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„Das Mädel ist wie eine Furie“

Eine 14-Jährige tritt vor 16 Jahren Überfallenen mit Springerstiefeln ins Gesicht. Dann ersticht sie einen Mann und kommt sechs Jahre hinter Gitter.

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Von Ralph Schermann

Das Haus Reichenbacher Straße41 steht nicht mehr. Am 5.März des Jahres 1996 aber steht es noch, unter anderem bewohnt von Siegfried Holler*, einem 59-jährigen Arbeitslosen. Zu dessen großem Bekanntenkreis gehört auch die damals erst 14-jährige Katy Reiber*. Die Jugendliche gilt als burschikos und dominant, für Holler wohl auch als trinkfest trotz ihrer Jugend. Weil er gern mal „mit ihr eine Runde quatscht“, wie er später aussagt, gibt er dem Mädel sogar einen Wohnungsschlüssel.

Doch Holler lässt auch andere in seinen vier Wänden übernachten. Am 5. März 1996 klopft Christian Kriegs* bei ihm an, ein alter Kumpel, der nun allerdings obdachlos ist. Er habe das Obdachlosenheim satt, ob er sich denn mal eine Nacht bei Holler aufwärmen könne? Er kann. Bis gegen 20.30 Uhr Katy Reiber mit ihrer 13-jährigen Freundin Bea Gurrwek* „auf einen Schluck“ vorbeikommt – und ausrastet. Später zurückgerechnet hat sie zu dieser Zeit 1,06 Promille Alkohol intus. „Penner kann ich niemals nicht leiden“, begründet sie später. In der Wohnung zerrt sie den 43-jährigen Kriegs vom Sofa, tritt ihn mit ihren Springerstiefeln ins Gesicht. „Hau ab hier“, schreit sie ihn an, und der Mann verlässt die Wohnung.

Katy Reiber aber ist wie im Rausch. Sie holt ein 25 cm langes Messer aus der Küche, rennt Kriegs hinterher und sticht zu. „Ich wollte ihn damit nur warnen, ja nicht wiederzukommen“, sagt sie und öffnet dem Angestochenen sogar noch die Haustür. Christian Kriegs aber schafft es nur noch wenige Meter weit, dann bricht er auf dem Schnee des Gehweges zusammen. Der zwölf Zentimeter tiefe Stich hat das Herz getroffen und eine große Blutung in der Brusthöhle verursacht. Die Blutspuren im Schnee führen die bald darauf eintreffenden Polizisten in die betreffende Wohnung. Dort bestätigt Siegfried Holler, dass seine Bekannte Katy Reiber ein blutiges Messer abgewaschen und wieder in einen Küchenschub gelegt hat. Bea Gurrweg zeichnet den Beamten auf, wie es aussah. Der Rest ist für die Ermittler Routine. Nach der bereits wieder verschwundenen Katy wird gefahndet. In dieser Nacht wird sie schon um 1Uhr im Bahnhof Görlitz gesehen. Dort nämlich hat sie Daniel Busch* (18) getroffen. Zusammen gehen die beiden gegen Andreas Gutlind* vor, um ihm Geld zu stehlen. Wieder tritt Katy zu. Der Angegriffene kann mit Prellungen noch das Weite suchen, gibt der Polizei aber eine gute Täterbeschreibung: „Das Mädel ist wie eine Furie.“ Um 11.45 Uhr klicken die Handschellen, am 7. März ordnet der Haftrichter die U-Haft an.

Katy Reiber ist zum Zeitpunkt der Tat bei der Polizei und auch der Justiz längst kein unbeschriebenes Blatt mehr. Als sie zusticht, steht sie vier Tage vor ihrem 15. Geburtstag. Das Görlitzer Landgericht erkennt in der Verhandlung am 18. September 1996 auf Körperverletzung mit Todesfolge. Sechs Jahre Jugendstrafe lautet das Urteil.

* Namen von der Redaktion geändert

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