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Das Lächeln der Attentäterin

SZ-Leser Volker Richter hat seine eigene Version vom Sterben des Marschalls Duroc in Markersdorf.

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Von Volker Richter

Ziemlich laut hier. Der Lärm der LKWs, deren Fahrer vor dem Berg noch eben zwei Gänge runter schalten, bevor sie mit Getöse Markersdorf verlassen, macht den Ort nicht gerade heimelig. Bundesstraßenlärm. In einer Verkehrspause höre ich einen Presslufthammer schlagen, doch einen Moment lang auch das Gezwitscher der Spatzen.

Dieses eindrucksvolle Gemälde zeigt eine Version des Sterbens des Marschalls Duroc in Markersdorf. Das Bild befindet sich im Hotel „Duroc“ in Holtendorf und hat dort schon so manchen Gast nach der Geschichte von 1813 fragen lassen. Fotos: Nikolai Schmidt
Dieses eindrucksvolle Gemälde zeigt eine Version des Sterbens des Marschalls Duroc in Markersdorf. Das Bild befindet sich im Hotel „Duroc“ in Holtendorf und hat dort schon so manchen Gast nach der Geschichte von 1813 fragen lassen. Fotos: Nikolai Schmidt
Der Duroc-Stein steht einsam am Straßenrand in Markersdorf.
Der Duroc-Stein steht einsam am Straßenrand in Markersdorf.

Die Sonne wirft ihr Licht durch die Linden auf den Sockel eines Granitwürfels. Über dem Namenszug hängt ein Schatten. Auf das Kreuz darunter und die Jahreszahl 1813 fällt etwas Licht, nur so viel, dass beides sich als Kontrast von dem grauen, schmutzigen Stein abzeichnet. Sie bilden das Dach über deinem Denkmal, die beiden kleinen Linden, und als ich mich auf die Bank dahinter setze, rascheln sie mit ihren trockenen Blättern, als wollten sie mich hier begrüßen. Rückseitig dann noch ein Name und ein Kreuz, gleiche Jahreszahl. Inzwischen staut es sich auf der Straße. Ein Traktor der Agrargenossenschaft kämpft sich den Berg hinauf. Der Köter vom Hof hinter mir kläfft die Autos an. Es wird laut. Guten Tag, Duroc.

Ich weiß, du bist nicht mehr hier. Man hatte dich nach Paris verbracht und man hat dich an seine Seite gelegt, die Seite des Schlachtenkaisers. Man glaubte wohl, da gehörst du hin für alle Ewigkeit. Hier ist nur dieser Stein mit deinem Namen und ich stelle mir nun vor, hier wäre es passiert, und ich füge den vielen Varianten, die von den Geschehnissen erzählt werden, kurzerhand meine eigene hinzu:

Es war ein Anschlag auf Napoleon, soviel ist klar. Es war einer dieser kläglichen und es war einer dieser so oft scheiternden Versuche, einen Krieg zu beenden, indem man den Kriegstreiber tötet. Jedenfalls ist genau das auch in Markersdorf nicht gelungen. Denn du standest an seiner Seite. Du gehörtest zu seinem Stab, Feldmarschall, Fachmann im Felde. Du bist mit ihm durch Europa gezogen, hin und her, hast die Schlachten geschlagen, die zu schlagen waren, hast getötet für ihn und gesiegt, so oft schon und triumphal. Du musstest dich nicht erst vor ihn stellen, hier, in Markersdorf, in diesem Frühjahr 1813, als Kugelfang und als sein Schutzschild. Du standest schon längst da, von Anfang an.

Und sie gab den Schützen das Zeichen. Von einem der verlassenen Höfe aus. Das Dorf war geräumt worden, seine Bewohner hatten sich in ihrer Angst verkrochen. Nur sie war geblieben, die Hanspach. Sie war entschlossen, Europa zu befreien, im Handstreich, durch ein Attentat aus dem Hinterhalt. Vielleicht hatte sie dich gar nicht bemerkt, oder vielleicht hat sie gehofft, möglichst viele seiner militärischen Gefolgschaft gleich mit zu eliminieren. Vielleicht war ihr auch klar geworden, da oben auf dem Dach mit Blickkontakt zu den Schützen und guter Sicht zum anvisierten Ziel, dass sie nun Schuld auf sich laden, töten würde. Vielleicht hat sie zuvor noch ein Gebet gesprochen. Geschrei, Befehle, Durcheinander, Chaos. Bald ist klar: Napoleon hat überlebt, unversehrt, am Boden liegst du, Duroc, tödlich verletzt. Man bringt dich in eines dieser menschenleeren Häuser und legt dich zum Sterben hin. Dein Kaiser kniet an deinem Lager. Vielleicht hat er sogar geweint.

Plötzlich steht sie in der Tür. Sie schaut in deine Augen und augenblicklich weiß sie, was sie zu tun hat. Napoleon erhebt sich, tritt schweigend in den Hintergrund, beobachtet mit Dankbarkeit diese Frau. Sie kommt zu dir, nimmt deine Hand, tupft mit ihrer Schürze den kalten Schweiß von deiner Stirn. Sie holt weiße Tücher aus einem Schrank und einen Becher mit Wasser. Sie versorgt deine Wunden so gut es eben geht, dein Blut ist überall. Sie weiß, dass du sterben wirst, das wusste sie schon bald nach dem Schuss, oben auf dem Dach. Sie benetzt mit dem Wasser deine trockenen Lippen. Wieder nimmt sie deine Hand, streicht dir mit der anderen liebevoll übers Gesicht, betrachtet dich, als wärest du das Wertvollste in ihrem Leben, lächelt und spricht zu dir, wovon du kein Wort verstehst, aber du begreifst, dass diese Frau das Beste ist, was dir im Sterben begegnen konnte. Sie deckt dich zu, als das Kalte in deinen Körper kriecht, sie ist dir ganz nah und du schaust sie an und sie lächelt, als du deine Augen schließt und eine Träne rinnt ihr übers Gesicht, als sie für dich betet. Dann geht sie, still wie sie gekommen ist, sie verlässt das Dorf ihres Krieges, geht irgendwohin, wo niemand einen anderen tötet. Dein Bild nimmt sie mit, das Bild des einzigen Menschen, den sie je geliebt hat.

Es wird Abend an der lauten Straße. Lärm holt mich aus meinem Traum zurück. Ich weiß nicht, wie diese Geschichte sich tatsächlich zugetragen hat. Es gibt Varianten. Napoleon ist noch weit geritten. Möglich, es hält ihn noch heute so mancher für einen Großen. Aber mit deinem Tod hatte er das Siegen verlernt. Da war sie wohl irgendwie doch erfolgreich, die Hanspach mit ihrem Attentat. Gestorben wurde weiterhin, in diesem Krieg. Bis nach Waterloo. Aber daran trägt sie keine Schuld. Sie hat den Krieg beendet, in jenem Mai. Ein für allemal. Niemand hat es kapiert. Jedenfalls ist das in meiner Variante so.

Ich sollte bei Gelegenheit den hiesigen Friedhof nach ihrem Namen absuchen, denke ich noch bei mir, als ich mich ein wenig später auf den Heimweg mache.