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Das Möchtegern-Genie

Dem sportlichen, jungen Mann mit dem schmalen Gesicht und dem gepflegten Fassonschnitt hätte bis vor kurzem wohl kaum einer etwas Böses zugetraut. In der kleinen Siedlung Stelzendorf im Chemnitzer Süden...

Von Thomas Schade

Dem sportlichen, jungen Mann mit dem schmalen Gesicht und dem gepflegten Fassonschnitt hätte bis vor kurzem wohl kaum einer etwas Böses zugetraut. In der kleinen Siedlung Stelzendorf im Chemnitzer Süden galt Silvio S. zwar als Einzelgänger, vielleicht auch als Eigenbrötler, weil er in einem kleinen Holzhaus auf dem elterlichen Grundstück lebte. Er hatte in einem großen Chemnitzer Maschinenbaubetrieb gelernt, wurde aber dann arbeitslos. Auch nach einer Umschulung zum Tischler lief es nicht besser. So war Silvio S. viel unterwegs – oft mit dem roten Mountainbike der Marke Nevada. Tausende Chemnitzer sind ihm in den vergangenen zwei Jahren begegnet, im Neefepark, im Heckert-Viertel oder in der City. Aber dass der 28-Jährige zwei Jahre lang der meistgesuchte Mann der Stadt war, hatte keiner geahnt – bis zum 16. Dezember 2003.

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US-Heckenschützen waren sein Vorbild

An dem Morgen stürmte ein Einsatzkommando der Polizei das kleine Holzhaus und nahm Silvio S. auf seiner Schlafmatte unterm Dach fest. Wenig später atmete eine ganze Stadt auf, weil der Reifenstecher von Chemnitz endlich gefasst war. 127 Tatorte, mehr als 700 geschädigte und frustrierte Autobesitzer, 2 050 zerstochene Reifen, ein Sachschaden von 180 000 Euro – das sind nach Polizeiangaben die Dimensionen des Krimis, von dem heute keiner so recht sagen kann, wann er eigentlich begonnen hat.

Die sinnlosen Gummistechereien werden es auch nicht sein, wegen denen Silvio S. wahrscheinlich hinter Gitter muss. Vielmehr dürfte maßlose Selbstüberschätzung zum Verhängnis werden. Denn im Schutz der Anonymität lebte der junge Mann offenbar seinen ganz persönlichen Machtrausch aus. Anders ist es kaum zu erklären, dass er begann, die Polizei zu verspotten und den Freistaat zu erpressen – und dabei gefährliche Vorbilder wählte.

Fernab von Chemnitz hinterließen am 21. Oktober 2002 in Washington die berüchtigten Heckenschützen an einem ihrer Tatorte eine Tarotkarte mit der Aufschrift „Dear Policeman, I am God“. Die Botschaft geisterte durch die Medien und erreichte auch Stelzendorf. Schon am nächsten Tag klemmte im Chemnitzer Stadtpark eine deutsche Spielkarte, die Schell sieben. „Lieber Polizist, ich bin Gott“, stand darauf. Zehn zerstochene Reifen an sieben Autos in unmittelbarer Nähe ließen kaum Zweifel, von wem die dreiste Botschaft stammte.

Drei Tage später ging bei der Chemnitzer Polizei ein Brief voller Hohn gegen die Beamten ein, in dem ein Unbekannter mit Gewalttaten drohte, wenn ihm die Polizei nicht 100 000 Euro zahle. Sein Ultimatum: Ab 27. Oktober werde er zum „totalen Krieg übergehen“. Auf dem Umschlag fand sich dieselbe Schablonenschrift wie zuvor auf der Spielkarte. Anfang November 2002 schraubte der Möchtegern-„Sniper“ von Sachsen seine Geldforderungen auf 50 000 Euro zurück und stiftete das Geld in einem weiteren Erpresserbrief für die „Reifenstechergeschädigten“.

Ende April 2003 gewährte der Erpresser den Ermittlern einen weiteren Einblick in sein Seelenleben. Genau an dem Tag, an dem sich der Amoklauf des Robert Steinhäuser am Erfurter Gutenberg-Gymnasium erstmals jährte, zerstoch Silvio S. in einem Autohaus 95 Reifen an 44 Autos. An einem Fahrzeug fand die Polizei die Kopie eines Artikels aus der Freien Presse über den Amokschützen. In der gewohnten Schablonenschrift stand dabei „Vielen Dank, daß es dich gab“.

Hohn und Spott gegenüber der Polizei

„Unruhe machte sich breit bei den Leuten“, erinnert sich der Chemnitzer Polizeisprecher Reinhard Walther. Der Chemnitzer Polizeipräsident Horst Wawrzynski machte den Fall zur Chefsache, gründete die Sonderkommission Reifen und beauftragte Tilo Frischke mit dem Fall, den stellvertretenden Chef der Mordkommission. Dessen erste Amtshandlung: Alle in der Soko mussten Reifen stechen, um ein Gefühl für das Phänomen zu bekommen, dem sie nachjagten.

„Wir hatten Hunderte zerstochene Reifen, ein paar Briefe und sonst fast nichts“, erinnert sich der 44-jährige Kriminalist. „Sein System war das Unsystematische. Hier lebte ein gefühlskalter Typ seinen Frust aus und berauschte sich an der Wirkung seiner Taten“, so Frischke. Eines hatte die Analyse aller Fälle ergeben: Mediale Aufmerksamkeit schien den Erpresser zu beflügeln. „Der stach für die Schlagzeile“, glaubt Frischke heute.

Wie ein Mord wurde ab Mai 2003 jeder neue Tatort des Reifenstechers behandelt. An jedem beschädigten Auto wurde die Kriminaltechnik tätig. Über Rundfunk und Zeitungen bat die Polizei die Bürger um Hilfe. Der Erpresser dürfte im Juni auf Wolke sieben gewesen sein, angesichts der Öffentlichkeit, die er hatte. In seinem nächsten Brief forderte er jedenfalls den Staat zur Bankrotterklärung auf. Vom ungleichen Spiel zwischen „Genie und Versagern“ ist darin die Rede. Ultimativ verlangte er, die Polizei solle in den Medien ihr Versagen eingestehen. Andernfalls werde er zu „Level 2“ übergehen und auf Autobahnen und Landstraßen Hartmetallstifte in den Asphalt schrauben.

Ein Test ergab: Der Erpresser drohte mit tödlichen Fallen. Die Soko stand vor der prekären Frage: Wie groß war die Gefahr tatsächlich? „Sollten wir das ganze Land warnen, Autobahnen zeitweilig sperren und dem Erpresser das Gefühl geben, dass er der Größte ist?“, sagt der Soko-Chef. Man schwieg. Wenige Tage später meldeten 24 Autofahrer, dass ihre Reifen auf der Lauffläche zerstochen worden waren. Da klingelten die Alarmglocken. Ins Visier kam der Neefepark. Die Polizei täuschte am 27. Juni einen Verkehrsunfall vor, suchte aber tatsächlich mit hohem Aufwand nach der Nadel im riesigen Asphaltteppich – und hatte Glück. Der Erpresser hatte tatsächlich eine zwölf Zentimeter lange Holzschraube am Kopf spitz geschliffen und in den Straßenbelag gedreht.

Aber er wurde unvorsichtiger. Auf einem Brief konnten die Spezialisten eine DNA-Spur sichern. Am 2. September erfasste ihn die Überwachungskamera eines Autohauses, als er an 41 Autos 130 Reifen zerstach. Doch die Bilder waren zu schlecht für eine Auswertung. Am 26. Oktober machte das vermeintliche Genie einen simplen, aber entscheidenden Fehler: Er fuhr nachts ohne Licht auf dem Rad durch den kleinen Ort Jahnsdorf und fiel einer Polizeistreife auf, die ihn anhalten wollte. Doch er ließ sein Rad fallen und türmte Hals über Kopf zu Fuß. An den Griffen des Rades fanden Kriminaltechniker die gleiche DNA wie zuvor an dem Erpresserbrief. Als sich am nächsten Tag auch noch neun Jahnsdorfer Autofahrer meldeten und 36 zerstochene Reifen anzeigten, war klar: Der Erpresser war nur knapp entkommen. Es waren die letzten Reifen, denen er den Garaus gemacht hatte.

Ein verräterisches rotes Fahrrad

Zu dieser Zeit dürften eine junge Frau bereits Gewissensnöte geplagt haben. Sie ahnte wohl, wer all die Reifen zerstach, ganz zufällig auch die am Auto ihrer Freundin. Nach einer Kripo-live-Sendung im MDR ging sie zur Polizei und sagte aus, schon vor Monaten habe ihr Ex-Freund damit geprahlt, dass er der Reifenstecher sei. Sie habe es nicht glauben wollen, aber als sie in den Zeitungen das rote Rad sah, sei ihr alles klar gewesen.

Auch Silvio S. hatte wohl geahnt, dass die Soko Reifen ihm dicht auf den Fersen war. Bei der Durchsuchung seines Hauses fanden die Beamten nicht eine Spur. Sein Tatwerkzeug, angeblich ein präparierter Kugelschreiber, ist bis heute nicht gefunden. Aber Silvio S. sei nach einem DNA-Vergleich als Schreiber der Erpresserbriefe identifiziert, sagt Tilo Frischke. Doch Silvio S., so scheint es, ist ein schlechter Verlierer. Trotzig behauptete er, nicht der Reifenstecher zu sein. Das Gegenteil wird ihm auch nur in einer Hand voll Fällen nachzuweisen sein. Aber den Erpresser Silvio S. drohen die Indizien zu erdrücken. Vielleicht verschickt er deshalb wieder Briefe an diverse Redaktionen und klagt darüber, wie ihn die Justiz behandele. „Eine komplizierte Persönlichkeit“ nennt ihn Soko-Chef Frischke zurückhaltend. In den Räumen unterm Dach des Chemnitzer Polizeipräsidiums, die eigentlich für den Katastrophenschutz reserviert sind, schließen er und seine Mitarbeiter derzeit ihre Arbeit ab. Neben Dutzenden Aktenordnern steht noch Silvios Rad. Auch die Polizei kannte das vermeintliche Genie bis kurz vor Weihnachten nicht. Nur einmal war Silvio S. vor langer Zeit aufgefallen: als Reifenstecher.