merken
PLUS

Dresden

"Das Haus hat an dieser Stelle gestört"

Das ABB-Bürohaus an der Könneritzstraße ist Geschichte. Zeitzeugen erinnern sich – und begrüßen den Abriss.

Im Februar dieses Jahres wurde die ehemalige Kantine abgerissen. In deren Fundament wurde 1979 eine Zeitkapsel eingebaut, die jetzt geborgen wurde.
Im Februar dieses Jahres wurde die ehemalige Kantine abgerissen. In deren Fundament wurde 1979 eine Zeitkapsel eingebaut, die jetzt geborgen wurde. © Sven Ellger

Anders als erwartet: von Trauer keine Spur. Weder Architekt Dieter Schödel noch Bauüberwacher Volker Friese oder VEB-Leiter Manfred Kreutel weinen dem Bürogebäude an der Könneritzstraße eine Träne nach. Dabei waren sie es, die dessen Bau Ende der 1970er-Jahre begleitet, Zeit und Arbeit, vor allem aber auch viel Geduld in das DDR-Großprojekt investiert haben. An diesem Donnerstag erinnerten sich die drei Herren, die heute Ende 70 und Mitte 80 sind, an diese aufregende Zeit. Das Immobilienunternehmen Deutsche Wohnen, das auf dem Areal ab kommendem Jahr mehr als 500 neue Wohnungen bauen will, hatte zum Zeitzeugengespräch geladen.

Interessiert verfolgte auch Stefan Szuggat, Chef des Stadtplanungsamtes, die Berichte. Delia Kraaß, die sich für Deutsche Wohnen um das Neubauprojekt kümmert, hatte zum Termin ein ganz besonderes Objekt mitgebracht – eine Zeitkapsel, die am 5. Mai 1979 bei der Grundsteinlegung im Fundament der früheren Kantine, die sich südöstlich an den Gebäuderiegel anschloss, versenkt worden war. Doch schon der äußere Anblick lässt nichts Gutes erahnen, denn der untere Teil der Kupferkapsel zeigt den typischen Grünspan, der sich bei der Korrosion des Metalls entwickelt. „Bei der Bergung ging die Kapsel auf“, erzählt Volker Friese, der vor wenigen Wochen dabei war. Dem früheren Bauüberwacher ist es zu verdanken, dass die Kapsel überhaupt geborgen wurde. 

Anfang dieses Jahres hatte sich der 78-Jährige bei Projektleiterin Dalia Kraaß gemeldet und erklärt, dass er einer der wenigen Menschen sei, der wisse, wo die Kapsel liegt. „So genau wusste ich es dann aber doch nicht“, sagt Friese lachend.

Ihm ist es zu verdanken, dass die Zeitkapsel geborgen wurde: Volker Friese, der das Bauprojekt an der Könneritzstraße begleitete. Die Kapsel wurde 2002 Opfer der Flut. 
Ihm ist es zu verdanken, dass die Zeitkapsel geborgen wurde: Volker Friese, der das Bauprojekt an der Könneritzstraße begleitete. Die Kapsel wurde 2002 Opfer der Flut.  © René Meinig

Erst im zweiten Anlauf wurde die Kapsel im Fundament der Kantine entdeckt. „Ich konnte mich nicht mehr genau erinnern, wo wir sie eingebaut hatten. Meine erste Vermutung war falsch.“ Nun ist sie geborgen – und die Enttäuschung groß. Denn der Kupferbehälter ist offenbar Opfer des Hochwassers 2002 geworden. Im Inneren sind Dokumente zu erkennen, die aneinanderkleben. Deutsche Wohnen will nun eine Restauratorenwerkstatt in Berlin beauftragen, den Inhalt zu untersuchen.

Der frühere Leiter des volkseigenen Betriebs (VEB) Energiebau Dresden, Manfred Kreutel, erinnert sich daran, dass die beste Zeichnerin der Belegschaft mit Tusche auf Transparentpapier die Geschichte des VEB notierte. „In feinster Normschrift.“ Und er erinnert sich an die schwierige Suche Mitte der 1970er-Jahre nach einem Standort für das Bürohaus. „Es war damals eine Besonderheit, dass wir ein eigenes Haus bauen durften.“ Der Betrieb war der einzige seiner Art in der DDR, der Freileitungsanlagen installierte. Deshalb gab es auch Geld vom Staat. „Zwei Millionen Ostmark waren es pro Jahr – glaube ich“, sagt Friese. Reibungslos verlief das Hausbauprojekt trotzdem nicht, zwischendurch fehlte dann doch Geld, zwei Jahre stoppten die Bauarbeiten. Erst 1985 war es fertig.

Dass es nun abgerissen wurde, sei eine gute Entscheidung, darüber sind sich die drei Männer einig. „Das Gebäude hat an dieser Stelle schon immer gestört.“ Denn es wurde – anders als die Vorkriegsbebauung – von der Könneritzstraße nach hinten versetzt errichtet. Mit Blick auf eine dritte Marienbrücke, die gebaut werden sollte. Das ist nun vom Tisch, so Chefstadtplaner Stefan Szuggat. Die neuen Wohnhäuser rücken wieder direkt an die Könneritzstraße.