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Das Nachmittagsmahl mit 15Stollen und einem Sieger

Das Stollenmädchen und elf Leser saßen an einer Tafel, um den besten Striezel zu küren. Auf Platz eins kam die LeubnitzerBäckerei Thomas Heller.

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Von Doreen Hübler

Diese Szene hat durchaus biblisches Potenzial: Elf Leser der SZ treffen nacheinander im Hotel Maritim ein und nehmen an einer langen Tafel mit blütenweißer Tischdecke Platz. Alles wartet auf den letzten Gast, die Zwölfte im Bunde: das Dresdner Stollenmädchen Sylvia Biedermann. Die huscht noch einmal mit der Puderquaste über das hübsche Antlitz und eilt kurz nach 15 Uhr ebenfalls herbei. Die Runde ist komplett, das Nachmittagsmahl kann serviert werden, vorher allerdings gibt es noch genaueste Instruktionen. Zwölf Jünger lauschen den Worten eines Mannes. Siegfried Heller ist seit drei Dekaden Stollen-Experte, viele Jahre war er selbst Bäcker, inzwischen wurde er zum Mitglied des Dresdner Stollenschutzverbandes berufen. Heute Nachmittag ist er Schiedsrichter bei der SZ-Verkostung. Der 68-Jährige erklärt das Wertungssystem: 5,0 ist die maximale Punktzahl, alles, was darunter liegt, muss geschmäcklerisch austariert werden. So mancher Tester grübelt noch über den Stichworten im Fragebogen. Die Krumenfestigkeit soll man also bewerten, aha. Und was, um Himmelswillen, hat ein Ausbund denn eigentlich mit Stollen zu tun? Siegfried Heller hebt die Arme in die Höhe und sagt: „Keine Bange, das kriegen wir schon über die Bühne.“

Puderzuckrige Anonymität

Die Kandidaten hat er zuvor in Reih und Glied antreten lassen. 15 Stollen, „das Beste, was es in der Landeshauptstadt gibt“, sind auf einem Tisch in puderzuckriger Anonymität versunken. Sie sind die Elite der Leser, mehr als 150 Zuschriften gingen in den vergangenen Wochen in der Redaktion ein, alles Vorschläge der Dresdner zu ihren Lieblingsbäckern. Welcher Name zu welchem Striezel gehört, steht auf einer geheimen Liste geschrieben, die Tester sind ahnungslos, sie verlassen sich auf ihren Geschmack. Der wiederum muss sich in der ersten Runde noch warm machen. Heller nimmt Kandidat Nummer eins in die Hand und wandert damit die Tafel entlang. Benotet werden vier Kriterien: Sowohl innerer als auch äußerer Eindruck, außerdem Geruch und Geschmack. Leises Murmeln am Tisch, die zwölf Juroren entscheiden paarweise, hier und da hilft ein Seitenblick auf die Notizen des Nachbarn, dann drängelt Siegfried Heller: „Meine Damen und Herren, ich bitte um Ihre Punkte.“ Sechs Schilder schnellen in die Höhe. 4,8 – 4,9 – 4,8 … Ein guter Start.

Eine Stunde später ist Halbzeit. Sieben Stollen sind bereits verkostet worden, die Reste liegen in einem Karton unter dem Tisch. Es gibt Durchhalte-Tipps von Siegfried Heller. Regel eins: Auf keinen Fall ein ganzes Stück essen, sondern immer nur Häppchen probieren. Damit der Magen durchhält. Tipp Nummer zwei: Während der Verkostung mindestens anderthalb Liter Tee trinken, schwarz und ungesüßt. Das neutralisiert den Geschmack. Stollenmädchen Sylvia Biedermann ordert sofort eine Kanne, die restlichen Juroren helfen sich mit anderen Mittelchen – einem Glas Stollenlikör. Die Runde ist eben hartgesotten, kein Murren, kein Klagen über Übelkeit, im Gegenteil: die Kritik wird mit jedem Stollen ein bisschen spitzfindiger. „Hm, schmeckt teigig. Oh, hier ist die Bittermandel-Note vordergründig. Und bei diesem wurde eindeutig zu viel Kardamon verarbeitet.“

Ein ganz heimliches Lächeln

Ein kleiner Skandal bei Exemplar Nummer elf. „Ihh, schmeckt nach Seife“, ruft es entrüstet durch den Raum. Ratlosigkeit beim Schiedsrichter. Eine Kostprobe bringt Aufklärung. Der Bäcker hat Orangenöl aus Holland verwendet, das verursacht beim Backen eine beißende Note. „Dem müssen wir wohl Bescheid geben“, sagt Siegfried Heller.

Kurz vor 17 Uhr wandert das letzte Stück Stollen auf den Teller, jetzt heißt es sortieren, rechnen und prämieren. Nach zehn spannenden Minuten steht der Gewinner fest: Die Bäckerei Thomas Heller in Dresden-Leubnitz hat den besten Stollen gebacken. Ein heimliches Schmunzeln bei Siegfried Heller. Der Sieger ist sein Sohn. Dass der das Zeug zum Gewinnen hat, war ihm klar, dass er die Urkunde nun aber tatsächlich nach Hause holt, das kam für Schiedsrichter Heller dann doch ziemlich überraschend.

Platz zwei beim SZ-Stollentest belegte die Bäckerei Dr. Quendt, auf den dritten Platz kam die Bäckerei Gehre in Nickern.