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Das ist Dresdens schönste Baustelle

Im September erstrahlen die Prunksäle des Dresdner Schlosses in neuem Glanz. Die SZ organisiert genau dorthin eine Entdeckertour.

20.08.2019, Sachsen, Dresden: Teilnehmer des Rundgangs in den rekonstruierten Paraderäume im Dresdner Residenzschloss laufen durch den Audienzsaal. Kurfürst August der Starke hatte die ausschließlich zur Repräsentation bestimmten Gemächer wie Audienzsaal
20.08.2019, Sachsen, Dresden: Teilnehmer des Rundgangs in den rekonstruierten Paraderäume im Dresdner Residenzschloss laufen durch den Audienzsaal. Kurfürst August der Starke hatte die ausschließlich zur Repräsentation bestimmten Gemächer wie Audienzsaal © Robert Michael/dpa

Wenn man nicht wüsste, dass am 28. September die Paraderäume im Dresdner Schloss offiziell eröffnet werden, könnte man das Gewusel am späten Dienstagvormittag für eine Schauvorführung sächsischer Handwerker und Restauratoren halten. Alle sind sie an ihrem Platz, alle arbeiten, als Ministerpräsident Michael Kretschmer und Finanzminister Matthias Haß (beide CDU) die Baustelle im Nord- und Westflügel des Schlosses besuchen.

Der Termin ist bewusst gewählt so kurz vor der Landtagswahl. Denn am 20. August 1719 wurden in Wien der sächsische Kurprinz Friedrich August und die österreichische Erzherzogin Maria Josepha getraut. Ihr Vater, Joseph I., war Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und bereits 1711 gestorben. August der Starke hoffte insgeheim auf den Kaiserthron und legte sich mit der Hochzeit seines Sohnes, die er Jahre zuvor schon eingefädelt hatte, mächtig ins Zeug. Zu seiner ausgeklügelten Repräsentationsstrategie gehörte, das Schloss glanzvoll renovieren zu lassen. Damit wollte er seinen europäischen Anspruch als König manifestieren. In Warschau war er das natürlich auch. Aber in Dresden war er bekanntlich nur Kurfürst. Kaiser wurde weder er noch ein anderer Wettiner.

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Da staunt auch der Landesvater

Als Maria Josepha am 2. September 1719 im Dresdner Schloss ankam, soll Baumeister Pöppelmann seine Handwerker erst aus den Sälen gescheucht haben, als im Schlosshof schon Pferdegetrappel zu hören war. Es wird den Malerinnen und Holzbildhauern, den Textilrestauratorinnen und Spiegelherstellern, Parkettlegern und Vergoldern nun kaum anders ergehen. Sie haben zu tun bis zum letzten Tag. Im Turmzimmer unterm Altan werden nun barocke Spiegel angebracht. Holzbildhauer schnitzen die Konsolen für das kostbare Porzellan. Im Eckparadesaal mit den goldenen Rosetten an der Decke sind die beiden Öfen aus Meissener Porzellan noch verhüllt, aber die wunderbaren Ausblicke auf Zwinger, Semperoper und Hofkirche sind frei. In den beiden Vorzimmern der Paradestrecke ist der Stuck schon an der Decke und das Parkett wird verlegt.

Das Audienzgemach ist bald bereit, den Audienzstuhl aufstellen zu können. Der Baldachin darüber ist zum Schutz in weißes Linnen gehüllt, das im Nachbarzimmer auf dem Audienzbett noch fehlt. Restauratoren geben dem Paradebett, in dem nie einer schlief, den letzten Schliff. Dieses Schlafzimmer war eher ein intimer Unterredungsraum. Hier wurde keine Liebe gemacht, sondern Politik.

Traumhafter Arbeitsplatz: Textilrestauratorin Kathrin Kutzera richtet den Samtflor am Kopfende des Paradebettes, in dem weder August der Starke noch ein anderer gewichtiger Sachse schlief. 
Traumhafter Arbeitsplatz: Textilrestauratorin Kathrin Kutzera richtet den Samtflor am Kopfende des Paradebettes, in dem weder August der Starke noch ein anderer gewichtiger Sachse schlief.  © Robert Michael/dpa

Der hohe Besuch am Dienstag bekam schon mal die luxuriösen Wandverkleidungen zu Gesicht. Wenn gearbeitet wird, sind die Wände noch geschützt. „Finger weg“ steht auf den Überziehern oder offizieller: „Nicht berühren“. Der Glanz, den im 18. Jahrhundert die besten Handwerker und Künstler Europas schufen, kehrt Schritt für Schritt ins Dresdner Schloss zurück. 35 Millionen Euro kostet die barocke Neuinszenierung der 1945 zerstörten Raumflucht. Davon kommen zwölf Millionen Euro aus dem Haushalt des Bundes, der mit dem Berliner Stadtschloss ein weiteres Prestigobjekt zu stemmen hat.

Das wird dieses Jahr nicht mehr fertig. Es freut Sachsens Ministerpräsidenten sehr, dass das Herzstück des Dresdner Schlosses dem Berliner Stadtschloss voraus ist: „Wir wollen den Wettbewerb zwischen Sachsen und Preußen gewinnen“, sagte Michael Kretschmer und streichelte damit die Seele der Sachsen, die schon lange auf ihr barockes Märchenschloss warten.

Beeindruckender Bau: Blick aus dem Großen Schlosshof des Residenzschlosses mit dem Hausmannsturm.
Beeindruckender Bau: Blick aus dem Großen Schlosshof des Residenzschlosses mit dem Hausmannsturm. © Robert Michael/dpa

Gründe zum Stolz auf diese komplexe wissenschaftliche, restauratorische und bautechnische Leistung gibt es genug. Selbst die Kollegen in Versailles, so hört man, schauen bewundernd nach Sachsen. Es wird auf der Dresdner Beletage manches zu sehen geben, wovon man in Versailles nur träumt. August der Starke hat Repräsentatives vom Sonnenkönig abgeschaut, aber manches in Sachsen besser, grandioser gemacht, und der Hof hat es bewahrt.

Etwa die originalen Krönungsinsignien oder Gewänder Augusts des Starken, die neben den Paradegemächern in einer Ausstellung der Staatlichen Kunstsammlungen zu bewundern sein werden. Kulturbeflissene, geschichtsbewusste Reisende wissen diese Parallelität zu schätzen. Und wer nur barocke Pracht bestaunen will, wird ganz nebenbei sächsische Geschichte lernen.

Die Sächsische Zeitung und die SKD organisieren zur Eröffnung der Paraderäume eine Entdeckertour: Sonntag, 29. September, ab 10 Uhr. Letzter Einlass: 19.30 Uhr. Der Eintritt ist frei, aber es werden Zeitkarten ausgegeben. Sie sind ab dem 2. September in allen SZ-Treffpunkten erhältlich.

Michael Kretschmer (CDU, 2.v.l), Ministerpräsident von Sachsen, Eva-Maria Stange (SPD, l), Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Dirk Syndram (3.v.l), Direktor des Grünen Gewölbes und der Rüstkammer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und Chris
Michael Kretschmer (CDU, 2.v.l), Ministerpräsident von Sachsen, Eva-Maria Stange (SPD, l), Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Dirk Syndram (3.v.l), Direktor des Grünen Gewölbes und der Rüstkammer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und Chris © Robert Michael/dpa

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