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Feuilleton

Die beste Karikatur und das Geheimnis ihres Zeichners

Axel Bierwolf aus Pirna gewinnt den Deutschen Karikaturenpreis. Ein überraschter Sieger mit überraschender Biografie.

Der Beste dieses Jahrgangs: Axel Bierwolf hatte nicht im Mindesten damit gerechnet, wurde also bei der sonntäglichen Gala im Dresdner Schauspielhaus mit dem Goldenen Bleistift des Deutschen Karikaturenpreises jäh überrascht. Jetzt sind seine sowie alle an
Der Beste dieses Jahrgangs: Axel Bierwolf hatte nicht im Mindesten damit gerechnet, wurde also bei der sonntäglichen Gala im Dresdner Schauspielhaus mit dem Goldenen Bleistift des Deutschen Karikaturenpreises jäh überrascht. Jetzt sind seine sowie alle an © Jürgen Lösel

Es begann mit einem Raben. Als im Jahr 2000 der Deutsche Karikaturenpreis erstmals in Dresden vergeben wurde, da stand Tom Pauls in der Rolle des Raben Hans Huckebein auf der Bühne der Semperoper und zitierte Wilhelm Buschs Maler Klecksel: „Ich bin daher, statt des Gewinsels, mehr für die stille Welt des Pinsels.“

Diesen Sonntag steht der Schauspieler wieder auf der Bühne, diesmal im Dresdner Schauspielhaus. Und Huckebein spricht: „Die Segelflotte der Gedanken, wie fröhlich fährt sie durch die Schranken.“ Über 70 Karikaturistinnen und Karikaturisten aus Deutschland, der Schweiz und Österreich sind gekommen. Sie lauschen Buschs gereimten Thesen und erleben, wie sie und ihre Kunst mit Filmen, Musik der grandiosen bayerischen Perkussions-Band Alpin Drums, Laudationes, mit insgesamt 11.000 Euro dotierten Preisen sowie bester Stimmung von der Jury und dem Publikum gefeiert werden. Zum 20. Mal.

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Der Deutsche Karikaturenpreis, gegründet von der Sächsischen Zeitung, wuchs in den vergangenen zwei Jahrzehnten zum renommierten Wettbewerb in der Satire-Branche. Er ist eine Art Basislager zur Notschlachtung des täglichen Irrsinns. Hier wird mit Spottlust die Karikatur gepriesen, die ein lachhaftes, aber vor allem kritisches Bild der Gesellschaft zeichnet. Dieser Preis ist ein gesamtdeutscher Preis, der seit 2016 gemeinsam mit dem in Bremen erscheinenden Weser-Kurier ausgerichtet wird. 

12.465 Arbeiten reichten seit 2000 Zeichnerinnen und Zeichner bei der Jury ein, um einen der Geflügelten Bleistifte in Bronze, Silber oder Gold abzubekommen. Summa summarum 224.000 Euro Preisgeld wurden bis heute unter den Siegern verteilt, zu den Ausstellungen kamen über 200.000 Besucher.

Die „Flucht der Regenwürmer“ ist mit dem „Geflügelten Bleistift in Gold“ ausgezeichnet worden.
Die „Flucht der Regenwürmer“ ist mit dem „Geflügelten Bleistift in Gold“ ausgezeichnet worden. © Axel Bierwolf

In diesem Jahr heißt das Motto „Prima Klima“. Und tatsächlich hat sich das Klima in den vergangenen zwei Jahrzehnten nicht nur in der Natur gewaltig geändert. Das Internet setzte sich durch und gilt den einen als das Amen des Fortschritts und anderen als offener Ausdruck der geschlossenen Anstalt. Oft wird bei Facebook oder Twitter inzwischen das Unsagbare ausgesprochen unsäglich und angeblich, so meinen vor allem AfD-Politiker, sei der Meinungskorridor in Deutschland so eng geworden wie ein Darmverschluss. Doch die satirischen Zeichnungen beweisen, dass es weniger um Begrenzung als um Entgrenzung der Meinung geht.

Der diesjährige Sieger des Deutschen Karikaturenpreises geht in seiner Zeichnung sogar so weit, dass er den Rückzug der Regenwürmer vom Planeten Erde ausmalt. Ihr weltliches Experiment sei gescheitert. Die Würmer holen bildlich ihre Spezies zurück wie Reiseveranstalter gefährdete Touristen aus einem Katastrophengebiet. Und genauso wie Hotelbesitzer daraufhin pleite gehen, muss nun auch der Anglerverein Insolvenz anmelden. Denn wenn der Köder verschwindet, nimmt die Nahrungskette Schaden. Wo bleibt da der Fisch? Diese Frage stellte Tom Pauls als Preisredner in der Rolle eines Anglerfreundes, der nicht nur den Wurm würdigte, sondern den Karikaturisten, der für sein Bild von der Jury den Goldenen Bleistift des Deutschen Karikaturenpreises zugesprochen bekam.

Fassungsloser Sieger

Axel Bierwolf konnte es zunächst nicht fassen, dass er der Sieger des diesjährigen Wettbewerbs sein soll. Der 47-Jährige lebt mit Frau und zwei Töchtern in Pirna und arbeitet als Kleinunternehmer. „Ich bin kein Alleinunterhalter, sondern nur Teilzeitzeichner, hauptsächlich betreibe ich einen Hausmeisterservice. Ich muss ja sehen, wie wir über die Runden kommen. Allein vom Zeichnen leben zu können, ist mir nie gelungen“, sagt Bierwolf.

1972 kam er in Halle auf die Welt, lernte zunächst Schulen kennen, dann die Universität. Der Pirnaer vollendete in den 1990er-Jahren sein Studium an der TU Dresden als Diplom-Geograf, sortierte danach als wissenschaftliche Hilfskraft einige Jahre zu Forschungszwecken Müll im Institut für Abfallwirtschaft in Pirna. Er kennt sich aus mit den Resten der Zivilisation. Vor allem aber sah er die Gesellschaft altern. Das beunruhigte ihn, also schulte er um, arbeitete als Altenpfleger und erkannte, dass die Pflege noch anderes nötig hat als Hirnstilllegung und Exkrementbeseitigung. Das erinnerte ihn eher an die Mülltrennung. „Menschen brauchen vor allem eine sinnstiftende Beschäftigung“, sagt er. Zur therapeutischen Behandlung entwickelte Bierwolf Holzspielzeug. Seit 2009 stellt er Holzpuzzles her, malt, wann immer es ihn juckt, sich und die Menschen als merkwürdige Figuren, die spinnen und doch die Wahrheit denken. Mutig schlägt er sich durch dieses Leben, fährt mit seinen Holzschmiedewaren von Markt zu Markt, zeichnet für Wettbewerbe wie den Deutschen Karikaturenpreis und stellt gelegentlich aus, was er lachhaft findet.

Er sieht in der Umkehrung der Dinge das Wesentliche: Wer wusste schon, dass das Kreuz, das die Kirche trägt, verkehrt herum als Schwert zu nutzen ist. Axel Bierwolf fühlt sich von der Aufmerksamkeit, die ihn jetzt ereilt, komisch berührt. „Ich bekomme für ein paar Striche einen Preis, aber ein Altenpfleger für seine Schichtarbeit nur einen Tritt in den Hintern. Das ist doch unnormal“, sagt er. Allein für diese Ansicht hat er einen Preis verdient.

Erich Honecker als Laudator

Den Bleistift in Silber bekam Volker Kischkel alias Mock, der in Bremen lebt und arbeitet. Die Laudatio dazu hielt Tom Pauls in der Rolle von Erich Honecker, der mit Freude auf die Wahlergebnisse in Thüringen hinweist. Er ruft: „Dort versammeln sich hinter uns Kommunisten endlich wieder die Parteien der Nationalen Front.“

Der Zeichner, so begründet die Jury den Preis, trifft mit seiner Karikatur den braunen Punkt der Nation. In bester Partylaune führt er vor, wie sich das Klima bereits gewandelt hat. Hier hinkt der Vergleich wie der Teufel. Politisch unkorrekt mischt sich das Damals wie selbstverständlich ins Heute, steht in der Mitte der Gesellschaft der Mann, der angeblich längst ausgeladen wurde. Da hört der Spaß auf. Aber genau das macht den feinen Humor aus. Die Farben zeigen die Grauzone, in der sich die Bürgerin und der Bürger bewegen. Das ist haarscharf beobachtet, beste Satire und zugleich harte Kritik.

Den dritten Preis nahm die Berlinerin Christiane Lokar alias Kittihawk von Ilse Bähnert, der sächsischen Kultfigur, entgegen. Die Zeichnerin präsentiert auf ihrem Bild CO² als das neue Parfüm der Oberklasse. Zwei ältere Damen schlendern an der Werbung vorbei und meinen: „Vergiss es! Das Zeug können wir uns sowieso nicht leisten.“ So würden sich Verbraucherinnen aus Unwissen den Kohlendioxid-Ausstoß ersparen, und schon sei wieder ein Stück Klima gerettet, meint die Bähnerten.

Ganz im Gegensatz dazu stehen die dieselbetriebenen Kreuzfahrtschiffe, die bei dem satirischen Klimagipfel auch Farbe bekennen müssen. Die Umweltkatastrophen des Tourismus schippern ungebremst übers Wasser, aber in den Restaurants wird auf Halme aus Plaste verzichtet, um das Gewissen zu beruhigen. Lahs Murach aus Frankfurt am Main bekam für diese Karikatur den Nachwuchspreis.

Auch Karikatur soll nachhaltig sein. Denn selbst im Zeitalter der Digitalisierung bleibt die satirische Zeichnung ein Teil der medialen Systemkritik. Die stille Welt des Pinsels zeichnet langfristig besser die Ursachen der Probleme auf als das bloße Gewinsel.


Ausstellungen:

Ab dem 18. November 2019 bis zum 23. Februar 2020 ist die Ausstellung mit den besten Arbeiten des Wettbewerbs im Foyersaal im Haus der Presse, Ostra-Allee 20, zu sehen.

Dresden, Haus der Presse

18. November 2019 bis 23. Februar 2020

Öffnungszeiten: täglich 10 bis 18 Uhr

Schließtage: 2.12., 12.12., 23.12., 24.12., 31.12.2019

Eintritt: 4 Euro / ermäßigt 2 Euro

Deutschordensmuseum Bad Mergentheim

29. November 2019 bis 1. März 2020

www.deutschordensmuseum.de

Schloss Agathenburg (nahe Hamburg)

29. Februar bis 26. April 2020

www.schlossagathenburg.de


Katalog zum Wettbewerb:

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Der Katalog zum Wettbewerb enthält die bestem Einreichungen zum Wettbewerb sowie einen Rückblick auf 20 Jahre Deutscher Karikaturenpreis und ist zum Preis von 19,90 Euro in den Ausstellungen und ab dem 18. November bei der Edition SÄCHSISCHE ZEITUNG (www.ddv-lokal.de), im WESER-KURIER-Shop (www.weser-kurier.de/shop) sowie im Buchhandel erhältlich.

Weitere Informationen finden Sie auch unter www.deutscherkarikaturenpreis.de