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Das große Bücken

Erdbeeren schmecken selbstgepflückt noch mal so gut. Ein Arbeitsbesuch auf dem Erdbeerfeld von Krietzschwitz.

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© Norbert Millauer

Von Jörg Stock

Ein perfekter Tag ist das, sagt Sylvia Endler: frische Luft, Sonnenschein, sie hat frei und sie hat Erdbeeren. Zwei Plaste-Einmer voll, mit Berg obendrauf. Das müssen an die sechs Kilo sein. Das Resultat von einer Viertelstunde Arbeit auf drei oder vier Quadratmetern. „Sie dürfen auch mal kosten“, sagt Frau Endler. Ich greife zu. Hm. Süß und saftig. Das will ich auch!

Der fidele Verkäufer Gerd Arnold wiegt die Ernte von Sylvia Endler ab.
Der fidele Verkäufer Gerd Arnold wiegt die Ernte von Sylvia Endler ab. © Norbert Millauer
Leichtes Spiel: In wenigen Minuten sind zwei Eimer bis zum Rand gefüllt.
Leichtes Spiel: In wenigen Minuten sind zwei Eimer bis zum Rand gefüllt. © Norbert Millauer

Auf dem Erdbeerfeld am Krietzschwitzer Ortsrand ist an diesem Vormittag einiges los. Etwa zwei Dutzend Hinterteile gucken in die Luft, während Augen und Finger die dunkelgrünen Zeilen nach den roten Früchtchen durchkämmen. Die größte aller Erdbeeren sieht man schon von Weitem. Sie steht am Feldrain, ist aus Kunststoff und enthält das Büro von Gerd Arnold, dem Wächter des Feldes. Bei ihm muss ich mich anmelden.

„Das sind noch viel zu wenig Leute auf dem Feld“, sagt Herr Arnold. Ja, am Wochenende, da war was los, sagt er. „Das war wie der Einfall der Hunnen!“ Der letzte Regen kam genau zur rechten Zeit. Er hat die Beeren noch einmal ordentlich wachsen lassen. Jetzt sind erntende Hände gefragt, damit die Früchte auf der weitläufigen Fläche nicht verderben. Die meisten Leute gehen aber gar nicht bis ganz nach hinten, sagt der Verkäufer, weil sie bequem sind. Dabei ist dort, hinter jener Bodenwelle, die Ausbeute besonders gut. „Da können Sie die Erdbeeren mit der Sense ernten!“

Ein treuer Wächter am Erdbeerfeld

Herr Arnold, 67, ehemals Ingenieur in der Pirnaer Kunstseide, jetzt hier als saisonbeschäftigter Rentner angestellt, grient. Er macht gern Späßchen und mag es, zu plaudern. Er ist, so sagt er augenzwinkernd, der freundlichste Erdbeerverkäufer Sachsens. Eines qualifiziert ihn vor allem für den Posten: Er isst keine Erdbeeren. Jeden Tag stünde ihm ein Kilo gratis zu, sozusagen als Deputat. Aber er verzichtet. Nö, er macht sich einfach nichts aus Erdbeeren, höchstens dann, wenn mal eine im Bowleglas schwimmt. Aber das passiert hier draußen nicht. Lässt sich ein treuerer Erdbeerfeldbewacher denken?

Ich lasse Gerd Arnold meinen Korb wiegen, damit er das Leergewicht später von meiner Ernte abziehen kann. 1,3 Kilo! „Viel zu schwer“, kritisiert er. Bei den geübten Pflückern ist immer noch der ultraleichte Spankorb am beliebtesten. Mancher Spon-tansammler hat auch schon das Hemd ausgezogen und zum Beutel geknotet. Wer seine Sachen anbehalten will, dem verkauft Gerd Arnold für 70 Cent ein Pappkörbchen.

Der Feldwart zeigt mir den Plan des Geländes. Sieben Sorten Erdbeeren wachsen hier in über hundert Reihen. Sie heißen Sonata, Rumba, Fleurette oder Elsanta. Manche sollen besser für den Kuchen sein, andere für die Bowle. Herr Arnold kann sie nicht unterscheiden. Sein Fach waren Chemie-Anlagen. Zum Naschen sind wohl alle Sorten gut, denkt er.

Ich laufe in die äußerste Ecke vom Feld, dorthin, wo kein anderes Hinterteil grüßt. Herr Arnold hat nicht zu viel versprochen. Die Früchte hängen in dichten Trauben unter dem Blätterschirm. Und groß sind sie, manche so groß wie Hühnereier. Beim Pflücken knapsen sie laut. Halb hockend, halb kniend rutsche ich zwischen zwei Reihen voran. Das ist halbwegs bequem, weil eine weiche Strohschicht auf dem Boden liegt. Warum das? Die Pflücker sollen nach Regengüssen nicht im Matsch stehen, wird mir erklärt. Außerdem schützt das Stroh die Erdbeeren vor Schlammspritzern. Das Auge isst mit. Schon auf dem Feld.

Die Lerchen trällern mir ein Liedchen bei meiner Arbeit. Von ferne grüßt sanft buckelnd der Cottaer Spitzberg. Mein Korb füllt sich rasch. Nach etwa zwanzig Minuten trete ich wieder an der Erdbeer-Hütte an. 4,81 Kilo. Ab fünf hätte es Rabatt gegeben. Wenn es ganz knapp ist, dann schickt Herr Arnold die Leute noch einmal los, damit sie sich mit drei, vier Beeren zusätzlich den Nachlass sichern.

Meine Ernte genügt mir. Ich beobachte noch ein wenig die Kunden. Bei manchen schwenkt die Hand hin und wieder vom Feld direkt zum Mund. Mundraub? Kosten ist erlaubt, sagt Gerd Arnold. Aber dafür erwartet er auch ordentlich Absatz. Wenn die vierköpfige Familie nur ein kleines Schälchen zum Wiegen bringt, sich zwischendurch aber auf dem Feld satt gegessen hat, dann wird auch der gemütlichste Wächter ungemütlich.

Der fünfjährige Marc kommt mit seiner Familie zum Bezahlen. Sein rot umrandeter Mund verrät, dass auch bei ihm nicht alle Erdbeeren in seinem blauen Eimerchen gelandet sind. Mama Manuela und Oma Dagmar schleppen schwere Körbe heran. Mehr als 14 Kilo Früchte haben sie eingesammelt. Daraus wollen sie Marmelade und Likör machen, sagen sie. Die Erdbeeren aus Krietzschwitz schätzen sie seit Langem, sagt Oma Dagmar. „Da weiß man, was man hat.“ Manchmal finden die Leute im Erdbeerfeld Dinge, die sie gar nicht haben wollen: Jacken, Schirme, Kinderschuhe, den Alarmpiepser von einem Feuerwehrmann. Der Schlüssel zu einem Honda liegt schon mehrere Tage in Gerd Arnolds Plast-Erdbeere. Ein Mann kam, der hatte seinen Autoschlüssel verloren, jedoch fuhr der einen Golf. Entdeckt hat ihn bisher keiner. Aber die Saison ist ja noch nicht aus.