignisses. Für Gäste rollten ab Potschappel Sonderzüge. Dresdens Presse berichtete: „Am Sonntagnachmittag 3 Uhr hatten sich Beamte und Knappschaft auf dem Werksplatz eingefunden, um von dort nach einigen Musikstücken und einer Ansprache von Direktor Georgi, die mit Hochrufen auf seine Majestät endeten, nach dem Festplatz von Kesselsdorf zu marschieren. Drei Säle sowie ein Tanzzelt standen zur Verfügung. Desgleichen wurden drei Trinkzelte aufgebaut. 100 Hektoliter des vorzüglichen Einfachbieres wurden aufgelegt, eine Menge, die freilich nicht ausreichte. Man musste die bereitgehaltene Reserve in Anspruch nehmen ...“ Im Tanzzelt nahm das Gewühlte beängstigende Formen an. Musikdirektor Rüdiger, Chef des Königlichen Bergmusikkorps, hatte für eine Attraktion gesorgt. Gemeinsam mit dem von ihm geleiteten Orchester musizierte die vom Deubener Konzerthaus Wettinburg verpflichtete und als weltberühmt angekündigte „Negertruppe“ aus Kentucky. Wie in der Wettinburg begeisterte das Ensemble auch in Kesselsdorf.

Letztes Bergbier fließt 1914

Der Potschappler Steiger feierte mit dem Bergbier von 1901 zugleich sein 100-jähriges Bestehen als Gaststätte. Mit einem Zeitungsinserat bat der Wirt Emil Thieme die Gäste, bergmännische Tracht anzulegen. Der geschäftsträchtige Gastronom hatte vorgesorgt. In Werbeschriften hieß es: „Für alle Nichtbergleute stehen Kopftücher, schwarze Hauben, Schutzleder sowie Paradehacken aus Leinwand und Karton gegen ein geringes Entgelt bereit.“

Thieme hat allen Grund zufrieden zu sein. Die Gäste strömten in Scharen herbei, weit nach Mitternacht brachen die letzten Kumpel auf. Das feuchtfröhliche Fest war wie immer noch wochenlang im Gespräch.

Das letzte Bergbier floss am 19. und 20. Juli 1914 in althergebrachter Weise in der Roten Schänke und im Gasthof Döhlen. Der Erste Weltkrieg zog den Schlussstrich unter eine Tradition, die 73 Jahre überdauert hatte. Zu einer Wiederbelebung kam es nie.