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Das fröhliche Zopfmädchen

Die Cottbuserin Aurisa Scheck, heute 21, war als Vierjährige Modell für das legendäre Hoyerswerdaer Haus-Wand-Bild.

Links: Aurisa Scheck heute. / Rechts: Eine Szene für die Ewigkeit, seit dem 5. Juli 2003 stadtbild-prägend in Hoyerswerda.
Links: Aurisa Scheck heute. / Rechts: Eine Szene für die Ewigkeit, seit dem 5. Juli 2003 stadtbild-prägend in Hoyerswerda. © Foto: Angela Donath

Von Angela Donath

Hoyerswerda/Cottbus. Unsere Serie „Was macht eigentlich ...?“ stand noch ziemlich am Anfang, als eine Leserin die Redaktion fragte: Was ist aus dem Mädchen geworden, das einst für das große Wandbild am Hochhaus an der Südstraße Modell stand (besser: sprang)?; Wäre das nicht eine Recherche wert?

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Die Bautzener Firma Fliesen Donner hat die Corona-Zeit genutzt, um neue Ideen in der Verkaufsausstellung umzusetzen. Die Einweihung findet am 4. Oktober statt.

War es! Wir setzten uns mit der „LebensRäume Hoyerswerda eG“ in Verbindung. Das Unternehmen hatte schließlich das von der Südstraße her zu sehende Bild an der Fassade der Albert-Schweitzer-Straße 30-36 im Jahr 2003 in Auftrag gegeben. „Ich weiß noch, dass ich einem kleinen Mädchen bei der Enthüllung des Bildes ein Geschenk überreicht hatte, ich weiß aber beim besten Willen nicht mehr, wer sie war“, schrieb Lebensräume-Chef Axel Fietzek zunächst als Antwort. Doch auch ihn interessierte das nun, und so setzte er sich mit den Cottbuser Künstlern Thomas Strauss und Markus Hillegaart in Verbindung. Das damals sehr junge und heute sehr erfolgreiche Unternehmen „Strauss & Hillegaart“ hatte das Projekt ausgeführt. Beide wussten, wer das Mädchen war – und auch, wo es heute ist: Aurisa Scheck lebt in Cottbus. Die Zeit der Zöpfchen und des fliegenden Röckchens ist vorbei. Sie ist eine aufgeschlossene, kluge junge Frau geworden. Das Treffen in einem Cottbuser Café war eine Freude, das versicherten wir uns beim Abschied gegenseitig.

Hundert Mal der Trampolin-Sprung

Nur wenige besitzen ein so großes Bild aus ihren Kindertagen. „Wie oft kommen Sie denn nach Hoyerswerda und schauen sich das an?“, wollten wir bei diesem Treffen als erstes wissen. – „Wir sind, glaube ich, einmal noch daran vorbeigefahren. An den Tag der Enthüllung (5. Juli 2003, d. Red) kann ich mich noch erinnern. Ich war vier Jahre alt und an dem Haus waren viele Leute, die ich nicht kannte. Außerdem war da, vor dem Bild, ein riesiger Vorhang. Der wurde heruntergelassen – und ich hatte ganz schöne Angst. Dann wurde noch ein Band durchschnitten, alle durften schauen und ich bekam einen Korb geschenkt, mit Spielsachen und sicher mit Süßigkeiten. An so etwas erinnere ich mich.“ Das war schon der vorläufige Schlusspunkt der Geschichte. Wie aber fing sie an; also „wie kamen Thomas Strauss und Markus Hillegaart bei der Motivauswahl auf Sie? – „Sie kannten meine Eltern gut. Für das Motiv wurde ein kleines Mädchen gesucht. Alle im Bekanntenkreis waren damals jung; so viele Kinder gab es da wohl noch nicht. So fiel die Wahl auf mich. Ich weiß noch, dass ich in einem Hinterhof gefühlte hundert Mal auf einem Trampolin ganz weit hochspringen sollte. Thomas hat unzählige Fotos gemacht. Das Trampolin war ziemlich klein, nicht so ein Riesending, wie sie heute überall in den Gärten stehen. Es war anstrengend, war aber doch etwas Besonderes und hat mir sicher Spaß gemacht. Sonst würde ich mich vielleicht nicht mehr so gut erinnern.“

Kreativität vererbt

Wie ging das Leben der kleinen Aurisa nach der „Hoyerswerda-Modelkarriere“ weiter? „Nun, ich bin gewachsen. Ich war im Waldorfkindergarten und später bis zum Abitur an der Waldorfschule in Cottbus. Das Abi habe ich 2018 abgelegt, das war nach der schönen und sehr kreativen Schulzeit ganz schön hart. Außerdem wurde ich große Schwester. Ich bin die Älteste von vier Kindern. Meine beiden Schwestern sind heute sechzehn und zehn, mein Bruder ist acht Jahre alt. Es war immer was los bei uns.“ Dafür sorgen auch die kreativen Berufe und Hobbys der Eltern. Der Papa ist Koch mit eigener Firma, die Mama arbeitet im Jugendamt, aber sie bäckt in ihrer Freizeit wunderbare Dinge und kreiert Eis. Das hat sich wohl auf die Tochter vererbt. Auch Aurisa bäckt oft und mit großer Freude, vor allem Torten. Gern mehrstöckig, im Aussehen dem Anlass entsprechend entworfen und mit Cremes, deren Rezepte sie nicht Büchern entnimmt, sondern selbst erfindet. „Aussehen und Geschmack müssen einfach zueinander passen“, findet sie.

Die erste große Torte stellte sie mit zehn Jahren her. „Das war ein Geschenk für meine Hort-Erzieherin“, erzählt Aurisa so ganz nebenbei. Auf die Frage, wie lange sie für die Herstellung solch eines süßen Kunstwerkes braucht, sagt sie: „So vier Stunden kann das schon mal dauern.“

Noch-nicht-Pâtissière im Erdbeerfeld

Pâtissière (also Konditorin, respektive Feinbäckerin) stand und steht aber (noch?) nicht ganz oben auf ihrer Berufswunschliste. „Nach dem Abi war ich mit meinem Freund für einige Zeit über «Work and Travel» in Neuseeland. Wir wollten eigentlich unser Englisch verbessern. Das ist aber dort gar nicht so leicht. Wir arbeiteten in Kiwi- und Erdbeerplantagen. Die Erdbeeren waren ziemlich fest in deutscher Hand. Die Chefin dort war der Meinung, deutsche Jugendliche seien die fleißigsten.“

Jetzt wohnt sie mit ihrem Freund zusammen in Cottbus und studiert Wirtschaftsingenieurwesen an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU). „Nach dem Abschluss hat man dann eine große Bandbreite an Möglichkeiten, vor allem im Projektmanagement. Eigentlich wollte ich gerne Marketing studieren. Aber das gab es nur privat, das war finanziell nicht leistbar. Im Laufe der nächsten Semester werde ich versuchen, vor allem auch Marketingmodule zu belegen.“ Ansonsten ist das Studium ziemlich mathe- und physikgeprägt. „Mal schauen, wo es mich hin verschlägt. In der zehnten Klasse wäre ich auch gern Mode-Designerin geworden. Ich war sogar in einem Praktikum in einem Atelier in Leipzig. Aber zwei Wochen Knöpfe annähen und Nähte auftrennen, ohne einmal (!) an eine Nähmaschine zu dürfen, obwohl ich wirklich nähen kann, reichten, um zu wissen: Was man beruflich macht, muss auch Spaß machen.“ Ausprobiert hat sich Aurisa auch im sozialen Bereich, doch das Kreative liegt ihr einfach besser, das weiß sie inzwischen.

Erst Holland, dann weiter studieren

Bringt es Vorteile, in der eigenen Stadt zu studieren oder ist das eher anstrengend? „Das hat für uns Vorteile. Wir bekommen BAföG. Für größere Wünsche sind aber studentische Nebenjobs notwendig. Und so helfe ich bei meinen Eltern, besonders bei Papa im Catering, wenn ich gebraucht werde. Das macht mir Spaß, denn es ist abwechslungsreich. In den schlimmen Corona-Zeiten gingen die Aufträge massiv zurück. Aber jetzt geht es wieder aufwärts.“

Wenn dieser Beitrag erscheint, wird Aurisa mit ihrem Freund und einem kleinen umgebauten Camper im Holland-Urlaub sein. „Wir wollen nach Amsterdam und an die Nordsee.“ Das Studium beginnt Corona-bedingt wahrscheinlich erst wieder im November. Wahrscheinlich noch immer nicht mit Präsenz- (Anwesenheitspflicht-) zeiten. Aurisa ist davon nicht begeistert: man sieht die Kommilitonen so selten. Aber es ist nicht zu ändern : Gesundheit geht vor.

Sie passt zu Hoyerswerda

In zehn Jahren wird das Bild des kleinen Zopfmädchens mit ziemlicher Sicherheit noch immer in Hoyerswerda zu sehen sein. Wo sieht sich die echte Aurisa in zehn Jahren? „Ich werde den Bachelorabschluss haben. Danach wollen wir mit meinem Freund für einige Zeit nach Kanada. Sie wissen schon, die englische Sprache ... Den Master habe ich bis dahin auch. Und dann werden wir sehen: In einer größeren Firma, gern in einer größeren Stadt, entwickle und überwache ich entweder Arbeitsprozesse und produktionstechnische Abläufe oder ich bin vielleicht beruflich selbstständig. Nach dem Studium wird sich wieder ein neues Kapitel auftun. Und wie gesagt: Was man macht, muss Spaß machen!“

Ich wüsste gern, wohin Aurisas Weg noch führt. Sie weiß heute noch nicht genau, was sie will; spürt aber sehr genau, was sie nicht will. Sie hat für Hoyerswerda springen gelernt; für die Hoyerswerdaer sichtbar fliegt sie, lachend hoch hinaus, seit 2003 am Hochhaus in der Südstraße. Ihre Eltern haben ihr Kreativität, Mut, Fleiß und Zuversicht mitgegeben. Sie passt, auch jetzt als junge Frau, bestens nach Hoyerswerda! Flieg weiter, Aurisa. Viel Glück.

Dank gilt Axel Fietzek und dem Team der LebensRäume für die Recherchehilfe sowie Strauss & Hillegaart für die Herstellung des Kontaktes zu Aurisa Scheck.

© Foto: Angela Donath

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