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Das Geheimnis der alten Ansichtskarten

Bernd Schicht aus Pesterwitz hat eine besondere Sammlung. Jetzt gibt er einen einmaligen Einblick.

© Frank Baldauf

Von Peter Salzmann

Ein Ortschronist sei er nicht, will Bernd Schicht unterstrichen wissen: Dennoch, die Pesterwitzer Vergangenheit sei für ihn „voller Entdeckungen“, wie der 60-jährige Lagerist bekennt. Er schätzt den dörflichen Charakter, die ideale landschaftliche Lage zwischen Freital und Dresden, lobt vor allem „die rasante Entwicklung“ seines Heimatdorfes. In zwei dicken Mappen – säuberlich eingeordnet und teils laminiert  hat Schicht nahezu 150 Ansichtskarten zusammengetragen, die allesamt einen Blick auf das Gestern und Vorgestern des Ortes gestatten. „Wahrscheinlich werden in ferner Zukunft keine Karten mehr geschrieben“, schaut er etwas wehmütig auf sein Hobby.

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Die vier ältesten postalischen Zeitzeugen stammen aus dem Jahr 1897, zeigen Gasthof und Kirche im Ort. Aufschlussreich der „Gruß aus Strömanns Weinstube“, geschrieben am 12. November 1897. Dieses Lokal am Hang – heute ein vorm Verfall gerettetes und liebevoll gestaltetes Wohnhaus – ist später als „Holfert’s Weinschank“ bekannt geworden, weil bekannte Persönlichkeiten aus Pesterwitz und Umgebung hier immer mal tief ins Glas geschaut haben, unter ihnen der legendäre Graf Luckner. Vom „Restaurant Ernst Zscheile“ konnten die Gäste Ende des 19. Jahrhunderts einen „Gruß von Joch-Höhe bei Potschappel“ schreiben. „Oberpesterwitzer Ansichten“ sind mit schmucken Jugendstilelementen grafisch verziert von 1900, 1903 und 1907 in der Schicht-Sammlung vertreten. Ohne Briefmarke, nur mit dem Stempel „Feldpost“ versehen, ist eine Karte 1941 aus dem populären „Albertheim“ geschrieben worden. In gestochener Schrift wird einem Schützensoldaten versichert: „Wir sitzen hier und trinken Bier und wünschten, Du wärst auch mit hier“, wohl in der Hoffnung, der Zweite Weltkrieg hat bisher dem Adressaten in Polen nichts anhaben können.

Die „bedeutendste Karte“, zugleich der Ursprung von Schichts Sammlung, ist coloriert, stammt von 1913 aus Familienbesitz. Sie ist mit einer Marke „Deutsches Reich“ versehen und zeigt die vier Motive Dorfplatz, Rittergut, Dorfstraße und Schule. Dazu gibt es ein Pendant jüngeren Datums. Es zeigt die gleichen Motive anno 1935 – allerdings in Schwarz-Weiß.

„Dank für das liebe Paket“ ist 1941 auf einer Feldpostkarte vermerkt. Die Vorderseite präsentiert das „Restaurant zur Erholung, Pesterwitz, Paul Müller“ und informiert, dass das heutzutage ruinöse Gebäude unweit der Jakobus-Kirche damals einen schönen schattigen Garten, eine Verbandskegelbahn, prima Speisen und Getränke und sogar eine eigene Schweineschlächterei“ aufbieten konnte und seit 1868 in Familienbesitz gewesen sei.

Aus DDR-Zeiten stammen zehn Schwarz-Weiß-Ansichtskarten, die als Serie 1968 zur Pesterwitzer 900-Jahr-Feier im VEB „Bild und Heimat“ Reichenbach erschienen sind. Foto-Mehling aus Schönfeld hatte in dieser Zeit einen anerkannten Namen.

Bernd Schicht, dessen grauer Lippen- und Kinnbart eine gewisse Würde verleiht, wohnt seit 1954 in Pesterwitz und zeigt mit sichtlichem Stolz das „Dorfgeflüster“, ein Ortsjournal von 1990 bis 2012 herausgegeben vom verdienstvollen Ulrich Wiemer. „Er hatte die Idee“, erzählt Schicht, „zwölf Folgen in drei Jahren mit meinen historischen Postkarten samt Texten zu veröffentlichen.“ Dabei habe auch Orgelbauer Gerhard Lehmann geholfen, der sich als „Pesterwitzer Urgestein“ an viele Dorfgeschichten erinnern konnte.

Seit 1988 hat Bernd Schicht alle Presseartikel gesammelt, die sich mit Pesterwitzer Geschehnissen befassen. 95 Prozent des Stoffes habe ihm die Sächsische Zeitung geliefert. Weinbauer Lars Folde habe ihn später ermutigt, zwei Kalender unter den Titeln „Pesterwitz auf historischen Postkarten“ und „Pesterwitzer Gaststätten“ herauszugeben. Die 70 wertvollen Ansichtskarten in beiden Kalendern sind überaus aufschlussreich. Bernd Schicht weiß: „Mit dem 2. Jahrgang des Kalenders im Stil um 1910 möchte der Herausgeber ein Zeichen für den Start der Vorbereitungen zur 950-Jahr-Feier der Gemeinde Pesterwitz im Jahr 2018 setzen.“