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Görlitz

Das große Aufatmen

Viele sind erleichtert über die Wahl für Ursu, manche wollen sich nicht äußern. Und einige zeigen ihre Enttäuschung.

Alle Kameras auf Görlitz: Bei den Görlitzern selbst dürfte die Spannung am größten gewesen sein. Viele verfolgten die Stimmauszählung wie hier in der Jägerkaserne.
Alle Kameras auf Görlitz: Bei den Görlitzern selbst dürfte die Spannung am größten gewesen sein. Viele verfolgten die Stimmauszählung wie hier in der Jägerkaserne. © Nikolai Schmidt

Sonntagabend, gegen 23 Uhr: Die Wahlparty für den neuen Görlitzer OB Octavian Ursu am Untermarkt dürfte so langsam vorbei sein. Görlitz aber ist weiter in aller Munde. Auf Spiegel Online strahlt einem der neue OB entgegen. Auf der Internetseite vom Stern sieht es ähnlich aus, auch hier ist weit oben ein Görlitz-Artikel zu finden. Zeit Online macht am Montagmorgen mit einer Reportage vom Wahlabend auf. Jetzt, wo alles vorbei ist, wird das überregionale Interesse sicherlich wieder kleiner werden. In Görlitz selbst aber wird diese Wahl noch lange nachhallen, vermutet Bürgermeister Michael Wieler. „Das Ergebnis wird die Leute noch beschäftigen“, nimmt er an.

55,2 Prozent der Stimmen holte Octavian Ursu von der CDU, 44,8 Prozent gingen an Sebastian Wippel, der für die AfD antrat. Im ersten Wahlgang, als noch vier OB-Kandidaten im Rennen waren, lag Wippel mit 36 Prozent sogar vor Ursu mit rund 30 Prozent der Stimmen. Vorm zweiten Wahlgang hatten die beiden OB-Bewerberinnen Franziska Schubert, die von den Grünen, den Bürgern für Görlitz, SPD und Motor Görlitz unterstützt wurde, sowie Jana Lübeck von der Linkspartei ihre Kandidaturen zurückgezogen. Und teils deutlich, teils weniger klar ihre Wahlempfehlung für den CDU-Bewerber ausgesprochen.

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„Viele werden sich klargeworden sein, dass es auf den Einzelnen ankommt“, sagt Michael Wieler. Das sieht er sehr positiv bei dieser Wahl: Die Politisierung der Görlitzer Stadtgesellschaft. Die Aktivierung vieler soll weiter anhalten, wünscht er sich. Und, dass Gräben geschlossen werden, die sich im Wahlkampf und auch im Wahlergebnis zeigten. „Die Ursachenforschung ist für mich noch nicht abgeschlossen“, so Wieler. „Wie geht man damit um, wenn so viele Menschen sich hier – sehr plakativ gesprochen – anders fühlen als im Rest von Deutschland?“ Auch das sei eine Frage für die Stadtgesellschaft.

Fast wie einen Krimi empfand er den Wahlabend, sagt Markus Bauer, Leiter des Schlesischen Museums. Gerade am Anfang der Auszählung, als bei den Zwischenergebnissen mal Wippel, mal Ursu vorne lag. Mit dem Ergebnis für Letzteren „bin ich sehr glücklich“, so Bauer. „Es hätte gerne noch eindeutiger und klarer ausfallen können.“ Letztlich ist er aber erleichtert. „Die Wahrnehmung unseres Museums hängt auch vom Umfeld ab“, erklärt er. Auch mit Blick auf Partner in Polen oder internationale Besucher hatte er nicht darauf gehofft, dass Görlitz die erste Stadt mit AfD-Oberbürgermeister werden würde. Aus wirtschaftlicher Sicht sieht Heiko Kammler, Geschäftsführer von Infotech, das ähnlich. „Wir sind angewiesen auf eine Stadt ohne Grenzen“, sagt er. Alleine schon bei der Mitarbeitersuche beispielsweise könne man sich Grenzen in den Köpfen wie tatsächliche Abgrenzung gar nicht leisten.

Wie knapp es zu Beginn der Auszählung aussah – und wie unterschiedlich in den verschieden Stadtteilen gewählt wurde, weiß Jasper von Richthofen, Leiter des Kulturhistorischen Museums. Er gehörte zu den Wahlhelfern und hat in Königshufen Stimmen ausgezählt. Und dort habe es für Octavian Ursu nicht gut ausgesehen. Sebastian Wippel bekam deutlich mehr Stimmen. Nach dem Auszählen in Königshufen ging es in die Jägerkaserne, um das vorläufige Endergebnis abzuwarten. „Es ist eine große Erleichterung“, sagt von Richthofen. „Ich hoffe, dass wir mit Herrn Ursu die Kulturentwicklung in Görlitz weiterführen können.“ Mit einem AfD-Bürgermeister Sebastian Wippel hätte er diese Hoffnung weniger gehabt. „Die hiesige AfD hat sich mit Blick auf die Kulturpolitik bisher nicht mit Ruhm bekleckert. Die anderen Kandidaten hatten sich damit mehr beschäftigt.“

Rainer Müller, Vorsitzender des Aktionskreises für Görlitz war am Sonntag in Berlin, beim Abiball seines Enkels. „Aber mit einem Ohr war ich immer bei der Wahl in Görlitz. Es ist kein rauschender Erfolg“, sagt er. „Aber wir haben uns alle gefreut. Ich sage nichts Schlechtes über Sebastian Wippel, aber ich sage auch nichts Gutes über die AfD in Görlitz. Deren Wahlsieg hätte enorm geschadet.“

Stimmen zur Wahl

Ich danke Gott für den Ausgang der OB-Wahl in Görlitz. Unsere Europastadt hat einen OB mit Migrationshintergrund gewählt. Ich finde das klasse. Zudem weiß ich, dass er als ehemaliger Musiker mehr Ahnung von Teamarbeit hat, als viele andere Menschen. Im Orchester kann nicht jeder drauflosspielen, um sein Ego zu befriedigen. Da kommt es aufs Hinhören, Vorweghören an. Gratulation an Görlitz für die Wahl!

Gerhild Kreutziger, SPD-Kreisvorsitzende

Bei aller Freude: Wir werden hart arbeiten müssen, damit Görlitz den Makel, AfD-Hochburg zu sein, wieder los wird. Was die Wahlergebnisse angeht, stimmt es ja. Was das Kultur- und Geistesleben angeht und die reale Politik des bisherigen Stadtrates und der Verwaltung sieht es doch anders aus. Mit einem OB Ursu wird eine stabile Stadtratsmehrheit diesen Weg entschlossen weitergehen.

Joachim Schulze, Görlitzer Grünen-Chef

Die größte antidemokratische Partei hat leider wieder gewonnen.

Detlef Lothar Renner, Büroleiter Sebastian Wippel

Überparteilichkeit ist nichts Schlechtes. Wir bedanken uns für den Zuspruch aus nahezu aller politischen Coleur! Für ein buntes Görlitz!

Union der Mitte Deutschlands, Eine Mitgliederinitiative der CDU und CSU

Herzlichen Glückwunsch an Octavian Ursu. Es gilt jetzt Brücken zueinander zu bauen, die gespaltene Stadtgesellschaft zu einen. Ein ,weiter so’ kann es nicht geben. Das haben die Ergebnisse des ersten und auch des zweiten Wahlganges gezeigt. Es ist kein Tag für euphorischen Jubel. Eher für Demut und eine neue Stadtpolitik, die nicht auf Lagerdenken setzt, sondern an Themen arbeitet, unabhängig von Parteien und Fraktionen.

Mike Altmann, Sprecher von Motor Görlitz

Ich freue mich, dass Görlitz sich mit demokratischer Mehrheit für eine weltoffene Europastadt entschieden hat. Das stärkt die Menschen, die sich für eine gute Zukunft der Stadt einsetzen. Görlitz hat damit die Chance, den begonnenen guten Weg fortzusetzen.

Franziska Schubert, OB-Kandidatin gegenüber der Leipziger Volkszeitung

Es wird keine leichte Aufgabe sein, nach solchen Wahlkämpfen und noch mehr in diesen aufgewühlten Zeiten die harten Grenzen zwischen Lagern zu überwinden. Ich wünsche viel Kraft und Erfolg dabei! Und freue mich auf eine zielgerichtete und ehrliche Zusammenarbeit. Nutzen wir gemeinsam die Hilfe aller, die unsere Region voranbringen wollen.

Thomas Zenker, Zittauer OB

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Derweil blieb Wolfgang Mayer, Leiter des Joliot-Curie-Gymnasiums in Görlitz locker. Das Wahlergebnis erfuhr er, als es im MDR bekannt gegeben wurde. „Ich hatte gehofft und ich habe auch nicht wirklich gezweifelt, dass Herr Ursu gewinnt. Ich dachte: Das muss gut ausgehen.“ Er kenne Ursu als einen ruhigen, sehr sachlichen Menschen, von dem er hofft, dass er jetzt übergeht zur kontinuierlichen Arbeit in der Stadt. Octavian Ursu selbst hatte auch gesagt, es solle jetzt, nach zuletzt sehr hitzig geführtem Wahlkampf, zurückgehen zur Sacharbeit.

Besonders hitzig, teils sehr unschön, ging es in den sozialen Netzwerken zu. Wie groß die Spaltung war, wurde dort am stärksten deutlich. Das ging so weit, dass zum Beispiel die Betreiberin der Facebook-Seite Görlitz Insider noch mal klarstellte, dass das Internet kein rechtsfreier Raum ist und sich Beleidigungen, egal ob untereinander, gegen die beiden Kandidaten oder sonstige Akteure, verbat.

Nach der Wahl nun: Mancher, den die SZ telefonisch um eine Aussage zum Wahlergebnis bat, wollte sich nicht äußern. Auf Facebook derweil geht es noch immer recht hoch her. Immer mal wieder ist von Wahlbetrug die Rede: So mancher findet sich nicht damit ab, dass die anderen Parteien und Vereinigungen, die zum ersten Wahlgang hinter Franziska Schubert und Jana Lübeck standen, sich für den zweiten Wahlgang für Ursu positioniert hatten. Das sei bei Wahlen auf kommunaler Ebene gar nicht so unüblich, erklärte der Dresdner Politikwissenschaftler Hans Vorländer gestern gegenüber der DPA. „Gerade bei Stichwahlen verzichten andere und erklären ihre Unterstützung für den einen oder anderen Kandidaten. Die Görlitzer wollten offensichtlich keinen AfD-Oberbürgermeister, sonst hätten sie sich anders entschieden.“ Diesmal aber kommen recht obskure Vorschläge: „Warum gibt es kein Gesetz, dass die Leute, die im ersten Wahlgang Frau Schubert gewählt haben, im zweiten Wahlgang nicht mehr wählen dürfen“, schreibt ein Facebook-Nutzer.

Viele AfD-Anhänger dagegen gratulieren Sebastian Wippel, sind nicht enttäuscht von dem Ergebnis – sondern verweisen auf die nächste Wahl. Es ist die Landtagswahl im Herbst. Andere wiederum machen aus ihrer Enttäuschung keinen Hehl. So schreibt der künftige AfD-Stadtrat Jens Jäschke in einer langen Mitteilung auf Facebook: „Anfeindungen jeglicher Art mussten wir alle hinnehmen bis hin zu Drohungen, die eigentlich vor den Staatsanwalt gehören“, das werde man aber wohl nicht tun, denn: „Bestrafung genug hatten sie ja bereits durch ihre Äußerungen in der Öffentlichkeit und ihr Zurschaustellen der eigenen Dummheit.“

Sebastian Wippel selbst ließ sich am Sonntagabend wenig über Enttäuschung oder Zufriedenheit mit seinen rund 45 Prozent anmerken. Auf dem Untermarkt gratulierte er seinem Kontrahenten Octavian Ursu. Auf Facebook dankte er seinen Wählern, das Ergebnis sei respektabel, „wenn man bedenkt, dass alle anderen Parteien alle ihre Kräfte gegen uns mobilisiert haben.“ OB ist Sebastian Wippel nicht geworden, allerdings neuer Stadtrat. Er hoffe nun, schreibt er auf Facebook, „dass Octavian Ursu mit unserer Stadtratsfraktion konstruktiv zusammenarbeitet.“ Das erste Aufeinandertreffen nach der Wahl gab es schon: beim Gedenken an den 17. Juni.

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