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Das Feuer soll weiterlodern

Die Ressel-Schmiede in Bertsdorf- Hörnitz beging jetzt ihr 100. Jubiläum, ein Familienunternehmen in der nunmehr dritten Generation. Nicht nur der Bürgermeister gratulierte Schmiedemeister Arnd Ressel. Die SZ stellt den 64-jährigen Bertsdorfer vor.

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Von Torsten Töpler

„Na? Bringst du einen Millionen- Auftrag?“ Arnd Ressel lacht und schaut dabei auf den Eingang seiner kleinen Schmiede an der Bertsdorfer Hauptstraße. Ein alter Schulkumpel besucht ihn mal wieder. Er benötigt lediglich ein Stück Rundstahl.

„Fenstergitter mache ich, Eisentore, Zäune. Manchmal brauchen Leute auch ein Geländer“, zählt er die aktuelle Artikel-Palette auf. Selbst im Kunstschmieden hat der Bertsdorfer einiges drauf. „Mein Vater machte schon ein bisschen in dieser Richtung.“ Er zeigt Fotos von Nachbildungen alter Hieb- und Stichwaffen und sogar einer Kopfrüstung für ein Pferd. Jedoch nicht einmal eine Mini-Rüstkammer könnte damit voll werden. Vielmehr waren es Einzelaufträge einiger nostalgisch Veranlagter. Denn die mit der Wende überschwemmende Massenindustrie hat das alte Handwerk mit Blasebalg und Feuer fast verdrängt.

Kein Vergleich zu den Zeiten, da sein Großvater Schmiede samt Haus kaufte. Das war vor genau 100 Jahren. „Aber schon vorher war es eine Schmiedewerkstatt“, erklärt der 64-Jährige. Insgesamt vier davon gab es einmal in Bertsdorf. Und alle mit ähnlichem Leistungsspektrum: Achsen oder Eisenreifen für die hölzernen Pferdefuhrwerke, Wartung von landwirtschaftlichem Gerät und natürlich der Hufbeschlag. Ein paar Überbleibsel der tierischen „Besohlung“ gibt es noch in Ressels etwa 60 Quadratmeter großen Schmiede. „Hier war die Schiene zum Anbinden der Pferde und dort unten das Pflaster.“ Dabei zeigt er auf ein Fußboden-Teilstück – eine aus zig kleinen Holzquadern mosaikartig zusammengelegte Fläche. Zement, begründet Arnd Ressel, wäre durch das Aufstampfen der Tiere kaputtgegangen. „Heute ist das nicht schlecht, da gibt's keine kalten Füße“, scherzt der aufgeschlossene Schmied. In den Sechzigern habe das mit dem Hufbeschlagen bei seinem Vater rasch nachgelassen. Technik löste die treuen Vierbeiner ab.

1963 machte Arnd Ressel seinen Meister. Zehn Jahre zuvor begann er bei seinem Vater die Lehre. „Am 1. Juli 1970“, erzählt Ressel, „habe ich dann die Schmiede übernommen.“ Einige Zeit danach flatterte sogar eine Art Dauerauftrag ins Haus. „Für Robur habe ich Transportkarren für Kurbelwellen gemacht. Fast bis zur Wende ist das gegangen“, erinnert sich der Bertsdorfer. Bloß die Versorgungsengpässe zu DDR-Zeiten und ihre Folgen nervten enorm. Material und Werkzeuge durfte man nur über die „Genossenschaft des metallverarbeitenden und landtechnischen Handwerks“ ordern. „Ein halbes Jahr eher musste die Bestellung abgegeben werden“, erklärt Arnd Ressel die Tücke. Da bedurfte es wahrsagerischer Talente, um den genauen Bedarf zu ermitteln. Ein andermal wartete Arnd Ressel eine Ewigkeit auf die Reparatur seines Winkelschleifers. Ein neuer war bei der „Metallgenossenschaft“ sowieso nicht drin. Streng wurde über vorhandene Kontingente gewacht.

Wesentlich entkrampfter konnte sich der Schmiedemeister nach der Wende eine hydraulische Schere anschaffen. Das große grüne Ding mit mehreren Vorrichtungen steht in der Mitte der Werkstatt. Arnd Ressel ist stolz: „Damit lässt sich viel machen.“ Und auch noch für lange Zeit. „Denn ganz aufs Altenteil werde ich mich nicht setzen“, relativiert er Rentenpläne fürs nächste Jahr. Wer einmal seinen Schmiedehammer weiterschwingen soll, weiß er noch nicht. Für seine 19-jährige Tochter kommt der Beruf sowieso nicht in Betracht. Der 24 Jahre alte Sohn beendet 2004 sein Maschinenbaustudium. „Sein Geld“, so Arnd Ressel, „wird er dann wohl damit verdienen.“