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Das falsche Spiel mit der Neun

Nach dem Ausfall von Marco Reus holt Jogi Löw den sechsten Innenverteidiger. Was hat das zu bedeuten?

© Reuters

Von Sven Geisler, Porto Seguro

Es wäre logisch gewesen. Doch das bedeutet eben gerade nicht, dass es Joachim Löw auch so macht. Der Bundestrainer hat seinen eigenen Kopf; wäre der Nachsatz nicht anders belegt, würde er wohl sagen: Und das ist gut so. Deshalb nominiert er nach der Verletzung von Marco Reus eben nicht den von vielen schon vorher geforderten Offensivmann Kevin Volland für die Weltmeisterschaft in Brasilien nach, sondern Shkodran Mustafi.

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Der 22-jährige Sohn albanischer Eltern, in Bad Hersfeld geboren, in der Jugend des Hamburger SV ausgebildet und mit der U 17 vor fünf Jahren Europameister geworden, hat zwar hierzulande bisher keinen Namen, aber beim FC Everton in England und als Stammspieler von Sampdoria Genua in der italienischen Serie A schon internationale Erfahrung gesammelt. Volland hat für 1899 Hoffenheim gerade seine zweite Bundesliga-Saison abgeschlossen; mit einem durchaus beachtlichen Zeugnis zwar – elf Tore in 33 Spielen –, weshalb ihn Löw mit ins Trainingslager nach Südtirol genommen hatte. Dort aber konnte ihn der Außenstürmer nicht davon zu überzeugen, die Lösung des Problems zu sein.

Das gab es nämlich schon, bevor sich mit Reus einer verletzte, der „super drauf war“, wie der Coach betont, und in Brasilien „eine zentrale Rolle gespielt“ hätte. Der Dortmunder gehörte zu denen, die Löw als „falschen Neuner“ vorgesehen hatte, der im Gegensatz zu denen, die früher diese Rückennummer trugen, weniger wuchtig, dafür technisch anspruchsvoll das tut, worum es bei diesem Spiel geht: Das Runde ins Eckige bringen. Der Bundestrainer wird verstärkt auf einen verkappten Angreifer setzen. Miroslav Klose, der einzige klassische Stürmer im Aufgebot, wurde gestern 36, eigentlich ein Anlass, den seit vergangenem Freitag alleinigen deutschen Rekordtorschützen zur Pressekonferenz ins Medienzelt am schmucken Hotel Casto Brasilis in Santo Andre zu präsentieren. Nach der Geburtstagstorte zum Frühstück, dem Ständchen, das ihm die Mitspieler im Mannschaftsbus auf der Fahrt zum Training gebracht haben und dem Tanz der Indianer, die das Training beobachteten.

Aber das kam nicht infrage, jedenfalls nicht für Löw. Er wolle, das hatte er schon vor dem Abflug ins Campo Bahia unmissverständlich angekündigt, die Diskussion über die falsche Neun nicht mitnehmen. „Dann hätten wir Übergepäck.“ Trotzdem ist sie das wichtigste Thema gestern bei der ersten Pressekonferenz, in der Löw-Assistent Hansi Flick versucht, die Frage nach dem Warum zu beantworten. „Wir haben keinen Oliver Bierhoff“, sagt er, worüber sogar der angesprochene Teammanager staunt: „Das höre ich zum ersten Mal.“

Keiner, der nur vorne drin steht

Bierhoff, doppelter Torschütze im EM-Finale 1996, zählte zur Generation Rumpelfuß, als körperliche Robustheit als deutsche Tugend hoch geschätzt wurde. Zeiten ändern sich und damit die Anforderungen.

Was vor allem Mario Gomez zu spüren bekommen hat, bei der EM 2012 mit drei Toren noch bester Schütze. Seine Quote in der DFB-Auswahl: 25 Tore in 59 Spielen. Dennoch käme es Löw nicht in den Sinn, ihn trotz seiner Verletzungsmisere als unverzichtbar zu erklären wie etwa Sami Khedira. „Ein Spielertyp, der nur vorn in der Mitte steht und wartet, bis irgendetwas von der Seite kommt, hat heute weniger Möglichkeiten als Spieler, die variabel diese Position ausfüllen“, erklärt Löw, ohne das konkret auf Gomez zu beziehen. In dieser Erkenntnis wird er von Chefscout Urs Siegenthaler bestätigt. „Schauen wir uns die Innenverteidiger sämtlicher Spitzenklubs und Nationalmannschaften an: Da stehen hinten durchweg Männer, die 1,90 bis 1,95 Meter groß sind und nahezu jedes Kopfballduell gewinnen“, sagte der Schweizer. Seine Schlussfolgerung: „Mit kleinen, wendigen, flinken Stürmern macht man den Innenverteidigern die Arbeit schwerer.“ Deshalb bevorzugt Löw Offensivspieler, die „immer wieder marschieren und viel ohne Ball gehen“.

Wie eben auch Klose – von jeher der Gegenentwurf zum kantigen Brecher. Sein Torinstinkt resultiert vor allem daraus, dass er die weiten Wege geht, um im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein, idealerweise eben im Strafraum. „Dann ist es egal, welche Rückennummer der Spieler trägt“, meint Bierhoff. Dem Dauerrenner Klose fehlt nur ein Treffer, um mit WM-Rekordtorschütze Ronaldo gleichzuziehen. Der Brasilianer erzielte 15 Tore.

Natürlich ist es auch Werbung in eigener Sache, wenn Klose nach dem vermeintlichen Schützenfest in der Schlussphase gegen Armenien moniert: „Wir dürfen nicht wie eine Handball-Mannschaft um den Strafraum drum herum spielen, sondern müssen zu Abschlüssen kommen.“ Aber mit seiner Kritik legt der Stürmer von Lazio Rom den Finger in die Wunde. Mit Mesut Özil und Mario Götze, die Löw bisher als hängende Spitze probiert hat, blieb die deutsche Elf ungefährlich. Auch Thomas Müller füllt die Position nicht ideal aus. Am ehesten könnte das wohl – Marco Reus.

„Ein Traum ist von einer zur anderen Sekunde geplatzt“, kommentierte der Dortmunder sein WM-Aus. Für ihn steht nun mit Mustafi der sechste Innenverteidiger im 23er-Kader nach Mats Hummels, Per Mertesacker, Jerome Boateng, Matthias Ginter und Benedikt Höwedes. Wenn es stimmt, dass Titel in der Defensive gewonnen werden, hat Löw zumindest die personellen Voraussetzungen geschaffen. Allerdings plant er mit Boateng und Höwedes dort ein, wo die Not am größten ist: rechts und links in der Viererkette.

Eine Alternative für die Position als hängende Spitze könnte André Schürrle sein, ein ähnlicher Typ wie Reus, wenngleich technisch einen Tick weniger genial. Oder eben doch wieder der ewige Miro. Kloses Kampfansage: „Ich will spielen und weiß, dass ich der Mannschaft helfen kann.“ Wie es aussieht: helfen muss. „Ich bin überzeugt, dass Miro einen wichtigen Part bei dieser WM spielen wird“, sagt Bierhoff.