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Das Herz der Müllers hängt an der Liebe zum Detail

Großnaundorf. Familie Müller bewohnt ein Bauernhaus von 1860. Für Helene und Friedrich bietet es eine Menge Platz zum Toben.

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Von Carolin Barth

Hinter der alten, blauen Tür mit der schweren Eisenklinke wird getobt, geliebt, gelebt. Helene rennt aufgeregt durch die große Küche, Friedrich flitzt hinter seiner Schwester her. Gleich gibt’s am wuchtigen Holztisch die Abendstulle.

Hier ist das muntere Zentrum des Bauernhauses. Warm beheizt mit dem Kachelofen. In den Mauern von 1860 steckt Geschichte. Und seit 2003 die der Familie Müller. Entdeckt haben sie den Hof in Großnaundorf auf dem Fahrrad.

Preis für historische Fassade

„Wir haben gezielt nach etwas Passendem für uns gesucht“, erzählt Familienvater Veit Müller. „Wir wollten ein altes Haus, das wir originalgetreu im historischen Sinne wieder aufbauen konnten.“ Wichtig war auch, dass Nachbarn nicht direkt ins Fenster lugen, dass der Blick ins endlos Grüne schweifen kann. Die Müllers wussten, worauf sie sich einlassen. Eine Restaurierung des Drei-Seit-Hofs nach strengen Denkmalschutz-Bestimmungen ist aufwendig, langwierig und teuer. So war das Vorhaben, an dem ihr Herz hing, knallhart kalkuliert. „Eines war klar, es musste bezahlbar sein.“ Vor dem Kauf nahmen Handwerker das Bauernhaus unter die Lupe, checkten Statik, Dach, Mauerwerk. Veit Müller ließ sich ein Jahr lang Kostenvoranschläge liefern, um die Bauausgaben fürs erträumte Schmuckstück exakt zu planen. „Wir kauften das Haus 2003“, erzählt die 33-jährige Kathrin Müller. Einen Tag später stand ihr Mann auf der Baustelle. Für die nächsten vier Jahre. „Der erste Schritt war der Abriss, von oben nach unten. Das Innere wurde auf die Urfassung reduziert“, erzählt der 38-jährige Kirchenmaler. 2004 dann wurde alles wieder aufgebaut, nach und nach zog die historische Struktur wieder ein. Vor allem die Rekonstruktion und Wiederherstellung der Außenfassade überzeugte die Jury beim Wettbewerb ländliches Bauen.

Die entspricht der typischen Charakteristik eines alten Bauernhauses. Nahezu alles ist im wertvollen Original erhalten. „Typisch ist die Umrandung der Wohnhaus-Fenster mit Sandstein, die der Stallfenster mit Granit. Natürlich sind alle Fenster aus Echtholz“, schwärmt Veit Müller. Auch der Lichthecht im Dach, der Ablauf aus der Küche und die Luftlöcher, die in den Stall führen und für optimale Durchlüftung sorgen, sind erhalten. Die Stalltüren aus Holzlatten sind angebracht und über der Haustür, durch die schon der Bauer mit schweren Schuhen schlürfte, thront das steinerne Hausschild aus dem Jahre 1860. Der glatte Kalkputz ist in frischem Rot getüncht. Schon von außen wird klar, hier wird auf liebevolle, ganz ausgefallene Weise gelebt: „Was das Haus von außen verspricht, sollte es auch innen halten“, sagt Veit Müller zum eigenen Anspruch. Der sei manchmal etwas zu hochgegriffen, sagt er schmunzelnd. Ende 2004 nahm Veit Müller den Innenausbau in Angriff. Nichts erinnert heute mehr an Dreck und Staub. Farben dominieren und alte Möbelstücke, die mühevoll restauriert wurden. Liebevolle Details machen es zum Müllerschen Haus: Die gemalte Tigerente an der Küchenwand, ein Bibelspruch auf dem rissigen Holzbalken an der Decke, aus dem Bauschutt geborgene Türklinken.

Altes neu verwertet

„Wir haben vieles wiederverwendet. Einiges aber, was 100 Jahre alt aussieht, ist neu“, verrät Veit Müller. Er verbrachte jeden Feierabend, jedes Wochenende auf der Baustelle. Passte jeden Deckenbalken an, tapezierte alle Zimmer. Und die gibt’s reichlich. Kathrin Veit kümmerte sich ums Wohlfühlklima: Die Kissenbezüge passen zu den Vorhängen und zur Wandfarbe. Dennoch: Hier wird gelebt, das Haus soll kein Museum sein. Es ist nicht schlimm, wenn antike Türen Kratzer abkriegen, wenn ein Napf mit Beerenmarmelade zu Boden fällt. „Insgesamt stecken 7 100 Arbeitsstunden drin. Etwas verrückt muss man da schon sein.“

Und : „Klar ist auch, dass man sich von der Idylle nicht täuschen lassen darf. Den Komfort einer Stadtwohnung gibt’s bei uns nicht. Wir könnten niemals alle Räume heizen“, sagt Kathrin Müller. „Wir passen unser Leben dem Haus ganz einfach an.“ Helene und Friedrich frieren jedenfalls nicht, wenn sie durchs Haus jagen. Und Platz zum Toben gibt’s endlos.