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Meißen

„Das ist eine kalte Enteignung“

Die Stadt Nossen will das Schlossareal von Schleinitz verkaufen. Für Förderverein und Handwerkerausstellung könnte dies das Aus bedeuten.

Das alljährliche Dresch- und Erntefest in Schleinitz ist wohl Geschichte, wenn die Stadt das Schlossareal verkauft wird.
Das alljährliche Dresch- und Erntefest in Schleinitz ist wohl Geschichte, wenn die Stadt das Schlossareal verkauft wird. © Gerhard Schlechte

Schleinitz/Lommatzsch. Er ist ein Urgestein im Förderverein Schloss Schleinitz. Seit mehr als 20 Jahren ist der Lommatzscher Hartmut Oefner stellvertretender Vereinsvorsitzender, organisierte mit seinen Mitstreitern 20 Handwerker- und Dreschfeste, Kinderfeste und die jährlichen wechselnden Ausstellungen im Museum. 

Die Stadt Lommatzsch hat ihn jetzt für sein jahrelanges ehrenamtliches Engagement geehrt. Doch in die Freude über die Auszeichnung mischt sich ein erheblicher Wermutstropfen. Niemand weiß, wie lange es den Verein noch geben wird. Ihm droht, die Existenzgrundlage entzogen zu werden. Die Stadt Nossen, die mit der Eingemeindung von Leuben-Schleinitz auch Eigentümer des Schlosses geworden ist, will dieses jetzt verkaufen. 

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Nicht nur die Vereinsmitglieder sind aufgeschreckt und alarmiert. Gerhard Doleschal, ehemaliger Bürgermeister von Leuben-Schleinitz und Vereinsvorsitzender, bringt es auf den Punkt: „Ohne Räume hat unser Verein keine Geschäftsgrundlage mehr. Wir müssten unser Eigentum, die Ausstellungsstücke und historischen Fahrzeuge, auf dem Flohmarkt verscherbeln“, sagt er.

Besonders ärgert die Vereinsmitglieder, dass niemand mit ihnen gesprochen hat. „Wir haben es aus dem Nossener Amtsblatt erfahren, dass das Schlossensemble verkauft werden soll, wurden völlig überrascht“, sagt Harro Fassbinder, seit vielen Jahren Vereinsmitglied.

Hartmut Oefner vom Förderverein Schloss Schleinitz  spricht von kalter Enteignung. 
Hartmut Oefner vom Förderverein Schloss Schleinitz  spricht von kalter Enteignung.  ©  Archivfoto: Claudia Hübschmann

Kein Beschluss zu Schlossverkauf

Als Grund für den Verkauf wurde unter anderem angegeben, dass die damalige Gemeinde Leuben-Schleinitz bereits per Gemeinderatsbeschluss im Jahre 2013 einen Verkauf des Schlossareals beschlossen, diesen aber für fünf Jahre auf Eis gelegt habe. Ex-Bürgermeister Doleschal widerspricht vehement. „Wir haben niemals einen solchen Beschluss gefasst. Nie gab es auch nur einen Gedanken daran, das Schloss zu verkaufen, wir haben nicht mal darüber gesprochen“, sagt er. 

Der Beschluss des Nossener Stadtrates zum Verkauf des Schlosses basiere also auf falschen Informationen. Deshalb fordert der Verein, den Beschluss wieder aufzuheben. „Der Verein und die Gemeinde haben von 1993 bis 2002 rund 2,5 Millionen Euro in das Schloss gesteckt, Fördermittel und die Kofinanzierung für die ABM-Kräfte mit eingerechnet. Das haben wir doch nicht gemacht, um das Schloss zu verkaufen, sondern um es den nachfolgenden Generationen zu übergeben“, sagt er. „Ein Verkauf des Schlosses wäre eine kalte Enteignung unseres Vereins“, ergänzt Hartmut Oefner.

Zwar hat der Verein mit der Stadt Nossen einen unbefristeten Mietvertrag abgeschlossen, aber gerade dieser könnte ihm jetzt auf die Füße fallen. Denn bei unbefristeten Verträgen gelte das Prinzip „Kauf bricht Miete nicht“ gerade nicht. „Würde das Schloss verkauft, könnte uns der neue Besitzer von heute auf morgen fristlos kündigen“, so der Vereinschef. 

Deshalb bemüht sich der Verein nun um einen neuen, befristeten Mietvertrag. Zehn Jahre sollte er schon laufen, besser 20. Die Stadt habe aber nur einen Vertrag über zwei oder drei Jahre angeboten, und den auch noch ohne Schlosshof, ohne Kapelle. „Das würde das Aus bedeuten für unser Handwerker- und Dreschfest, unsere wichtigste Einnahmequelle“, sagt Hartmut Oefner. Dieses Fest spielt etwa 3.000 Euro ein und hilft so wesentlich, die Gesamtkosten des Vereins von rund 10.000 Euro im Jahr zu decken. 5.500 Euro gehen davon laut Doleschal an die Stadt für Betriebskosten, teilweise auch für Grundsteuer und Versicherungen.

„Ich bin enttäuscht, wie die Stadt Nossen mit dem Verein umgeht, der hier seit Jahren versucht, aus dem Schloss etwas zu machen. Am Ende werden wir in den Hintern getreten“, sagt Siegfried Thiel ais Ziegenhain. „So einen historischen Komplex wie diesen gibt es deutschlandweit kaum noch. Und jetzt sollen 500 Jahre Geschichte der Lommatzscher Pflege einfach so verscherbelt werden“, sagt der Ziegenhainer, der kein Vereinsmitglied ist, aber ehrenamtlich mitarbeitet. Er könne nicht verstehen, dass sich eine kleine Gemeinde wie Leuben-Schleinitz das Schloss leisten konnte, die Stadt Nossen aber angeblich nicht. Sie habe überhaupt kein Konzept für das Areal gehabt. „Wir Bewohner auf dem Land sind für die Stadt Nossen nicht das sechste, sondern das 24. Rad am Wagen“, stellt Steffen Kunis resigniert fest.

Aus für Hochzeiten

Würde das Schloss an einen Privatmann verkauft, droht auch das Ende der Hochzeiten in der Schlosskapelle. Sie ist als Standesamt von Lommatzsch beliebt. Seit 1998 schlossen hier 765 Paare den Bund fürs Leben, im vergangenen Jahr waren es 19. „Wir müssen abwarten, was passiert. Die Gefahr, dass wir die Schlosskapelle nicht mehr nutzen können, besteht sicherlich“, sagt die Lommatzscher Bürgermeisterin Anita Maaß (FDP).

Dennoch hat der Verein, dessen Mitglieder und Unterstützer im Jahr 6.000 Stunden ehrenamtliche Arbeit leisten, die Hoffnung nicht aufgegeben. Diese Hoffnung gründet sich auf den neuen Stadtrat, in dem nicht mehr die Nossener, sondern die Räte aus den Dörfern die Mehrheit haben. Und auf die Neuwahl eines Bürgermeisters oder einer Bürgermeisterin im Juni dieses Jahres. Von Amtsinhaber Uwe Anke (parteilos), der nicht wieder antreten will, erhoffen sie sich nichts mehr. „Für alles hat die Stadt Geld. Ich möchte mal wissen, wie viel sie in den Sachsenhof, das Bad, den Rodigtturm steckt. Für das historische Schlossensemble aber hat sie nichts übrig“, sagt Gerald Schmidtgen.

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Angesichts der jetzigen Situation kann sich auch Hartmut Oefner nicht so recht über seine Auszeichnung freuen: „Man muss schon ganz schön verrückt sein, um hier über Jahre ehrenamtlich zu arbeiten. Wir haben das alle gern getan. Jetzt aber haben wir den Eindruck, der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen.“ Vorerst plant der Verein aber für dieses Jahr ganz normal weiter. Am 5. April öffnet das Handwerkermuseum, ist von da an jeden Sonntag von 13 bis 18 Uhr für Besucher offen. Das Handwerker- und Dreschfest findet am 6. September statt.

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