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Das ist Dresdens ungewöhnlichstes Tanzpaar

Julia Luckow und Erik Heyden trainieren auch nachts. Diese Leidenschaft hat ihnen nun WM-Gold eingebracht.

Hier hastet Julia Luckow sonst im Arztkittel durch. Für das außergewöhnliche Foto machten die 35-Jährige und ihr Mann Erik Heyden eine Ausnahme.
Hier hastet Julia Luckow sonst im Arztkittel durch. Für das außergewöhnliche Foto machten die 35-Jährige und ihr Mann Erik Heyden eine Ausnahme. © dpa/Robert Michael

Es ist richtig schwierig, mit Dresdens derzeit erfolgreichstem Tanzpaar einen gemeinsamen Termin zu bekommen. Und dabei sind Erik Heyden und Julia Luckow vom TSC Excelsior Dresden „nur“ in der Seniorenklasse I am Start. Aber nur ist relativ. 

Vor zwei Wochen kürten sich die beiden 35-jährigen Dresdner in dieser Alterskategorie zum neuen Weltmeisterpaar in der Kombination. Die besteht aus zehn Tänzen – fünf im Latein, fünf im Standard. Ihr bisher größter Erfolg.

Und den hat sich das Sportpaar, das seit 17 Jahren auch ein privates ist, redlich verdient. Denn den Aufwand, den Julia Luckow und Erik Heyden für ihren Erfolg betreiben, darf man leistungssportlich einordnen. „Wir trainieren fünfmal pro Woche“, betont Luckow. Aber nicht immer gemeinsam. Das liegt an den unterschiedlichen Berufen, mit denen die vierfachen deutschen Meister ihre Brötchen verdienen.

Luckow hat als ausgebildete Physiotherapeutin Medizin studiert und steckt nun im vierten von sechs Jahren Ausbildung zur Fachärztin für Unfallchirurgie und Orthopädie. An der Sportmedizin des Universitätsklinikums arbeitet sie im Schichtsystem. Erik Heyden ist als Stadt- und Regionalplaner für neue Projekte des Windenergie-Konzerns „Naturstrom AG“ zuständig und deshalb „zwei, drei Tage pro Woche in Deutschland unterwegs“.

In puncto Zeitmanagement müssen beide also extrem flexibel sein. „Das bedarf richtig viel Organisationstalent. Manchmal wünschte ich mir, wir hätten eine Sekretärin“, erklärt Julia Luckow augenzwinkernd. Es kommt gar nicht so selten vor, dass das frisch gebackene Weltmeister-Paar auch mitten in der Nacht trainiert. Deshalb haben beide einen Schlüssel für das Vereinsheim an der Saydaer Straße. „Wenn dort nachts, drei Uhr das Licht brennt, dann sind wir das“, sagt Erik Heyden und lacht. Er muss sich weitestgehend an die Arbeitspläne seiner Lebensgefährtin anpassen.

Große Erfolge bei Aktiven bleiben aus

Dass sich die beiden Tänzer jetzt so in ihre Karrieren hineinknien, hat auch mit der Vergangenheit zu tun. Julia Luckow hat für eine große Karriere im Aktivenbereich viel zu spät mit Tanzen angefangen – erst mit 16. Eigentlich wollte sie ja Volleyballerin werden, musste dann aber irgendwann enttäuscht feststellen, dass ihre Größe von 1,70 Meter dafür nicht reichen würde.

„Ich habe dann einen Grundkurs in der Tanzschule gemacht. Es hat mir Spaß gemacht“, sagt sie. Später beschloss sie, sich einem Verein anzuschließen. „Da bin ich in eine Turniergruppe hineingeraten. Ich war furchtbar erschrocken, als ich da mit meinem laienhaften Wissen ankam.“ Heute kann sie herzlich darüber lachen. Auch, weil sie Erik dort traf. Zwei Jahre später waren beide ein Liebes-, drei Monate darauf auch ein Tanzpaar. Bei den Aktiven pendelten die Dresdner in ihren Hochzeiten zwischen der Top 12 und Top 24 in Deutschland. „Um dort erfolgreich zu sein, muss man frühzeitig anfangen, sehr ambitioniert sein sowie Schule, Ausbildung und später den Beruf fast in den Hintergrund stellen. Das war bei uns nie der Fall. Wir wollten immer eine vernünftige berufliche Basis haben“, bekräftigt Julia Luckow.

Deshalb ist sie gar nicht böse über die Frage, ob sie jetzt die Erfolge nachholen, die sie früher nie erringen konnten. „Das ist schon so. Wir haben mit Ende 20 den Plan gehabt und das Ziel gefasst, noch ein paar Jahre strukturiert am Ball zu bleiben, um bei den Senioren richtig was reißen zu können“, erklärt sie. „Wir haben jetzt die Chance, im Weltmaßstab ganz vorn dabei zu sein. Vorher haben wir da keine Rolle gespielt“, ergänzt ihr Lebenspartner. Ihre große Stärke dabei: „Ich glaube, dass wir extrem diszipliniert sind. Leidenschaft und Willen hat jeder. Aber man muss über die Schwelle, sich ein Stückchen mehr zu quälen als andere“, sagt der hoch aufgeschossene, schlanke Kerl.

Deshalb investieren sie auch kräftig selbst in ihre Wettkampf- und Trainingsreisen, in gleich drei Trainer und in ihre maßgeschneiderte Wettkampfgarderobe. Tanzen ist nicht olympisch, bekommt also kaum öffentliche Fördermittel. Seniorensport wird erst recht kaum gefördert. „In erster Linie nehmen wir dafür eigenes Geld in die Hand. Wir haben aber das Glück, dass sächsischer und deutscher Verband sehr hinter uns stehen“, erklärt die Medizinerin. Es gibt also kleinere Zuschüsse, auch vom Verein. „Aber es bleibt immer noch ein Minusgeschäft“, stellt Julia Luckow fest. Wegen des Geldes aber sind die beiden Champions ohnehin nicht am Start. „Wir könnten uns mit Showauftritten oder als Tanzlehrer etwas dazuverdienen. Dafür haben wir schlichtweg keine Zeit“, sagt Heyden. „Und wir wollen das auch nicht“, ergänzt seine Gefährtin.

Bewirbt sich Dresden für WM 2020?

Heyden und Luckow vermitteln glaubhaft den Eindruck, dass ihr Tanz-Leben sehr, sehr viel mit Leidenschaft zu tun hat. Erik arbeitet ehrenamtlich als Sportwart des sächsischen Verbandes, Julia unentgeltlich als Tanztrainern im Verein. Das Paar baut sich gerade ein Häuschen. Dazu die zeitintensiven Berufe. Das zehrt an den Kräften.

„Wir wollen dieses Jahr noch wie geplant zu Ende tanzen. Dann werden wir schauen, wie es weitergeht, denn die Belastung ist definitiv groß. Wir wissen nicht, wie lange wir das durchhalten – vor allem zeitlich“, lässt Heyden die Zukunft offen. In dieser Woche noch soll darüber beraten werden, ob sich Dresden für 2020 um die Austragung der Kombinations-WM bewirbt. „Da ist offiziell noch nichts passiert. Wenn das aber gelänge, wäre das eine Supersache.“ Und ein krönender Abschluss.

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