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Das Fiel-Missverständnis bei Dynamo

Der Publikumsliebling ist gescheitert – als Trainer bei seiner Herzensangelegenheit. Doch ist das seine Schuld? Musste es nicht genauso kommen? Eine Spurensuche.

Nachdenklich wirkte Cristian Fiel zuletzt öfter. An der anspruchsvollen wie komplexen Art und Weise, Fußball zu spielen, wollte er jedoch nichts ändern.
Nachdenklich wirkte Cristian Fiel zuletzt öfter. An der anspruchsvollen wie komplexen Art und Weise, Fußball zu spielen, wollte er jedoch nichts ändern. © Robert Michael/dpa

Machen wir das jetzt jeden Tag? Cristian Fiel hat das gefragt gleich zu Beginn des Sommer-Trainingslagers in Österreich, als es darum ging, den Pressevertretern ein paar Fragen zu beantworten. Nichts Großes, nur ein kurzes Statement zu den Bedingungen vor Ort, seinen Plänen für die nächsten Tage und wie es sich so anfühlt für ihn, erstmals eine Profimannschaft auf eine Saison vorzubereiten.

Fiel antwortete knapp und freundlich. Und wirkte doch gleichermaßen genervt und irritiert.

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Machen wir das jetzt jeden Tag – haben sich ziemlich schnell auch seine Spieler gefragt. Erst im Trainingslager und immer öfter dann im Lauf der zweiten Jahreshälfte: genervt, vor allem aber irritiert und desillusioniert. Die Anforderungen, die Fiel an sie stellte, mögen für ihn, den technisch versierten Ex-Profi, so selbstverständlich gewesen sein wie für Journalisten immer wiederkehrende Fragen an einen Cheftrainer. Nur klafften Anspruch und Wirklichkeit mit zunehmender Spielzeit immer weiter auseinander. Theorie und Praxis passten nicht zusammen – besonders im sportlichen Bereich. Am 2. Dezember haben sich beide Seiten einvernehmlich, wie es fast schon floskelhaft heißt, getrennt. Gerade mal knapp zehn Monate war Fiel im Amt. Dabei sollte der 39-Jährige eine neue Epoche in der Vereinshistorie prägen. Stattdessen geht Dynamo als abgeschlagener Tabellenletzter in die Winterpause.

Ob er der Mannschaft mit seiner Idee vom Fußball in zu kurzer Zeit zu viel abverlangte?

„Darüber habe ich mir, ehrlich gesagt, bis jetzt keine Gedanken gemacht. Denn ich hatte das Gefühl, dass die Mannschaft die ganze Zeit mitgezogen hat, die ganze Zeit versucht hat, das umzusetzen, was ich will – gerade, wenn die Müdigkeit groß war. Und deshalb bin ich auch so zufrieden, wie sie gearbeitet haben. Natürlich ist das viel Input, auch für den Kopf. (…) Letztlich reden wir über Fußball, über auf den Platz gehen und Freude haben an dem, was wir tun – verbunden mit drei, vier Vorgaben vom Trainer. Doch das ist ja nichts von einer anderen Welt.“

So lautete Fiels Antwort auf die Frage am Ende des Sommer-Trainingslagers – im seitdem einzigen ausführlichen Interview mit ihm. Sie bringt das sich damals anbahnende Dilemma auch jetzt immer noch nahezu perfekt auf den Punkt. Die Ära Fiel endete deshalb, noch bevor sie so richtig beginnen konnte. Denn das, was Fiel wollte, war sicher nichts von einer anderen Welt. Nur hat es alle Beteiligten überfordert, gewissermaßen ihn inklusive. Im Nachhinein sind die vergangenen zehn Monate aber eher ein riesiges Missverständnis als ein wirklicher Fehler. Vermeiden lassen hätte sich allerdings lediglich der verhängnisvolle Verlauf, nicht mehr die Trennung.

Fakt ist auch: Das Fielo-Missverständnis hat am Ende nur Verlierer hervorgebracht. Die Mannschaft spielt einen dermaßen verunsicherten Fußball, wie man es bei durchaus gestandenen Zweitliga-Profis nicht für möglich hielt. Der Verein und sein Umfeld leiden inmitten des härter denn je zu führenden Abstiegskampfes. Fans sind hin- und hergerissen zwischen Wut, Frust und Mitgefühl. Und Sportchef Ralf Minge, der sein Amt mit dem des Cheftrainers Fiel verknüpft hatte, wirkt nicht nur angeschlagen, er ist es – und denkt offen über ein Ende seiner Tätigkeit am Saisonende nach.

Der größte Verlierer aber ist Fiel selbst.

„Zwischen uns passt kein Blatt“, hat Sportchef Ralf Minge bei Fiels Amtsantritt gesagt und wollte Probleme gemeinsam bewältigen. Das hat nicht funktioniert. 
„Zwischen uns passt kein Blatt“, hat Sportchef Ralf Minge bei Fiels Amtsantritt gesagt und wollte Probleme gemeinsam bewältigen. Das hat nicht funktioniert.  © Lutz Hentschel

Rückblick in den Februar. Auch damals ist die Lage verfahren, also vor allem atmosphärisch. Nur sind die letzten quälenden Tage unter Fiels Vorgänger Maik Walpurgis kein Vergleich zur Depression jetzt. Nach der 0:2-Niederlage in Darmstadt am 23. Februar folgt die Trennung. Dynamo ist Tabellen-14., hat sieben Punkte Vorsprung zur Abstiegszone – aber Trend, Stimmung und Spielweise sind besorgniserregend. Ein Gemisch, das zum Handeln zwingt. Und diesmal geht die Suche nach einem neuen Trainer ganz schnell.

Was wäre, wenn …? Ob sich Fiel diese Frage mittlerweile auch gestellt haben wird? Was wäre, wenn er am 24. Februar abgesagt hätte, zumal die letzte Prüfung beim Lizenztrainerlehrgang in Honnef noch nicht mal geschrieben war? Doch Minge will ihn, den B-Jugend-Trainer, nun schon zum zweiten Mal binnen eines halben Jahres zum Chefcoach befördern.

Hat Fiel im September 2018 als Interimslösung nach der Entlassung von Uwe Neuhaus noch auf den laufenden Trainerkurs verweisen können und darauf, keine halben Sachen zu machen, gibt es nun keine Argumente mehr. Warum auch? Den Einstieg in den Profitrainerbereich bei der Herzensangelegenheit Dynamo, wo sie ihn auch fünf Jahre nach Abschluss seiner aktiven Laufbahn als Publikumsliebling und Fußballgott in Personalunion verehren – mehr geht nicht.

Fiel sagt selbstverständlich zu, schreibt am 27. Februar seine letzte Prüfung und wird am 28. Februar offiziell präsentiert. Am 3. März steht er wieder an der Seitenlinie. Dynamo spielt 2:2 gegen Bochum, nach 0:2-Rückstand. Das ist das Aufbruchsignal – und der Verein ziemlich genau zwei Monate später gerettet. Zeit für grundsätzliche Fragen – zum Beispiel nach einer Variante, falls es als Profitrainer nicht klappt – ist Fiel bis dahin nicht geblieben. Und jetzt stellen sie sich auch nicht mehr. Zu lukrativ ist das Profigeschäft, zu verlockend die Idee vom schönen, erfolgreichen und gefeierten Fußball.

Fragen stellt inmitten der Sommerpause eher Minge, wenn es unter anderem um die Kaderzusammenstellung geht. Und Minge trifft auch Entscheidungen, darunter einige Spielerverpflichtungen, und eine verhängnisvolle, nämlich Fiel bei einigen von dessen Vorstellungen nicht zu widersprechen. Das Ergebnis ist eine Mannschaft, die in der Lage ist, sogar sehr schönen Fußball zu spielen – theoretisch auf jeden Fall und an guten Tagen auch auf dem Spielfeld. Nur ist der Alltag in der zweiten Liga ganz oft ein anderer. Es wird gekämpft und gegrätscht, dann erst gespielt.

Was passiert eigentlich, wenn Dynamo auf einem Abstiegsplatz steht – lautete eine der Fragen vor Saisonbeginn. Und gibt es einen Plan B für den Trainerneuling? Fiel vermied Prognosen und sagte: „Wir werden bereit sein.“
Was passiert eigentlich, wenn Dynamo auf einem Abstiegsplatz steht – lautete eine der Fragen vor Saisonbeginn. Und gibt es einen Plan B für den Trainerneuling? Fiel vermied Prognosen und sagte: „Wir werden bereit sein.“ © Bildstelle SZ

Doch einen Plan B, eine Abkehr vom auf Ballbesitz und Ballkontrolle ausgerichteten Stil, der mit Kurzpässen ausgehend vom Torwart zum Erfolg kommt, hat Fiel nicht. Oder will ihn nicht spielen lassen, auch nicht, als der Abstand zu den Abstiegsplätzen bedrohlich schrumpft. Die vor allem öffentlich, zunehmend aber auch intern mindestens von Teilen der Mannschaft geführten Taktikdebatten, ob zwei Stürmer vielleicht besser wären und die Abwehrdreierkette nicht doch zu gewagt sei, prallen an Fiel ab. Der sture, stolze Spanier heißt es immer öfter.

Der Negativstrudel im Profifußball funktioniert dann schließlich stets auf die gleiche Weise: Erst bleiben die Ergebnisse aus. Danach geht der Glauben ins eigene Tun verloren, und irgendwann kommen zu schlechten Ergebnissen auch noch schlechte Leistungen. Letztlich bleibt nur eines: die Frage nach dem Trainer.

Minge und Fiel haben sich nach langem Ringen geeinigt, dass eine Trennung für den Verein und auch für die Mannschaft angesichts der sportlichen wie tabellarischen Entwicklung das Beste ist. Für die beiden Männer bedeutet es das Gegenteil.

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Er war der Liebling der Dynamo-Anhänger, wurde als "Fußballgott" gefeiert. Dennoch findet eine Mehrheit, dass die Trennung von Cristian Fiel alternativlos war.

Wie es weitergeht, lässt sich zum Ende dieses wieder mal turbulenten, wenig erfolgreichen Jahres nicht sagen. Dynamo ist Tabellenletzter, Fiel abgetaucht. Er wird rekapitulieren, analysieren, Schlussfolgerungen ziehen. Wird dabei an seine zwei schulpflichtigen Kinder denken, sich mit seiner Frau beraten – und sich vermutlich auch mit Minge besprechen. Gibt es einen Weg zurück in den Nachwuchs? Oder eine andere Position im Verein, die ihn interessiert und ausfüllt? Gibt es überhaupt etwas, das ihn jetzt noch in Dresden hält?

Viele Fragen und die eine Erkenntnis: Auf den nicht ganz unwahrscheinlichen Fall, dass der Erfolg bei einem Trainerneuling ausbleibt, war bei Dynamo niemand vorbereitet. Fiel selbst auch nicht, wobei das noch am verständlichsten ist.

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