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Das erste Weihnachten ohne Mama

Wie ein neunjähriger Kruzianer die stressige Adventszeit mit dem Kreuzchor erlebte. Und warum Heiligabend im Alumnat auch etwas für sich hat.

Zwei Mal Bescherung: Der Kruzianer Theo freut sich auf den ersten Heilgen Abend im Alumnat.
Zwei Mal Bescherung: Der Kruzianer Theo freut sich auf den ersten Heilgen Abend im Alumnat. © Sven Ellger

Das gemütliche Sofa im Wohnzimmer zu Hause, all die Kerzen, die ganze Familie zusammen. Anders kennt Theo Weihnachten nicht. Doch in diesem Jahr ist alles anders. Denn jetzt ist Theo Kruzianer.

Schon in der zweiten Klasse wurde sein Talent in der Schule entdeckt. Ein Jahr später bestand er die Aufnahmeprüfung und wechselte zur vierten Klasse ins Alumnat. "Ich finde das richtig cool", sagt der Neunjährige, der im Sopran 1 singt. "Ich mag die Chorproben sehr."

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Noch geht Theo zwar in die 63. Grundschule, doch sein Zimmer im ersten Stock des Alumnats auf dem Gelände des Evangelischen Kreuzgymnasiums hat er in diesem Jahr schon bezogen. Er teilt es sich mit Levi Franz. Die zwei verstehen sich prima.  Erst kürzlich haben sie ein nagelneues Sofa bekommen.

An der Pinnwand über Theos Bett hängen Fotos seiner Familie. "Am Anfang hatte ich schon ein bisschen Heimweh", sagt er. Für die jüngsten Kruzianer gilt in der 4. Klasse Alumnats-Pflicht, dass heißt, sie bleiben von Montag bis Freitag hier und fahren nur am Wochenende nach Hause. Die älteren Knaben spenden gern Trost und erzählen den Kleinen, dass es ihnen am Anfang genauso gegangen ist.

In den ersten Wochen hat Theo besonders häufig mit seinen Eltern telefoniert. Bald schon hat er aber neue Freunde gefunden und langweilig droht es hier, mit all den Proben und Auftritten, ja so nie zu werden. Besonders jetzt, in der Weihnachtszeit, sind die glockenhellen Stimmen der Sängerknaben im Kreuzchor oft gefragt. Der Advent ist streng durchgetaktet. Das gilt auch für den Heiligen Abend und den ersten Feiertag.

Weihnachten nicht zu Hause? An diesen Gedanken musste sich Theo erst einmal gewöhnen. Aber das gehört dazu, wenn man ein Teil dieser Welt sein möchte. Alle Eltern versuchen, es ihrem Nachwuchs mit Schmuck und Adventskalendern am Bett so leicht wie möglich zu machen. Auch das Alumnat ist schön geschmückt. Auf jeder Etage steht ein Weihnachtsbaum. Herrnhuter Sterne tauchen die Gänge in ein sanftes Licht.

Bei der großen Weihnachtstour durch Deutschland Anfang Dezember war Theo noch nicht dabei und auch beim Adventskonzert im Rudolf-Harbig-Stadion vor einigen Tagen nicht. Dafür sang er bei den drei Weihnachtsoratorien vom 13. bis 15. Dezember in der Kreuzkirche mit. Auch bei den Weihnachtsliederabenden am vergangenen Wochenende war er dabei und jetzt wartet noch das große Finale: Am Heiligen Abend wird Theo bei den zwei Vespern 14.15 Uhr und 16.30 Uhr singen, am ersten Feiertag früh 6 Uhr bei der Christmette und 9.30 Uhr nochmal beim Gottesdienst. "Danach sind alle breit", sagt Chormanager Uwe Grüner. Bis zur Silvester-Vesper ist dann erst mal Pause.

Das Große Adventskonzert im Rudolf-Harbig-Stadion gehört inzwischen fest zum Programm für die älteren Kruzianer.
Das Große Adventskonzert im Rudolf-Harbig-Stadion gehört inzwischen fest zum Programm für die älteren Kruzianer. © Ronald Bonß

Besonders der Heilige Abend hat bei den Kruzianer eine lange Tradition. Statt wie andere Kinder zu Hause, unter dem Baum, feiern sie gemeinsam in der Schule - nach genau geplantem Programm. Nach der letzten Vesper am Nachmittag werden sie zunächst in Konzertkleidung zurück zur Schule gefahren. Im kleinen Probensaal bekommen die Knaben von den Männern Kerzen überreicht, mit denen sie dann in einer langen Reihe den dunklen Gang entlanglaufen. Dabei singen sie "Stille Nacht, Heilige Nacht" und andere Klassiker.

So ziehen sie zum festlich geschmückten Speisesaal, in dem sie sich um den jüngsten Kruzianer zusammenfinden. Der trägt traditionell das Weihnachtsevangelium vor. Verhaspeln ist erlaubt. Nach weiteren kurzen Reden wird es endlich Zeit für das Essen. Der hauseigene Koch zaubert für die Sänger ein Drei-Gänge-Menü. Wenn alle satt sind, geht es den Männern noch an die Schlipse. Die dürfen jetzt mal ausnahmsweise die Jüngsten tragen.

Nächste Station: Großer Probensaal. Hier liegen schon die verpackten Geschenke für die Kruzianer bereit. "Das sind immer Dinge, die sie auch auf Tour gebrauchen können", verrät Grüner. "Koffer, Bademäntel, Handtücher und Stimmgabeln zum Beispiel." Finanziert wird die Bescherung vom Förderverein.

Voll bepackt mit Geschenken geht es für Theo und anderen zurück auf die Zimmer. Eigentlich sollte jetzt möglich schnell Ruhe einkehren, denn der Morgen der darauf startet schließlich schon 4.15 Uhr. 6 Uhr wird ja schon wieder gesungen. "Erfahrungsgemäß gelingt das nicht ganz", sagt Uwe Grüner mit einem Schmunzeln. Stattdessen versuche jeder, so lange wie möglich wach zu bleiben.

Ein solches Erlebnis lässt jedes Heimweh schnell vergessen. "Natürlich nutzen auch die Kruzianer zu Weihnachten jede Chance, um nach Hause zu fahren", sagt Grüner, "aber Heiligabend wollen alle da sein." Zumindest die, die ihn schon einmal hier erlebt haben.

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Auch dank des 13-Jährigen Benedict, der stets alle Notenblätter der Kruzianer im Blick behält, dürfen sich die SZ-Leser auf ein besonderes Geschenk freuen.

Für Theo ist es das erste Mal. Seine Eltern haben ihm die Sache schon mit der Aussicht auf zwei Bescherungen schmackhaft gemacht. Die eine bei den Kruzianern - und die andere dann am 25. Dezember zu Hause. "Wir verschieben das einfach alles um einen Tag", sagt er. "Ich bin schon aufgeregt, wie das alles abläuft, aber ich denke, das wird toll."

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