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Das Meißner Glockenwunder

Kraftvoll und ausdauernd klingt das Geläut der Meißner Johannesglocke wieder übers Elbtal. Mehr als 30 Jahre lang war die von Manufaktur-Künstler Emil Paul Börner geschaffene Glocke nahezu verstummt. Nur ausnahmsweise und für kurze Zeit durfte der kaputte Koloss geläutet werden.

Kraftvoll und ausdauernd klingt das Geläut der Meißner Johannesglocke wieder übers Elbtal. Mehr als 30 Jahre lang war die von Manufaktur-Künstler Emil Paul Börner geschaffene Glocke nahezu verstummt. Nur ausnahmsweise und für kurze Zeit durfte der kaputte Koloss geläutet werden. 1977 war die alte Krone aufgrund von DDR-typischen Säureschäden zersprungen. Nicht viel hätte gefehlt, und acht Tonnen Bronze wären durch den Domturm gestürzt.

Der 13. Februar schwingt mit

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Am Sonntag, 12 Uhr, feiert Meißen mit einem Dank- und Festgottesdienst das Ende des Schweigens und die erfolgreiche Reparatur einer der figurenreichsten Glocken der Welt.

Die Wahl des 13. Februar als Gottesdiensttermin ist kein Zufall. Die mit Christus als Weltenrichter und Szenen aus dem Jüngsten Gericht verzierte Johannesglocke überstand den Zweiten Weltkrieg zwar. Zwei weitere, künstlerisch weniger wertvolle Meißner Domglocken wurden allerdings von den Nazis eingeschmolzen. Als in den 50er Jahren zwei neue Glocken gegossen werden sollten, musste nach Auskunft von Dombaumeister Günter Donath auf Bronzetrümmer aus beim Bombenangriff zerstörten Dresdner Kirchen zurückgegriffen werden. Das Dresdner Erbe schwinge bis heute in Meißen mit und mahne zu Frieden, sagt Donath. Deshalb wurde der 13. Februar bestimmt.

Der Dombaumeister nennt ein weiteres pikantes Detail am Rande: Nach dem Guss der beiden Meißner Glocke hatte die Gießerei Schilling im thüringischen Apolda noch Bronze übrig. Kurzerhand sei beschlossen worden, aus diesen Resten zusammen mit überschüssiger Bronze von der Buchenwald-Glocke des Künstlers Fritz Cremer eine dritte Domglocke zu gießen. Das kommunistische Denkmal und die christliche Glocke sind aus dem gleichen Stoff gemacht.

Parallel zur Rückkehr des vollen Klangs feiert das Meißner Domstift am Wochenende den erfolgreichen Abschluss eines Pilotprojekts. Die Reparatur wurde nur bezahlbar, weil sie mit Hilfe modernster Techniken hoch droben im Domturm ausgeführt werden konnte. Den Koloss aus dem Turm nach unten zu heben, wäre für das Domstift unbezahlbar gewesen.

„Wir haben Neuland beschritten und viele wichtige Erfahrungen gesammelt“, sagt Dombaumeister Donath. Bei der Gießerei in Lauchhammer, wo die Glockenkrone nachgegossen wurde, lägen bereits drei Anfragen von Interessenten vor, die die Meißner Erfahrungen gern nutzen möchten.

4000 Kronen sind kaputt

Das dürfte allerdings nur die Spitze des Eisberges sein. Nach ersten Recherchen von Spezialisten soll es in Deutschland rund 4000 Glocken geben, die ähnliche Kronenprobleme haben wie die Meißner Johannesglocke. Ihnen könnte mithilfe des im Dom entwickelten Verfahrens schnell und relativ kostengünstig geholfen werden.

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Bislang wurde bei Kronenreparaturen das beschädigte Teil brutal herausgebohrt. Anschließend musste die gesamte Glocke in eine Drehbank eingespannt werden, um die Bohrstellen fürs Aufschweißen zu glätten. In Meißen wurde der alte Deckel statt dessen mit einem superstarken Wasserstrahl abgetrennt. Das ließ sich direkt im Turm bewältigen. Anschließend brachte ein gebündelter Lichtstrahl eine dünne Wolframschicht zwischen altem Glockenrand und neuer Krone zum Glühen. Das ultraharte Wolfram schweißte Alt und Neu zusammen.

Peter Anderson