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Sport

Das ist Sachsens extremster Slackliner

Er balanciert auf einem Seil übers Polenztal und ist eine Attraktion im Alberthafen. Für Dresden hat Ruben Langer noch ganz andere Pläne.

Üben im Dresdner Alberthafen: Ruben Langer trainiert auf der Slackline zwischen den Kränen und der Hafenmühle.
Üben im Dresdner Alberthafen: Ruben Langer trainiert auf der Slackline zwischen den Kränen und der Hafenmühle. © Lennart Fiedler

Hundertzehn Meter – das ist eine Höhe, in der den meisten Menschen schon auf einer Plattform schwindelig werden würde. Ruben Langer ist in dieser Höhe auf einem nur 2,5 Zentimeter breiten Seil 340 Meter über das Polenztal balanciert – ein Längen-Rekord in Deutschland.

Offizielle Bestenlisten werden in diesem Extremsport nicht geführt, aber man weiß in der Szene, wer was macht. „Für mich geht es nicht darum, einen Rekord zu laufen. So eine lange Highline ist für mich immer eine Voyage, wie eine kleine Reise“, beschreibt Ruben Langer den Balanceakt, den er mit noch ein paar anderen Wagemutigen am letzten Augustwochenende in der Sächsischen Schweiz geschafft hat. „Es ist wie eine erzwungene Meditation. Das Wichtigste ist, die Konzentration hochzuhalten, die Gedanken in den Griff zu bekommen. Man ist sehr alleine da oben.“

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Highlining gilt als Königsdisziplin des Slacklinen, dem Balancieren über eine straff gespannte Leine, wie man sie oft in Parks sieht. Während aber Freizeitsportler das Band in Absprunghöhe spannen, bewegen sich Highliner wie Ruben Langer, oft Hunderte Meter über dem Boden – nur gesichert durch eine Schlinge, die sie im Fall eines Sturzes ein paar Meter weiter unten auffängt.

Slackline, Ruben Langer, Alberthafen, Dresden
Slackline, Ruben Langer, Alberthafen, Dresden © Lennart Fiedler

Die erste Slackline, auf der sich der Dresdner ausprobierte, hatte seine Mutter, eine Kindergärtnerin, für die Arbeit gekauft. Die große Liebe zu dem Sport fand Ruben Langer 2016, als er nach dem Abitur für ein Work- and Travel-Jahr nach Australien ging und sich dort „ein bisschen in eine Französin verguckte“. Sie übten einige Zeit gemeinsam auf einer 40 Meter langen Slackline, und schon gesichert, um bald in die Höhe zu gehen.

In Brisbane hatte er dann auch sein erstes Erlebnis auf der Highline – gespannt 20 Meter über einem Wasserloch. „Mir war megaschlecht und schwindelig, kurz darauf bin ich gestürzt. Weil das Sicherungsseil viel zu lang war, musste ich auch noch gerettet werden.“ Ein einschneidender Moment, der ihn aber noch mehr motivierte.

Als er zurückkam, war die überschaubare Community in seiner Heimatstadt gewachsen, wie der Sport insgesamt. Der Verein Slackline Dresden hat 40 Mitglieder, in ganz Sachsen, schätzt er, sind es gut 150 Sportler. Doch so extrem wie er betreiben diesen Balanceakt nur die wenigsten, auch weil es eine Frage des Könnens und des Mutes ist. Die Szene trifft sich meistens in der Sächsischen Schweiz oder im Bielatal, weil es in Tschechien noch keinerlei Probleme mit Genehmigungen gibt.

Die Grenzen auf der Highline haben sich bei Ruben Langer verschoben wie seine Gefühle. Während er früher besonders das „Danach“ genoss, also das Wissen, es geschafft zu haben, sind es jetzt die Augenblicke auf dem Seil. „Am Anfang war der Prozess selbst total nervenaufreibend, anstrengend, ja gruselig“, erzählt er.

Der Sport stammt ursprünglich aus Kalifornien. Im Yosemite Park begannen Felskletterer in den 70er-Jahren, Seile zwischen den Bäumen zu spannen, um Koordination und Gleichgewicht zu trainieren. Ruben Langer ist wie seine Eltern Bergsportler, mit der Höhe hatte er nie groß Probleme und arbeitete in Australien als Industriekletterer. 

Doch im vorigen Jahr in Bosnien, als er das erste Mal eine Strecke von 400 Metern zurücklegte, verspürte er plötzlich extreme Nervosität und Höhenangst. „Am Anfang denkt man, die Line wird einfach nicht kürzer.“ Der Bauingenieurstudent hat gelernt, mit negativen Gefühlen in der Höhe umzugehen. Dabei hilft ihm auch Yoga. Die Slackline ist nicht starr wie ein straff gespanntes Drahtseil, sondern leitet kleinste Bewegungen beim Gehen weiter, jeder Fehler wird bestraft – oft mit einem Absturz.

Große Projekte wie die Polenztalüberquerung vom Hohnsteiner Burggarten zur Hocksteinaussicht sind immer Teamarbeit. Initiator ist der Kletterer und Fotograf Thomas Türpe, der sich für die Region an diesem Ort eine Hängebrücke als Besuchermagnet wünscht. Eine bessere Werbung als die verrückten Seiltänzer konnte er dafür nicht gewinnen. Die größte Herausforderung dabei war: Wie kann das Seil die Schlucht überwinden? 

Ein Erlebnis der besonderen Art: Highlining von der Burg Hohnstein über das Polenztal. 
Ein Erlebnis der besonderen Art: Highlining von der Burg Hohnstein über das Polenztal.  © Thomas Türpe

In der Diskussion waren Bogenschützen, Golfbälle und eine Drohne, deren Flug im Naturschutzgebiet jedoch nicht genehmigt wurde. Am Ende half ein Falkner aus Moritzburg mit seinem Weißkopfseeadler. Am Fuß des Vogels wurde eine Angelschnur mit einer Sollbruchstelle zur Sicherheit befestigt. Der Überflug war gleich im ersten Anlauf erfolgreich.

„Als es dann die Verbindung gab, haben wir immer dickere Seile nachgezogen“, erklärt Langer. „Und wir haben gehofft, dass niemand über Nacht die Slackline zerstört.“ Für den 23. August war der Rekord geplant. Was nur sein Kumpel wusste: Ruben Langer war schon am Morgen bei Sonnenaufgang über die Highline balanciert – für ihn der schönste Moment an diesem Tag. „Das Seil war vom Tau noch nass, hat noch mehr nachgegeben. Dadurch war es am Ende der Strecke steiler und schwieriger“, erzählt er. Später kamen rund 100 Zuschauer und zwei Fernsehteams.

„Früh war ich der Pilot, am Nachmittag der Seitenwind. Die Bedingungen wurden einfacher“, sagt er. Zu den Rekord-Überquerern gehört auch sein Dresdner Kumpel Kai Gilbrich. „Ich strebe nicht nach Bestmarken“, meint Langer, der einen Teil der Strecke sogar blind mit einem T-Shirt überm Kopf zurücklegte. Der Weltrekord liegt schon bei 2.000 Metern. „Das ist krank“, findet selbst er.

Langer, der am Sonntag für zwei Jahre zum Studieren ins norditalienische Trento zieht, hat andere Pläne und mit dem Gleitschirmfliegen angefangen. „Ein Traum ist, mit dem Rad zum Berg zu fahren, dann dort hochzuklettern, von dort mit dem Gleitschirm zu einem anderen Berg zu fliegen, dann eine Highline zu ziehen – und danach abends ein schönes Bier vor dem Fernseher zu trinken“, erzählt der Extremsportler.

Auch würde Ruben Langer gern mal ein Slackline-Festival in Dresden organisieren. Eine Kooperation mit dem Alberthafen gibt es schon. Zwischen den Kränen und der Hafenmühle dürfen sie ihre Seile spannen. „Das ist praktisch, weil wir dort oben alles auch über Nacht hängen lassen können.“ Außerdem wohne er nur fünf Minuten weg. Das ändert sich ab Montag. Im Trentino wird Ruben Langer ganz sicher neue Grenzerfahrungen machen.

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