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Das Kügelchen geben

Die Kassenärztliche Vereinigung bezweifelt die Wirksamkeit von Homöopathie. Der Vorstoß gefährdet die von einem Meißner erfundene Heilkunst.

Es gibt Streit um die Frage, ob Globuli wirksam sind.
Es gibt Streit um die Frage, ob Globuli wirksam sind. © dpa

Meißen. Die Homöopathie befindet sich in einem Sturm der Kritik wie selten zuvor. Selbst ZDF-Satiriker Jan Böhmermann kritisierte die alternative Medizin in seiner Fernsehsendung und bezog sich immer wieder auf den Satz „Homöopathie wirkt nicht über den Placebo-Effekt hinaus“, der einer Medizinerin eine Strafzahlung über mehrere Tausend Euro eingebracht hatte. Geklagt hatte Hevert, ein Hersteller von alternativen Arzneimitteln.

Seitdem reißt die Kritik, insbesondere in den sozialen Netzwerken, nicht ab. Auch hat Frankreich entschieden, dass dort die Übernahme von Homöopathie durch die Krankenkassen bis 2021 auslaufen soll.

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Die Stadt Meißen hat eine besondere Beziehung zu dieser Heilmethode. 1755 wurde hier Samuel Hahnemann geboren, der als Erfinder der Homöopathie gilt. Seine Lehren verbreiteten sich rasch, heute steht selbst in Washington D.C. ein Hahnemann-Denkmal mit der Inschrift Similia similibus curentur, frei übersetzt: Ähnliches soll mit Ähnlichem geheilt werden.

 Die Medikamente setzen auf extrem verdünnte Wirkstoffe, die über Zuckerkügelchen eingenommen werden. Teilweise werden die Lösungen so häufig verdünnt (potenziert), dass sie nur noch wenige Moleküle des Wirkstoffes enthalten.

Mit chemischen Erklärungsmodellen lässt sich die Wirksamkeit nicht beweisen. Doch das hält Heilpraktiker und Ärzte nicht ab. Eine von ihnen ist Sandra Alband, die 1999 eine Ausbildung in klassischer Homöopathie am Meißner Hahnemannzentrum abschloss. Dort ist sie immer noch regelmäßig, behandelt und hält Vorträge. 

„Wir führen seit vielen Jahren eine Wirksamkeitsdiskussion“, sagt sie. Dass die homöopathischen Methoden eine direkte Wirkung haben, zweifelt sie nicht an. „Auch die Chemie hat sich weiterentwickelt, vielleicht ist die Wirkung nur noch nicht messbar“, sagt sie. 

Besonders bei Kindern merke sie in der täglichen Arbeit, dass ihre Methoden auch bei ernsteren Krankheiten Erfolg zeigen. Viele junge Mütter kämen zu ihr, die eine zweite Meinung zum klassischen Kinderarzt suchten.

Dabei geht es insbesondere um die persönliche Betreuung. Ein Erstgespräch kann bis zu zwei Stunden dauern. Auch das Konzept des Erfinders ging über die Behandlung mit den Globuli genannten Zuckerkugeln hinaus.

 Gesunde Ernährung, viel frische Luft und Verzicht auf Alkohol und Tabak waren Teil der Therapie. „Ich versuche, den Körper mit ganz feinen Mitteln zur Selbstheilung zu bringen, wenn er sich dabei aber weiterhin vergiftet, nützt das alles wenig“, erklärt Sandra Alband.

0,03% der Gesamtausgaben

Starke Zweifel an der Wirksamkeit hat jedoch die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen. Der Vorsitzende Klaus Heckemann bezeichnete die Erstattung von homöopathischen Mitteln durch die meisten Krankenkassen als „Anachronismus“.

 Andere Mittel müssten strenge Leistungsnachweise erbringen, bei Globuli sei man weit davon entfernt. Deshalb empfehle man, dass die Krankenkassen zukünftig aufhören, die Kosten für diese Art der Behandlung zu übernehmen.

Sandra Alband hat ein anderes Argument für die Übernahme: „Homöopathie ist viel günstiger als klassische Medikamente. „Die Kosten, die für die Krankenkassen durch Homöopathie entstünden, seien viel geringer als gemeinhin angenommen. 

Tatsächlich gaben Krankenkassen 2017 10,5 Millionen Euro, also 0,03 Prozent ihrer Gesamtausgaben dafür aus. Darüber hinaus sind nur von den Kassen anerkannte Mediziner betroffen. Für Behandlungen bei den meisten Heilpraktikern, wie Sandra Alband, müssen Patienten selbst zahlen.

Doch es sei ein weiteres Problem absehbar. „Wenn Krankenkassen Leistungen nicht mehr erstatten, hat das Auswirkungen auf den Markt“, sagt Alband. Im konkreten Fall geht es darum, dass Hersteller von alternativer Medizin, wie die eingangs erwähnte Firma Hevert, gewisse Grundmengen von Mitteln produzieren müssen, um wirtschaftlich zu sein. Verschreiben weniger Ärzte die Mittel, ist die Produktion auch für Heilpraktiker in Gefahr.

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