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Das gescheiterte Projekt

René Bostelaar schmeißt nach 29 Monaten im Klinikum hin. Die Stadt ist erleichtert.Seine Bilanz ist umstritten. Sein Erbe problematisch.

Von Sebastian Beutler

Vor zehn Tagen hatte das Klinikum zur Pressekonferenz geladen. Das Krankenhaus wollte erklären, warum es dem öffentlichen Klinikverbund Clinotel beigetreten war. Wer René Bostelaar erwartet hatte, wurde enttäuscht. Statt seiner erläuterte Ulrike Holtzsch, die kaufmännische Direktorin, welche Vorteile sich ihr Haus von diesem Beitritt verspricht. Je länger sie sprach, umso stärker drängte sich der Eindruck auf: Hier spricht die Geschäftsführerin. Nur einmal nahm sie auf René Bostelaar Bezug. Aber das verstärkte eher den Eindruck als dass es ihn abschwächte. Seit Freitagabend ist Ulrike Holtzsch tatsächlich die neue Geschäftsführerin des Görlitzer Krankenhauses. Die Episode René Bostelaar ist beendet.

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Dass der Holländer am Ende so schnell abtritt, hatte kaum jemand erwartet. Freilich fand sich gestern auch niemand, der ihm ein Wort des Lobes oder des Dankes nachrief. Das Äußerste war die Mitteilung von Oberbürgermeister Paulick, dass Bostelaars Weggang dem Klinikum und der Stadt keine zusätzlichen Kosten verursache.

Kosten hat die nur 29 Monate dauernde Amtszeit des früheren Pflegedirektors aber schon verursacht. Nur kann oder will sie niemand beziffern. Was hat das Klinikum der Weggang der gesamten Urologie ans Malteser-Krankenhaus St. Carolus gekostet? Was hat das Klinikum die rege Bautätigkeit Bostelaars gekostet? Was hat die konfrontative Strategie Bostelaars gegenüber den Mitarbeitern gekostet? Was hat Bostelaars Alleinvertretungsanspruch für qualitativ hochwertige Krankenhausleistungen gegenüber dem Carolus-Krankenhaus gekostet? Was gegenüber den Landkreis-Krankenhäusern? Die Fragen könnte man noch endlos fortsetzen. Die Erleichterung, mit der die städtische Politik auf Bostelaars Weggang reagierte, gibt einen Hinweis darauf, wie belastend zuletzt sein Regime auf alle Beteiligten wirkte.

Als er im Oktober 2009 das Krankenhaus übernahm, bezeichnete er es als ein „funktionierendes Schwerpunktkrankenhaus“, das sich auf „große Veränderungen“ einzustellen habe. Das wollte er in Netzwerken, Kooperationen und neuen Finanzierungsmöglichkeiten tun. Vor allem müsste das Krankenhaus alles tun, dass „Patienten und auch die einweisenden Ärzte Vertrauen zu uns haben“. Nach innen legte er ein striktes Rationalisierungsprogramm auf, nach außen eines der Abgrenzung. So sprach er sich als Erstes gegen eine Kreisholding aus, ein Bürgerbegehren für die Eigenständigkeit des Hauses kam ihm zupass. Dann wollte er das Carolus-Krankenhaus an den Rand drücken, indem er den Urologen Schmitz mit einem 250000 Euro-Vertrag für 13 Stunden Arbeitszeit in der Woche holte – mit voller Rückendeckung vom damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden Walter Oeckl und dem Görlitzer Oberbürgermeister Joachim Paulick.

Der Clou aber wurde zur Zäsur. Anschließend gelang ihm kaum mehr etwas. Ärzte wanderten massenweise ab, ja ganze Abteilungen wie die Urologie. Das Carolus holte sich weitere Ärzte vom Klinikum, politisch verlor Bostelaar Rückhalt, bei seinen Mitarbeitern genauso. In Dresden erreichte er nichts mehr: Weder konnte er Fördermittel für das angestrebte Brustkrebszentrum einwerben noch für die Sanierung des Hauses C. Zwar gelang es ihm, auch neue Chefärzte ans Krankenhaus zu binden, wirtschaftlich lief nichts aus der Bahn, er schuf Parkplätze und zog Neubauten hoch. Doch je länger Bostelaar amtierte, umso einsamer wurde es um ihn. Besuchte er noch vor einem Jahr Neujahrsempfänge in Görlitz, so musste dieses Mal Ulrike Holtzsch allein die Runden drehen. Vermutlich gab aber letztlich der Weggang des Brustkrebsexperten Mario Marx den Ausschlag für das unrühmliche Ende Bostelaars. Wenn alles so toll im Klinikum lief, so fragten sich immer mehr, warum verlassen dann so viele das Haus? Darauf gab es keine Antwort. Durchhalteparolen nutzten letztlich auch nichts mehr. Dass Bostelaar seine Gründe für den Weggang nicht mal persönlich erläuterte, sondern ein Anwaltsschreiben vorschickte, sagt viel über das Verständnis und die Haltung des Holländers gegenüber Görlitz.

Der schnelle Wechsel zu Ulrike Holtzsch lässt fürs Erste kein Vakuum an der Spitze entstehen. Doch er kann nicht über die vielen Akteure hinwegtäuschen, die von Bostelaars Handeln beschädigt zurückbleiben. Einer von ihnen ist auch Oberbürgermeister Joachim Paulick. Ausgerechnet neun Wochen vor der OB-Wahl kommt Bostelaars Schritt vielleicht gerade noch rechtzeitig für ihn. Denn bis zum Freitag hatte Paulick noch alle Schritte Bostelaars gut geheißen und Kritik zurückgewiesen. Der Oberbürgermeister tat am Freitag das, was ihm in dieser Krise übrig blieb: Der König ist tot, es lebe der König. „Reinen Gewissens“, so sagte er vor den Stadträten, könne er die neue Geschäftsführerin empfehlen. Manche im Rat konnten sich ein heftiges Lachen nicht verkneifen.