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Weißwasser

Das Geheimnis ist gelüftet

Kugel, Wetterfahne und Stern der Trinitatiskirche Gablenz werden zurzeit restauriert – Gelegenheit, nach den alten Zeitzeugnissen zu schauen.

Erwartungsvoll schauen Rudolf Krahl vom Gemeindekirchenrat, Pfarrerin Miriam Arndt und Bürgermeister Dieter Noack (v.li.) auf das, was aus der Schatulle alles zum Vorschein kommt.
Erwartungsvoll schauen Rudolf Krahl vom Gemeindekirchenrat, Pfarrerin Miriam Arndt und Bürgermeister Dieter Noack (v.li.) auf das, was aus der Schatulle alles zum Vorschein kommt. © Foto: Constanze Knappe

Gablenz. „Mit Schwung und Elan für die Verwirklichung all unserer Pläne“ – so titelte die Tageszeitung im Nordkreis am 6. Mai 1972. Die Rückseite informierte über den Auftritt eines Ensembles sowjetischer Soldaten im Kreiskulturhaus. Jenes wie auch den ganzen Kreis Weißwasser gibt es nicht mehr, weshalb derlei Schlagzeilen am Mittwochabend in Gablenz für allgemeine Erheiterung sorgten. 

Im Saal des Pfarrhauses wurde die Schatulle geöffnet, die in der Kugel auf dem Kirchturmdach der Trinitatiskirche enthalten war. Zwei Dachdecker hatten die Kugel samt Schatulle abgenommen. Reingeguckt habe er noch nicht, sagte Dieter Platzk. Er ist der Baubetreuer der evangelischen Kirchengemeinde, sieht sich selber aber lieber als Verbindungsmann zwischen Kirchengemeinderat, Architekten und Baufirmen. Seit Mai 2019 wird der Turm der Barockkirche umfassend saniert, 2020 ist das Kirchenschiff dran.

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Vorsichtig hatte der Gablenzer bereits die Ränder der Schatulle gelöst. Dennoch brauchte es seine Zeit, das Kupferrohr zu öffnen. Bei den Anwesenden war derweil Geduld gefragt. Rudolf Krahl ist seit mehr als 40 Jahren im Gemeindekirchenrat, seit langer Zeit dessen Vorsitzender. Der Ur-Gablenzer war 1972 dabei, als die Schatulle befüllt wurde. „Eine spannende Sache“, kommentierte er nun das Öffnen. Schließlich wusste der 69-Jährige als Einziger, was da herauskommen würde. Gemeinsam mit Pfarrerin Miriam Arndt zog er die Dinge hervor. Eingewickelt kamen eine weitere Zeitung (die Neuesten Nachrichten für Weißwasser und den Kreis Rothenburg-Hoyerswerda vom 4. September 1912), ein nach Hausnummern geordnetes Einwohnerverzeichnis von 1911, die Gablenzer Geschichte in einem Heft von 1909 sowie diverse Münzen aus dem Kaiserreich zum Vorschein. Dazu die Abschrift einer Urkunde zum Bau der Kirche zwischen 1758 und 1760. Mehr als baff war die Pfarrerin, als sie kurz darauf die Urkunde von 1760 aus Pergament im Original in den Händen hielt. „Ganz schön mutig, sie so der Witterung auszusetzen“, staunte sie.

Die Zeugnisse der alten Zeit waren 1972 ergänzt worden. Etwa mit einem „Situationsbericht der Kirchengemeinde“. Darin heißt es, dass 80 Prozent der Einwohner kirchlich sind und etwa die Hälfte der Kinder an der Christenlehre teilnimmt. Außerdem wurde festgestellt, dass die jungen Dorfbewohner abwandern – in die Industriezentren Weißwasser und Boxberg. Ein Foto von 1972 zeigt den eingerüsteten Kirchturm. Rudolf Krahl erinnert sich, wie Mitglieder der Jungen Gemeinde und andere Helfer aus dem Dorf, alles in allem an die 30 Mann, beim Einrüsten mit anpackten.

Abgenommen wurden jetzt Stern, Wetterfahne und Kugel im Beisein eines Metallgutachters. „Alles, was ausgebessert wird, wird in der Patina nachgebildet, damit es ein einheitliches Bild gibt“, erklärte Dieter Platzk. Der Stern wird vergoldet und auch ein vergoldeter Ring um die Kugel angebracht. Das sei eine Auflage des Denkmalschutzamtes an den Metallrestaurator. Im August werden die Teile wieder aufgesetzt und zuvor die Kugel befüllt – mit den historischen Zeugnissen in einer Schatulle und aktuellen Dokumenten aus Gablenz in einer zweiten Röhre. Was genau diese enthalten soll, darüber ist man sich noch nicht ganz einig. An Auszüge aus der Dorfchronik 750 Jahre Gablenz 2018 und Fotos ist gedacht. Dieter Platzk geht davon aus, dass die Kugel mit den Schatullen „in den nächsten 30 Jahren nicht mehr runterkommt“.

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