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Das Gesicht von Perba

Rentner Joachim Möhler hat im Dorf Ruhe gesucht. Jetzt wird er durch die Asyl-Debatte international bekannt.

Von Christoph Scharf

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Eine ausgedehnte Fahrradtour ist fabelhaft – wenn sie gut vorbereitet ist.

Joachim Möhler wirkt wie ein Mensch, den nichts so schnell aus der Fassung bringt. Breitschultrig, untersetzt, bedächtig sprechend. Vor acht Jahren ist der studierte Maschinenbauer nach Perba gezogen, um dort mit seiner Lebensgefährtin den Ruhestand zu genießen. Nun wurde er zum Mann, der in der Öffentlichkeit steht. In den vergangenen Wochen haben ihm Journalisten der ARD, der britischen BBC, der Frankfurter Allgemeinen, der Irish Times ihre Visitenkarten dagelassen. Er hat eine Einladung zu Günther Jauch ausgeschlagen, stand aber bei Versammlungen, im Kreistag und in Dresden im Rampenlicht. Und zweimal schon hätte er beinahe eine Rede bei Pegida gehalten.

Die Irish Times schreibt am 17. Januar über Pegida – und den Protest von Joachim Möhler und seinen Nachbarn.
Dagens Nyheter, Schwedens größte Morgenzeitung, druckt am 12. Januar ein Foto. Das liberale Blatt erreicht Hunderttausende Leser.
Das ZDF-Morgenmagazin berichtet am 20. Januar.
Der MDR veröffentlicht am 7.Januar einen Bericht über die Diskussion in der Landeszentrale für politische Bildung.

Wie konnte das passieren? „Ich bin dazu gekommen, wie ein Blinder zur Backpfeife“, sagt der 65-Jährige mit einer selbst geprägten Redensart. Will heißen: Da war nichts geplant. Das hat sich alles von allein entwickelt. Doch einen Wendepunkt gab es: Am 13. November 2014 werden die Nossener im Stadtrat eher beiläufig informiert, dass bald 50 Asylbewerber in den abgelegenen Ortsteil Perba ziehen sollen. Gerüchte darüber gab es schon Monate zuvor – offizielle Informationen dagegen nicht. Das macht Joachim Möhler wütend. Und so schreibt der frühere Betriebsleiter der Ziegelei Graupzig wenig später einen geharnischten offenen Brief an den Landrat. Die Asylantenpolitik im Landkreis sei unverantwortlich, für alle beteiligten Seiten untragbar und von hilflosem Aktionismus geprägt. „Kann es wirklich in Ihrem Interesse liegen, dass 50 Asylanten aus fünf verschiedenen Ländern in ein Dorf von gerade mal 160 Einwohnern umgesiedelt werden?“, will Möhler von Landrat Arndt Steinbach wissen. „Halten Sie es für tragbar, dass diese 50 Menschen in einem abgelegenen Dorf ohne Einkaufsmöglichkeiten und ohne jegliche kulturellen Angebote einen angemessenen Platz finden?“

Auf eine Antwort darauf wartet er bis heute. In einer Einwohnerversammlung in Lossen, einen Tag nach dem offenen Brief, sitzt er ganz vorn – und hat das Gefühl, dass die Argumente der Perbaer von den Vertretern des Kreises nicht ernst genommen werden. „Wir haben immer gesagt, dass wir Asylbewerber gern aufnehmen. Aber nicht in dieser Menge!“ Doch die Zahl für Perba verringert sich nicht. Im Gegenteil. Nach der Versammlung heißt es gar, der Landrat habe im Zwiegespräch mit einem Anwohner mit 50 weiteren Asylbewerbern gedroht, sollte der Ort nicht Ruhe geben. Der Landrat weist die Behauptung zurück – Aussage steht gegen Aussage.

Notlösung Pegida

Nun wird der Ton schärfer. Joachim Möhler ruft zum stummen Protest vor dem Landratsamt auf. In Sichtweite der geplanten Asylbewerber-Unterkunft hängen Transparente. Tenor: „15 ja, 50 nein!“ Nach der SZ berichten auch andere regionale Medien über das Dorf, das in dem Verhältnis von Einwohnerzahl und geplanter Unterbringung einzigartig in Sachsen ist. Unterschriften werden gesammelt, ein Reporter der Super-Illu kommt nach Perba. Ansprechpartner ist Joachim Möhler. „Ich bin Rentner, ich habe nichts zu verlieren“, sagt der 65-Jährige. „So bin ich quasi zum Sprecher des Dorfs geworden – natürlich ohne Alleinvertretungsanspruch.“

Künftig hält er seine Nachbarn über neue Entwicklungen auf dem Laufenden. Möhler besucht die Kreistagssitzung – und fühlt sich bei seiner Wortmeldung abgewürgt. Dafür bekommen die Bürger bei anderer Gelegenheit die Möglichkeit auszureden: Die Perbaer organisieren auf eigene Faust im Nachbardorf Schleinitz einen Diskussionsabend mit Frank Richter von der Landeszentrale für politische Bildung. Langsam kommt Joachim Möhler in Fahrt. Es gibt neue Leserbriefe, Zeitungsbeiträge, Diskussionsveranstaltungen. Bei einer Veranstaltung in Dresden wird der Mann mit der großen Brille und der hohen Stirn von der Süddeutschen Zeitung und vom MDR-Fernsehen interviewt. Die Reporter freuen sich, einen Betroffenen zu finden, der sich mit Namen zitieren lässt.  Bald  melden sich RTL, die Irish Times und Schwedens Dagens Nyheter bei Möhler. Allen sagt er, dass er zu Pegida geht. „Weil von den Behörden und Politikern keiner zuhört oder reagiert.“ Zweimal soll er bei den Pegida-Demonstrationen eine Rede halten – beide Male kommt etwas dazwischen. Dafür erreicht eine Einladung zu Günter Jauch den Perbaer, die er nach reiflicher Überlegung absagt. „Rhetorisch bin ich den Profis doch nicht gewachsen“, sagt der 65-Jährige. „Und wenn ich mich provozieren lasse, gibt das nur einen Eklat.“

Im Nachhinein ist Möhler froh, die Einladung ausgeschlagen zu haben. „Anstand und Streitkultur sehen anders aus“, sagt er, nachdem er die Gesprächsrunde im Fernsehen verfolgt hat. Er hofft, dass die nächsten Gesprächstermine in Dresden deutlich konstruktiver werden – und man über die Verteilung von Asylbewerbern noch einmal nachdenkt. „Mein Wunsch für 2015 ist es, dass sich die Pegida-Bewegung erübrigt – weil sich Parteien finden, die diese Probleme aufnehmen. Die Bürger sollen sich wieder vertreten fühlen!“

Im Dorf ist man noch immer gespannt. Anfang Februar sollen die Asylbewerber kommen. „Trotz allen Streits steht fest: Wir werden die Leute begrüßen“, sagt der bekannteste Einwohner.

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