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Das kommt mir nicht in die Tüte!

Ab 2016 will die EU verstärkt gegen Plastiktüten vorgehen. Doch viele Görlitzer Händler sind da schon weiter.

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© nikolaischmidt.de

Von Steffen Schreiber

Für glatte fünf Euro gibt es das Stück Lammfilet bei der Görlitzer Fleischerei Gruske. In einer hauseigenen Plastiktüte verpackt, liegt es nun auf der Ladentheke. Doch beim Bezahlen sind plötzlich zusätzliche fünf Cent fällig. Linda Gruske, die Tochter des Ladeninhabers, erklärt warum: „Seit Anfang des Jahres verlangen wir fünf Cent für eine kleine und 10 Cent für eine große Plastiktüte, um den Verbrauch einzuschränken. Aber wir weisen natürlich jeden vorher darauf hin.“

„Das macht 5 Cent extra, bitte.“ Linda Gruske, Verkäuferin in der gleichnamigen Fleischerei am Obermarkt, kassiert seit Jahresanfang eine zusätzliche Tütengebühr.Fotos: Nikolai Schmidt
„Das macht 5 Cent extra, bitte.“ Linda Gruske, Verkäuferin in der gleichnamigen Fleischerei am Obermarkt, kassiert seit Jahresanfang eine zusätzliche Tütengebühr.Fotos: Nikolai Schmidt © nikolaischmidt.de

Damit liegt die Fleischerei am Obermarkt im Trend. Denn auch weitere Görlitzer Händler verlangen seit einiger Zeit Geld für ihre Kunststofftüten. So kostet im Delikatessengeschäft „Görlitzer Fass“ am Marienplatz seit Februar die Einkaufstüte 25 Cent. Für die Inhaberin Regine Büttner ein längst überfälliger Schritt. „Schaut man sich an, was wir jährlich an Plastikmüll allein durch diese Tüten produzieren, ist das erschreckend. Der Tütenbeitrag ruft dies den Menschen vielleicht wieder ins Gedächtnis.“

Mit ihrem Vorgehen eilen die Händler den Wünschen der Europäischen Union voraus. Die hatte Ende April einen drastischen Abbau des Tütenverbrauchs beschlossen. Bisher greift jeder EU-Bürger 200-mal pro Jahr zu den Beuteln, die es an vielen Kassen kostenlos gibt. Deren durchschnittliche Lebensdauer, bevor sie im Müll landen: 25 Minuten. Das soll sich ab Oktober 2016 ändern. Dann soll der Verbrauch bis 2025 schrittweise auf 40 Tüten sinken. Der genaue Weg zu dieser Senkung bleibt den einzelnen EU-Staaten selbst überlassen. Vorbild für viele ist jedoch Irland. Nach der Einführung einer Tütengebühr von 22 Cent sank der Pro-Kopf-Verbrauch von über 300 auf 20 Tüten im Jahr.

Für Thomas Pilz sind diese Pläne jedoch nicht ausreichend. „Die Richtung stimmt, die Ziele sind, gerade für Deutschland, aber unterambitioniert“, sagt der Sprecher des Görlitzer Kreisverbandes der Bündnisgrünen. Denn hierzulande liegt der durchschnittliche Verbrauch bei 71 Tüten pro Bürger im Jahr. „Angesichts von Ressourcenverbrauch und Plastikvermüllung sollten wir Deutschen hier nicht die Hände in den Schoß legen. Eine Umweltabgabe auf Plastiktüten würde hier bereits zu einer deutlichen Reduzierung führen“, so Pilz.

Einen noch drastischeren Schritt gingen die Görlitzer dm-Märkte. Sie schafften die kleinen Plastikbeutel an den Kassen gleich ganz ab. Krzysztof Liebig, Filialleiter am Demianiplatz, verteidigt diesen Schritt mit dem immensen Verbrauch. „Wir gaben zuletzt über 10 000 Tüten pro Woche aus.“ So hätten einige Kunden selbst ihre Großeinkäufe in die kostenfreien Beutel verpackt, anstatt eine große Bezahltüte zu nehmen. „Wir hatten zwar die Befürchtung, dass sich viele Kunden über den Wegfall ärgern, aber bis auf ein paar wenige Aufreger gab es keine Probleme.“

Auch die Kunden des Görlitzer Fasses hätten die Umstellung ohne großes Murren akzeptiert, berichtet Regine Büttner. „99 Prozent können den Schritt nachvollziehen und bringen nun teilweise ihre eigenen Beutel mit.“ So wie Sonja Talheim, die mit einem Stoffbeutel in der Hand das Geschäft verlässt. „Ich finde die Gebühr richtig. Manchmal bedarf es eben eines kleinen Denkanstoßes, um sein Verhalten zu ändern.“

Diesen Anstoß will auch der Vorsitzende des Aktionsrings der Görlitzer Innenstadthändler, Thomas Schynol, mitnehmen. Denn bisher stand eine Tütengebühr bei den Händlergesprächen nicht auf der Tagesordnung. „Aber ich werde das Thema beim kommenden Stammtisch einbringen.“ Er persönlich unterstütze das Vorgehen der anderen Händler und versuche selbst, mit dem Angebot von Papiertüten, dem Plastikmüll zu begegnen. Eine Gebühr sieht Schynol in seinen Mobilfunkladen dagegen nicht. „Wir sind an die Vorgaben unserer Handelskette gebunden.“

Dabei bringt der Zusatzbeitrag nicht nur der Umwelt Vorteile. Auch die Händler werden finanziell entlastet, erklärt Linda Gruske. „Wir bezahlen selbst Gebühren für Plastikverpackungen und die läppern sich im Laufe des Jahres auf mehrere Hundert Euro zusammen.“ Ganz auf Plastikverpackungen verzichten können aber die wenigsten Händler. So verweist Fass-Inhaberin Regine Büttner auf ihre Geschenkverpackungen aus Kunststoff und Linda Gruske auf die Hygiene-Vorschriften im Fleischerhandwerk. Entsprechend gibt es bei ihr auch weiterhin die durchsichtigen Plastiktüten, wie in den Obstabteilungen der Supermärkte, kostenlos.Auf ein Wort