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Leben und Stil

Das Geheimnis der Kopfweiden

Sie sind von Menschen geschaffene Kunstwerke in der Natur. Derzeit werden Kopfweiden in Sachsen beschnitten. Unterwegs mit Baum-Freund Jakob Christ.

Bizarre Persönlichkeit: Eine alte Kopfweide im Winter.
Bizarre Persönlichkeit: Eine alte Kopfweide im Winter. © Helmut Hess/Getty Images

Schnipp, schnapp. Ritsch, ratsch. Zwischen Vogelgesang und dem leisen Rauschen der Autobahn mischen sich im beschaulichen Nöthnitzgrund im Dresdner Süden die Geräusche von Gartenscheren und Sägen, die sich durch dichtes Geäst arbeiten. Gut 20 Menschen jeden Alters haben sich an diesem Samstagmorgen im Februar eingefunden, um Kopfweiden zu schneiden. Manche gehören dem Naturschutzbund Nabu an, einige der Naturschutzjugend. Andere sind Aufrufen im Internet oder in Schaukästen gefolgt.

Auch Jakob Christ arbeitet mit, seit vielen Jahren schon. Er kennt sie gut, die Kopfweiden im Dresdner Süden. Als Kind kletterte er gern in ihnen herum. Als junger Mann begann er, sich für Naturschutz zu interessieren. Er sah sich verschiedene Gruppen an. Und landete schließlich in einer Truppe, die Gehölze pflegt, Kopfweiden vor allem und Obstbäume.

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Inzwischen organisiert Jakob Christ die Schnitt-Aktionen selbst, als Nabu-Mitglied und als ehrenamtlicher Mitarbeiter des Naturschutzdienstes Dresden. Prüfend steht er vor einer Weide, die bei früheren Schneideaktionen vergessen worden war und sich meterhoch in den Himmel schraubt. Nun soll sie abgesägt werden. Aber wo ansetzen?

In diesen Wintertagen sind in Sachsen viele Menschen unterwegs, um Weiden zu stutzen. Manche dieser Trupps arbeiten im Auftrag von Städten und Gemeinden. In vielen Fällen entsenden Landschaftsschutz- und Naturschutzvereine Menschen, die die Bäume beschneiden. Dafür gibt es Fördermittel. Geschnitten wird nicht, damit die Landschaft ordentlicher aussieht. 

Ohne Pflege würden die Kopfweiden auseinanderbrechen. Das Schneiden stabilisiert sie und erhält sie als das, was sie sind: Jede Kopfweide ist eine Art Kulturdenkmal und zudem extrem nützlich für die Umwelt, da sie vielen Tieren, Pflanzen und Pilzen einen Lebensraum bietet.

Jakob Christ beim Schnitt-Einsatz in Dresden.
Jakob Christ beim Schnitt-Einsatz in Dresden. © Christian Juppe

Eine Kopfweide ist keine eigene botanische Art, sondern ein Gebilde, das durch menschlichen Eingriff entsteht. Das immer wieder nötige Kappen in Reichhöhe des Menschen führt zur typischen Form: Der Stamm wird im Laufe der Jahre zunehmende kräftiger und bildet am oberen Ende Verdickungen, eine Art Kopf, aus denen immer wieder Ruten wachsen. Vor allem im ersten Jahr nach einem Kopfschnitt treibt der Baum stark, oft bis zu zwei Meter. Die schmaleren Äste können mit Gartenscheren beschnitten werden, bei den dickeren kommen Sägen zum Einsatz.

Jakob Christ hat nun entschieden, dass die wilde Weide nicht wie sonst üblich etwa auf Höhe seiner Brust abgesägt wird, sondern etwas darüber. „Es sieht einfach schöner aus“, sagt er. „Der Stamm windet sich hier noch mal, das ergibt ein besseres Bild.“ Die meisten Menschen mögen das ein wenig seltsam finden. 

Für Jakob Christ aber ist die Kopfweide nicht nur ein Baum, sondern ein erstaunliches Lebewesen. „Sie ist für mich wie ein Kunstwerk“, sagt Christ. Jede Weide ist anders. Die Art, wie sich die Stämme emporwinden, biegen, Kurven beschreiben. Je älter die Weiden werden, desto weiter öffnet sich der Stamm. Das Holz bildet Höhlen und Löcher aus. Die Rinde reißt auf, beschreibt Wellen und erstaunliche, beinah grafisch anmutende Strukturen. Flechten und Moose überziehen den Baum, formen hellgrüne oder blaugraue Teppiche. Erstaunlich sind auch die knallroten Wurzeln, die in den Bach ragen.

Vincent van Gogh verehrte sie

Dem eigentümlichen Reiz der Kopfweiden sind schon viele Menschen erlegen, Künstler zumeist und sensible Naturen. Das Zweigwerk der winterlichen Kopfweiden über dem knorrigen Stamm, aber auch die zarte und hellgrüne Belaubung im Frühjahr fanden immer wieder Eingang in die Malerei, zieren Aquarelle, Gemälde und künstlerische Fotografien. Einer der größten Verehrer der Kopfweide war Vincent van Gogh. Er zeichnete und malte sie wiederholt; und Albrecht Dürer verewigte 1512 eine Kopfweide im Porträt des heiligen Hieronymus.

Weit gehen mussten sie nicht, um ihre Modelle zu finden: Kopfweiden sind ein uraltes Kulturgut. Sie waren über Jahrhunderte ein wesentlicher Bestandteil der agrarisch geprägten Landschaft. Im Nöthnitzgrund, den heute gern die Stadtbewohner auf einem idyllischen Weg durchwandern, kann man dies noch sehr gut erkennen. „Das waren harte Zeiten“, sagt Jakob Christ. 

„Der Mensch musste alles, was er essen wollte und brauchte zum Leben, mühsam erarbeiten. Deshalb wurden die Flächen extrem gut ausgenutzt.“ Wo die Böden gut und flach waren, wurde Feldwirtschaft betrieben. Magere oder stark hügelige Flächen dienten als Heuwiesen und Weideland für Tiere. Und auf jeden verfügbaren Flecken in der Landschaft kamen Obstbäume und Weiden.

Eine Kopfweide im Frühling.
Eine Kopfweide im Frühling. © Caro

Es gibt Hunderte verschiedene Weidenarten, ungefähr 30 in Mitteleuropa. Manche wachsen als Sträucher, andere als Bäume. Sie sind aus weichem Holz, bilden vor oder mit dem Blattaustrieb Kätzchen, lieben Licht und Wasser und gedeihen deshalb hervorragend in der Nähe von Gewässern und auf feuchten Wiesen. Zwar können sie sich mithilfe ihrer Samen vermehren. Viel häufiger aber fällt Geäst ab, wird durch die Ströme und Bäche, an deren Ufern sie mit Vorliebe wachsen, weitergetrieben. Die Äste bilden bald Wurzeln, krallen sich fest und wachsen rasch heran. Entsprechend leicht lassen sich Weiden als Stecklinge pflanzen und vermehren.

Die Menschheit erkannte offenbar schon in der Steinzeit den vielfältigen wirtschaftlichen Nutzen der Weiden. Im Mittelalter wurden sie systematisch gepflanzt. Ihre schnell wachsenden Zweige sind biegsam, aber durchaus stabil. Die dickeren Äste dienten als Feuerholz, Gartengeräte oder Pfähle. 

Die dünneren Exemplare lassen sich gut flechten und fanden Verwendung im Fachwerk der Häuser, als Zaun, Rankhilfe, Bindematerial im Weinbau oder als Behältnis. Oder sie dienten als Viehfutter, Einstreu im Stall oder kamen beim Gerben von Leder zum Einsatz. Sogar Zeichenkohle wurde aus Weide gewonnen. Lange Zeit schon gilt Weidenrinde als heilkräftig und wirksam gegen Schmerzen, des darin enthaltenen Salicins wegen.

Viel Leben in den Bäumen

Viele dieser Produkte werden heute nicht mehr gebraucht, auf andere Weise hergestellt oder kommen als Billigware aus dem fernen Osten. Aus ökonomischer Sicht benötigt niemand mehr die Kopfweiden. Allerdings werden sie häufig zur Befestigung von Ufern eingesetzt. Und in einer Landschaft, die maßgeblich von industrieller Agrarwirtschaft geprägt ist, ist jedes Inselchen wichtig, das Tieren Unterschlupf und Nahrung bietet. Das können Wildwiesen sein, ungespritzte Feldränder, Totholz, Steinhaufen – und Kopfweiden.

Jakob Christ ist immer wieder fasziniert, wie viel Leben sich auf und in einer einzigen Kopfweide tummelt. Die Weidenkätzchen ziehen Bienen an, vor allem die Wildbienen sind auf diese Nahrungsquelle angewiesen. Die Gelbhalsmaus nutzt die Kopfweide als Vorratskammer und versteckt dort ihre Haselnüsse. Vögel wie die Amsel, der Zaunkönig oder die Singdrossel schätzen die Weiden als Nistmöglichkeit. 

Die weichen Weiden bilden in ihrem Stamm kein festes Kernholz und sind deshalb voller Löcher, Nischen und Höhlen, die Fledermäuse gern aufsuchen als Winterquartier. Das zerfallende Holz im Innern des Stammes bildet Mulm, eine erdige, nährstoffreiche Substanz, die Insekten anzieht. Etwa 180 Arten siedeln auf einer Kopfweide. Der Juchtenkäfer etwa, auch Eremit genannt, verbringt gern sein komplettes Leben in einem Baum. Die Männchen sitzen in Höhlen, verströmen ihren Lockstoff und warten auf Weibchen. „Diese legen die Eier in den Mulm, von dem sich dann die Larven ernähren“, sagt Jakob Christ.

Für das Schnittgut, das an diesem Sonnabend im Nöthnitzgrund anfällt, gibt es auch heute noch Abnehmer. Kindereinrichtungen, die Hütten oder Körbe flechten wollen. Und immer mehr Gartenbesitzer kommen, die sich aus dem Internet Anleitungen herunterladen, um Lauben, Bänke, Zäune oder Rankhilfen herzustellen. „Was noch übrig ist, schichten wir an geeigneten Stellen zu Haufen“, sagt Christ. Dort lassen sich dann gern Igel nieder.