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Riesa

„Das Muskatorgelände ist ein Schandfleck“

Die SZ stellt vor der Stadtratswahl die Spitzenkandidaten der Listen vor. Heute: Joachim Wittenbecher von der AfD.

Joachim Wittenbecher im „Rückzugsraum“ seines Hauses in Merzdorf. Seit fünf Jahren ist er öfter in Riesa unterwegs, vor zwei Jahren ist er in die Stadt gezogen.
Joachim Wittenbecher im „Rückzugsraum“ seines Hauses in Merzdorf. Seit fünf Jahren ist er öfter in Riesa unterwegs, vor zwei Jahren ist er in die Stadt gezogen. © Sebastian Schultz

Riesa. Wer die Treppe in Joachim Wittenbechers Haus hinaufsteigt, kann die Modellautos kaum übersehen. Verteilt auf vier Vitrinen, akkurat im 45-Grad-Winkel aufgereiht, stehen da Fahrzeuge aus der DDR-Zeit, vom Trabi über den Wartburg bis hin zu landwirtschaftlichen Nutzfahrzeugen. „Ne kleine Meise braucht doch jeder“, sagt der Gastgeber, ehe er in ein kleines Zimmer im Kolonialstil führt.

Etwas überraschend ist die Leidenschaft des AfD-Kandidaten für Fahrzeuge ausgerechnet aus der DDR-Zeit schon. Die Lehre zum Wirtschaftskaufmann habe er für ein Jahr unterbrechen müssen, weil er „Blödsinn“ gemacht habe, sagt der gebürtige Leipziger. „Ich habe versucht, die DDR zu verlassen.“ Ein Jahr Haft bekam Joachim Wittenbecher dafür aufgebrummt, die Lehre aber habe er danach fortsetzen können. Kurz vor der Wende sei er auf die Straße gegangen, erst in Plauen, später in Leipzig. Aber die DDR-Fahrzeuge seien für ihn auch ein Stück Ingenieurskunst gewesen.

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In der Garage habe er noch einen russischen Oldtimer stehen, den er irgendwann einmal wieder herrichten möchte. „Ich bin seit einem Jahr Rentner, mit 63 in den Vorruhestand“, erklärt er. Einfach nur ausruhen, das wolle er nicht. Aus diesem Grund verdient er sich weiterhin noch etwas als Immobilienmakler hinzu, bis ein Nachfolger für das Unternehmen gefunden ist. Und aus demselben Grund möchte Wittenbecher in den Stadtrat.

„Für mich war klar, dass wenn ich mich einmal engagiere, das für die AfD sein würde“, sagt Wittenbecher. Die CDU habe das Land durch Einsparungen heruntergewirtschaftet, die SPD nur „Flausen im Kopf“, und die Linke komme nicht infrage, weil er sie immer noch ein Stück weit als SED-Nachfolgepartei sehe. „Die Grünen sind auch nicht mehr das, was sie mal waren – obwohl ich mal gedacht habe: Das ist eigentlich schon was!“ Mit der AfD habe es dann einfach die größten Schnittmengen gegeben. „Ich sage auch ganz ehrlich, dass ich nicht alles mittragen kann, das AfD-Politiker mittragen.“

Im Gespräch lässt Wittenbecher aber doch durchblicken, dass er weitgehend mit den bekannten AfD-Positionen auf Linie ist; von der Kritik an der Flüchtlingspolitik unter Merkel, über leise Zweifel am menschlichen Beitrag zum Klimawandel bis hin zum Satz, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Seit 2017 ist Joachim Wittenbecher Parteimitglied, auch am Aufbau der Ortsgruppe hat er mitgewirkt. Er sei dafür auch schon als Nazi beschimpft worden. „Man muss damit leben können, aber das macht schon betroffen“, sagt er. Wenn vor AfD-Büros Bomben explodierten, dann zeuge das von einem falschen Demokratieverständnis.

Seit fünf Jahren führt Wittenbecher eine Beziehung mit einer Riesaerin, vor zwei Jahren ist er hergezogen. Seine drei Töchter leben überall in Deutschland, ein Stiefsohn auf Madeira, wo er und seine Lebensgefährtin einmal im Jahr Urlaub machen. In die Insel hätten sie sich verliebt, sagt der AfD-Kandidat. Seinen Entschluss, in die Politik zu gehen, haben auch die Kontakte mit der Stadtverwaltung bekräftigt, sagt er. Dass die Stadt den kaputten Gehweg in der Hohen Straße lieber sperrte, statt ihn zu sanieren, bringt Wittenbecher auf die Palme. 4.000 Euro hätten die Bügelpoller gekostet, die dort nun stehen. Den Weg hätte man sicher günstiger notdürftig ausbessern können, vermutet er. 

Auch darüber hinaus gebe es in Riesa ernsthafte Probleme, die er angehen wolle: „Die Innenstadt ist ein ganz, ganz böses Thema. Da haben auch wir nicht die Ideallösung.“ Ob es die überhaupt gibt, da ist er skeptisch. „Es liegt am Lohn- und Gehaltsgefüge.“ Die Kaufkraft sei einfach zu gering, wer von 300 Euro leben müsse, der setze sich nicht an der Hauptstraße ins Café. Vor allem das Muskatorgelände ist Wittenbecher ein Dorn im Auge. „Das ist ein Schandfleck für den ganzen Stadtteil.“ Wohnräume würden zumindest in den Silos wohl nicht mehr entstehen, glaubt er. „Das Ding müsste abgerissen werden.“ Beim Radwegnetz sieht er ebenfalls Nachholbedarf. Mit einem Schutzstreifen sei es eben nicht getan, bemängelt er.

Für den Stadtratswahlkampf hofft Joachim Wittenbecher auf zehn Sitze für seine Partei – dann wären alle Kandidaten gewählt worden. Und dann? Er bremse schon in Gesprächen die Erwartungen, sagt Wittenbecher. „Ich sage dann schon immer: Erwartet bitte keine Wunder von uns.“ Man müsse sich ja erst einmal reinfuchsen – und eigene Beschlüsse durchzubringen, sei schwer, „wenn man die anderen Fraktionen gegen sich hat“.