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„Das Misstrauen ist noch größer geworden“

Die Krise an den Börsen ist nicht ausgestanden. Je länger sie dauert, desto wahrscheinlicher wird auch eine Rezession, sagt Ulrich Kater,Chefvolkswirt der Dekabank, im Gespräch mit der SZ.

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Herr Kater, ist die Krise an den Börsen weitgehend ausgestanden?

Nein. Das Misstrauen ist noch viel zu groß. Erst wenn Banker, Börsianer und Anleger wieder Vertrauen gefunden haben, können die Probleme überwunden werden.

Und wie kommen wir an diesen Punkt?

Eine solche Krise findet nur ein Ende, wenn es längere Zeit keine negativen Meldungen mehr gibt oder eine größere Bereinigung stattfindet. Aber damit werden wir uns wohl noch bis zur Jahresmitte befassen müssen, erst bis dahin liegen die Bilanzen für 2007 und die Berichte für das erste Quartal 2008 auf dem Tisch.

Hilft die kurzfristige, überraschend deutliche Zinssenkung durch die amerikanische Notenbank?

Sie ist richtig, weil die Zentralbank damit den Marktteilnehmern Unterstützung signalisiert. Damit allein können aber die Grundprobleme an den Märkten nicht beseitigt werden.

Hat Sie die Entwicklung der letzten Tage überrascht?

Erstaunlich ist, dass das ohnehin schon große Misstrauen an den Finanzmärkte noch größer geworden ist. Wir hatten im Januar mit einer Beruhigung gerechnet. Es gab nun vor allem bei den Banken weitere Verlustmeldungen, zum Teil aus dem Nichts heraus. Niemand weiß, wie viele Bewertungslöcher sich noch auftun.

Auch nicht bei deutschen Banken oder auch bei Banken wie der SachsenLB und anderen öffentlichen Instituten?

Niemand kann das heute genau beziffern. Es ist vor allem nicht abzuschätzen, welche Konsequenzen sich aus möglichen neuen Milliardenlöchern ergeben. Die Aufräumarbeiten werden länger dauern als noch vor wenigen Wochen erwartet.

Wie sieht es in der Realwirtschaft aus, also bei den Industrie-Unternehmen?

Zumindest bis Ende 2007 stand der Industriesektor noch gut da. Es gab eine Zweiteilung zwischen der Krise im Finanzsektor und der positiven Lage in der Industrie. Aber je länger die Finanzkrise dauert, desto größer wird die Furcht, dass die Probleme durchschlagen: Mangelndes Vertrauen kann zu einem Stopp von Investitionen führen, auch höhere Kreditkosten können bremsen.

Die Gefahr einer Rezession in den USA und einer Eintrübung in Europa wird also deutlicher.

Der Blick auf volkwirtschaftliche Indikatoren wie etwa die Auftragslage zeigt das zwar nicht, er weist nur auf eine Delle im Wachstum hin. Aber die Furcht an der Börse wächst. Je länger die Kreditkrise andauert, desto wahrscheinlicher wird die Rezession.

Im Dezember haben Sie für den Dax Ende 2008 rund 9000 Punkte vorausgesagt. Lässt sich diese Prognose noch halten?

Unter normalen Umständen wäre das erreichbar. Aber die anhaltende Kreditkrise und die scharfe Börsenreaktion wirken sich natürlich auch auf die Markteinschätzung aus. Wir werden jetzt nicht auf die Schnelle die Prognose ändern, sondern die Entwicklung der kommenden Tage analysieren.

Haben wir an der Börse schon wieder Kaufkurse?

Allenfalls für erste, ausgewählte Käufe. Die Situation an der Börse bleibt unsicher, und es werden noch weitere schlechte Nachrichten kommen. Erst im Laufe des Jahres sollte man seine Aktienkäufe ausdehnen.

Gespräch: Rolf Obertreis