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Das Problem mit dem Dresdner Kunstrasen

Neun Tonnen Mikroplastik landen pro Jahr auf den Plätzen in der Stadt. Das könnte bald verboten werden. Aber wie geht es dann weiter?

So sieht es auch auf Dresdner Kunstrasenplätzen aus: Deutlich zu erkennen auf den weißen Linien ist das Granulat.
So sieht es auch auf Dresdner Kunstrasenplätzen aus: Deutlich zu erkennen auf den weißen Linien ist das Granulat. © dpa/Fredrik von Erichsen

Fest steht: Die Umrüstung auf allen Kunstrasenplätzen in Europa kommt. Wann und unter welchen Voraussetzungen, ist offen. Darüber wird heiß diskutiert. Eine Untersuchung der europäischen Chemikalienagentur belegt, dass viele der Kunststoffteilchen im Boden, in Flüssen, Seen und Meeren landen und somit in die menschliche Nahrungskette gelangen – 400 Kilogramm im Jahr und pro Platz, so die Studie.

Das bislang meistens verwendete Mikroplastik-Granulat als Füllmaterial zur Dämpfung könnte bald verboten werden. Davon geht auch der frühere EU-Politiker Hermann Winkler, Chef des Sächsischen Fußball-Verbandes, aus. „Die Europäische Kommission hat eine klare Strategie und sich zum Ziel gesetzt, den Ausstoß von Mikroplastik zu verringern. Daran wird nicht gerüttelt. Offen ist also nur der Zeitpunkt“, hatte er in einem Interview mit dieser Zeitung erklärt. Was bedeutet das für die Kunstrasenplätze in Dresden? Das sind die wichtigsten Fragen:

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Wie viele Spielfelder wären in der Landeshauptstadt davon betroffen?

In der sächsischen Metropole gibt es derzeit 26 Groß- und acht Kleinspielfelder mit Granulat verfülltem Kunstrasen in der Verwaltung des Eigenbetriebs Sportstätten. Hinzu kommt ein weiterer Platz mit Vollkunststoffrasen ohne Granulat beim ESV Dresden, auf dem hauptsächlich Hockey gespielt wird. „Die Bauzustandsanalyse des Eigenbetriebs Sportstätten wird derzeit um den Punkt der Granulatart erweitert“, teilt die Stadt auf eine Anfrage des Grünen-Politikers Torsten Schulze mit.

Welche Füllmaterialien werden auf den Kunstrasenplätzen verwendet?

Das als besonders gefährlich geltende Styrol-Butadien-Rubber-Granulat (SBR) hat die Stadt bereits seit 2009 von nahezu allen Plätzen verbannt. SBR besteht aus recycelten Autoreifen und steht laut verschiedenen Studien im Verdacht, krebserregend zu sein. Bei allen Sanierungen seit 2009 verwendet die Stadt drei andere Füllstoffe: Ethylen-Propylen-Dien-Kautschuk Terpolymere aus Etythlen (EPDM), Thermoplastische Elastomere (TPE) und Polyethylenterephthalat (PET) – ein thermoplastischer Kunststoff.

Die sind zwar als gesundheitlich unbedenklich eingestuft, gelten aber eben als das vom Verbot bedrohte Mikroplastik. Im Durchschnitt werden pro Platz etwa 300 Kilogramm im Jahr an Granulat nachgefüllt, also insgesamt knapp über neun Tonnen Mikroplastik pro Jahr. Das teilt Sportbürgermeister Peter Lames auf Anfrage der Sächsischen Zeitung mit. Der aktuelle Preis beträgt etwa ein Euro pro Kilogramm Granulat. Das wären also 9.000 Euro pro Jahr an Anschaffungskosten für das Granulat.

Nur auf zwei Plätzen, dem der SG Schönfeld an der Malschendorfer Straße und dem des Dresdner SSV an der Saalhausener Straße, befinden sich noch SBR-Granulate, teilt die Stadt mit. „Beide sind im Sanierungs- und Entwicklungskonzept geführt und in Abhängigkeit der im Haushalt bereitgestellten Mittel saniert. Der Kunstrasen wird samt Füllung entsorgt und ein neuer Belag verlegt“, sagt Lames.

Welche alternativen Füllmaterialien kommen infrage?

Als natürlicher Ersatz für Mikroplastik gelten Kork, Quarzsand, zerkleinerte, abgerundete Olivenkerne oder Kokusnussfasern. Am Nachwuchsleistungszentrum von Dynamo Dresden im Ostragehege läuft ein Pilotprojekt mit Kork. Bei künftigen Projekten soll ein viel dichterer Kunstrasen zum Einsatz kommen, der über eine höhere Sandschicht verfügt. Von einem Planungs- oder Baustopp könne keine Rede sein.

Mit welchen Sanierungskosten kalkuliert die Stadt?

Dazu erklärt die Stadt auf die Schulze-Anfrage: „Die Sanierungskosten (Wechsel der Belagdecke) werden sich pro Platz um etwa zehn Prozent erhöhen. Diese Mittel sind einzuplanen und bereitzustellen, damit der Spielbetrieb langfristig gesichert bleibt.“ Exakte Berechnung gibt es noch nicht. „Diese alternativen Füllstoffe sind sieben- bis zwölfmal teurer als Einfüllstoffe aus Mikroplastik“, erklärt der Sportbürgermeister. Allerdings geht aus dieser Antwort auch hervor, dass sich Dresden in der Pflicht sieht, für alle entstehenden Kosten aufzukommen.

„Dass auf Vereine Kosten zukommen, sehe ich nicht“, erklärt Lames. Derzeit gehen Experten davon aus, dass eine Umrüstung auf alternative Füllmaterialien pro Platz knapp 75.000 Euro kosten würde. Auf Dresden kämen mithin etwa 2,25 Millionen Euro für die Umrüstung der aller Kunstrasenplätze zu. Winkler betont, dass Klubs und Kommunen seiner Ansicht nach bei einem schnellen Verbot von Mikroplastik überfordert wären. Für die Umrüstung setzt er deshalb auf öffentliche Fördergelder.

Prüft Dresden bei künftigen Projekten eine Rückkehr zum Naturrasen?

„Naturrasenplätze sind keine Alternative“, stellt Lames fest. „Der Nutzungsumfang von Naturrasenplätzen ist witterungsbedingt und in Bezug auf die Nutzungsintensität dem Kunstrasen deutlich unterlegen“, betont der SPD-Politiker. Zudem würden die Personalkosten für den Naturrasen dementsprechend steigen. Bis Ende November wird eine Entscheidung getroffen, welcher Kunstrasen mit welcher Befüllung verwendet wird. Dieses Zeitfenster nutzt die Stadt, um Erfahrungsberichte und Expertenmeinungen einzuholen.

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Darüber gibt es bislang nur eingeschränkte Erkenntnisse – und eine klare Aussage der Stadt: „Bei künftigen Baumaßnahmen von Kunstrasenplätzen werden diese bereits jetzt ohne Füllmaterial aus Mikroplastik geplant“, sagt Lames. Der sieht Dresden in dieser Hinsicht bestens aufgestellt. „Wir haben diese Plätze unter Einhaltung aller Vorschriften gebaut. Das schützt uns grundsätzlich davor, dass von heute auf morgen ein Umrüstungsbegehren umgesetzt werden muss“, betont er. In Einzelfällen „sehen wir uns natürlich in der Pflicht – und werden Lösungen finden“.

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