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Das merkwürdige Schattenspiel

Bei der Frauen-WM in Kanada bleibt der Fifa gar keine andere Wahl, als die meiste Zeit in den Hintergrund zu treten.

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Von Frank Hellmann

Rowelna Venter und Gina Escobar halten die einen für Schwestern. Andere vermuten hinter ihnen eher Brüder im Geiste. Denn die adretten Frauen tragen den gleichen dunklen Anzug mit dem Emblem des Fußball-Weltverbandes Fifa, bewegen sich mit dem gleichen geschäftigen Blick durch das Stadion von Ottawa und pflegen ein bizarres Gehabe, das so gar nicht zum familiären Charakter einer Frauen-Weltmeisterschaft passen will.

Die Südafrikanerin Venter verwandelt sich zur Oberzicke, wenn Bundestrainerin Silva Neid nach dem Ende einer Pressekonferenz noch einen Satz ins ARD-Mikrofon sprechen soll. Und die Costa-Ricanerin Escobar mutiert zur Furie, sollte jemand an die neben der Werbewand wartende Nationalspielerin Lena Goeßling noch ein persönliches Wort richten. Wer gar glaubt, er könne mit dem Smartphone ein Foto machen, riskiert seine Akkreditierung. Alarmruf der zwei Wächterinnen: „Forbidden!“ Verboten. Zumindest im Mikrokosmos des Media Centre funktioniert das Diktat des Weltverbandes also noch.

Aber schon an den Einlasskontrollen zum Stadion nimmt sich die Fifa mit ihrem Regulierungswahn zurück. Sie seien von Freundlichkeit und Nachlässigkeit geprägt, berichten die Zuschauer. Was natürlich damit zusammenhängt, dass die Kundschaft im weiblichen Segment für vieles steht, nur nicht für Gewaltexzesse. Auch wenn die Dachorganisation in den sechs Spielorten die üblichen Abläufe installiert hat, die siebente Auflage einer Frauen-WM scheint dennoch viel weniger im Klammergriff zu sein als das Turnier vor vier Jahren.

Waren in Deutschland für 2011 Zufahrtsstraßen auffällig beflaggt und Areale zum Public Viewing penibel eingerichtet worden, damit sich die Sponsoren als Fifa-Zahlmeister ins rechte Bild rücken konnte, so hat sich Kanada für die WM 2015 mehr Zurückhaltung auferlegt. In der Hauptstadt Ottawa, wo am 20. und 22. Juni noch zwei Achtelfinals (eines wohl mit deutscher Beteiligung) stattfinden, ist nicht mal eine Fanzone aufgebaut. Eine Feierstunde mitten in der größten Identitätskrise des Weltverbands? Reicht doch, dass sich in den vom Stanley-Cup-Finale dominierten Sportsbars herumspricht, dass irgendwo und irgendwann gerade auch der Women’s World Cup läuft.

Alles hatte sich Victor Montagliani, der Präsident des kanadischen Fußball-Verbandes (CSA), fürs Turnier gewünscht – nur nicht Enthüllungen zu diesem Zeitpunkt. Der gewaltige Knall von Zürich hat dem Event zwischen Moncton und Vancouver viel von der öffentlichen Aufmerksamkeit gekostet. Der Weltfußball habe seinen moralischen Kompass verloren, lästerte Montagliani vorm Eröffnungsspiel. Dafür lobte er die 30 Millionen Frauen und Mädchen, die weltweit dem Ball hinterherjagen: „Sie spielen wirklich wegen ihrer Liebe zum Spiel.“ Eine schöne Replik auf die verlogenen Liebesbekundungen von Sepp Blatter, der früher zudem gern davon schwadronierte, dass die Zukunft des Fußballs weiblich sei. Der pure Populismus.

Konsequenterweise knickt der Blatter-kritische kanadische Verband jetzt nicht ein, wenn es um die Bewerbung für die WM 2026 geht. „Wir haben unser Interesse an einer Ausrichtung hinterlegt, aber wir haben immer gesagt, dass wir erst sehen wollen, was sich innerhalb der Fifa verändert, bevor wir eine Entscheidung treffen“, heißt es von einem CSA-Sprecher. Die öffentlich erhobene Forderung: Die Fifa solle neben dem Nein zum Rassismus auch ein Nein zur Korruption verlauten lassen. Die Skandalvereinigung vermittelt dem Stadion- und Fernsehpublikum indes nur die altbekannten Botschaften. Das beim Einlaufen der Mannschaften hereingetragene Banner zeigt die Aufschrift: „Fifa – My game is fairplay.“

Bislang sind aber nur vier Fifa-Führungsmitglieder überhaupt in Kanada aufgeschlagen, drei davon sind Frauen: Lydia Nsekera aus Burundi, die erste Frau als Vollmitglied des Fifa-Exekutivkomitees, Moya Dodd aus Australien, eine von zwei Beisitzerinnen, und Sonia Bien Aime von den Turks- und Caicos-Inseln aus dem Komitee Frauenfußball. Einziger männlicher Repräsentant ist Fifa-Vizepräsident David Chung aus Papua-Neuguinea. Wofür er in dieser Causa steht, ist im Detail nicht zu erfahren. Aber ihn hat das FBI wohl nicht auf der Liste, denn bislang bewegt er sich unbehelligt hin und her. Jedoch auch unbemerkt.

Brauchbare öffentliche Wortmeldungen steuert sowieso nur Tatjana Haenni bei, die seit 2008 für alle Frauen-Wettbewerbe unter Fifa-Hoheit verantwortlich ist. Auf die Frage, ob die Turbulenzen die WM stören würden, sagte die Schweizerin der Basler Zeitung: „Überhaupt nicht. Wir haben vier Jahre lang auf dieses Turnier hingearbeitet und sind überzeugt, dass es eine gute Sache geben wird.“

Immerhin traut sie sich, ungeschminkt das Macho-Gehabe vieler Konföderationen und Verbände anzuprangern, und befürwortet längst eine Frauen-Quote in den Gremien ihres Arbeitgebers. Die 49-Jährige verriet, dass sie es gar nicht mehr für ausgeschlossen halte, dass mal eine Frau der Fifa vorstehen werde. Dieselbe Frage sollte vor einigen Tagen bereits die Bundestrainerin beantworten. Silvia Neid antwortete spontan: „Eine Frauenhand täte der Fifa gut.“ Danach brach das Media Office Ottawa übrigens die Pressekonferenz sofort ab.