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Das Rätsel um die „Gelbe Suppe“

Zur Tafelkultur um 1900 gehörte auch eine ganz besondere Einladung ins Dresdner Belvedere.

Von Monika Dänhardt und Annemarie Niering

Spannungen zwischen Stadtverordneten und Ratsmitgliedern sind keine Erfindung der Neuzeit. Doch vor mehr als 100 Jahren kam man sich bei einem guten Essen wieder näher. Die Dresdner Stadtverordneten und Ratsmitglieder trafen sich, eingeladen vom Oberbürgermeister, Ende des 19. Jahrhunderts zum Jahresabschluss-essen „Gelbe Suppe“. Essen und Titel sind keine Dresdner Erfindung, so etwas gab es in Leipzig, lange bevor die Dresdner 1890 dazu einluden. Warum die Veranstaltung „Gelbe Suppe“ hieß, konnte bisher noch nicht richtig ergründet werden. Leipziger Gastronomiehistoriker sehen darin einen Hinweis auf ein aus dem teuren Safran zubereitetes Mahl und nicht, wie immer mal angenommen, auf eine Erbsensuppe.

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Die kam zum Jahresabschlussessen in Dresden meistens auch nicht auf den Tisch. Kunstvoll gestaltete Menükarten belegen dies. Da gab es eher eine „Spargelsuppe“ als Auftakt für ein Sechs- oder gar Neun-Gänge-Menü. Getafelt wurde im Laufe der Jahre an unterschiedlichen Orten. Die Gästezahl variierte dabei zwischen 60 bis über 100 Teilnehmern. Lange trafen sich die Stadtverordneten und Ratmitglieder im Belevedere auf der Brühlschen Terrasse. Ab 1903 bot der neu erbaute Ausstellungspalast am Großen Garten einen guten Treffpunkt. Auch zog man mal in ein einfacheres Restaurant ein, beispielsweise, als 1905 der Wunsch nach mehr Schlichtheit aufkam. In dem Jahre wählte „der Ausschuß für die ,Gelbe Suppe‘ das Restaurant ,Drei Raben‘“.

Die Speisen zu diesem Festmahl der Stadtvertreter sagen dabei viel über die Esskultur um 1900 aus. Denn ob „Gelbe Suppe“, Festmahl im Königshaus oder in den gut betuchten bürgerlichen Familien – die Menüs ähnelten sich. Schon 1888 hatte Hofküchenmeister Friedrich Tuisko Baumann darauf hingewiesen, dass es bei einem Menü darum ginge, „die Esslust frisch zu erhalten“. Er zeigte auf, wie dies gelänge. So dürfte es keine Wiederholung bei der Fleischauswahl s geben, auch nicht bei der Zubereitung und auch nicht bei der Farbe der Soßen. Und es sollte möglichst auf eine „saisonale Auswahl der Produkte“ geachtet werden. Ganz modern also.

Die Menükarte des Jahresabschlusses am 29. Dezember 1894 lädt ein zu „Gelbe Suppe mit Spargel und Morcheln, Holsteiner Schinken in Burgunder, garniert mit jungem Gemüse, Seezungenfilets à la Joinville, Rehrücke, Salat, Compots, Bombe von Vanille und Ananas, Butter und Käse“. Klar, dass die hohen Herren danach nicht mehr streiten konnten oder wollten.

Natürlich wurde über die „Gelbe Suppe“ ausführlich in den Dresdner Zeitungen berichtet. Die Journalisten beschrieben die Ausgestaltung: „Der obere Saal des Belvedere prangte im festlichen Schmuck riesiger Weihnachtsbäume, aus deren Zweigen bunte elektrische Lampen in reicher Zahl hervorlugten.“

Doch spannender für die damaligen Leser werden wohl die Berichte über die Tafellieder gewesen sein. Gestritten wurde auch damals vor allem ums Geld. Zwischen 1883 und 1887 gingen einige Stadtverordnete mit dem Stadthaushalt sehr großzügig um. Der Rat aber drängte auf Sparsamkeit. Das Verhältnis war gespannt, und so kam es unter Oberbürgermeister Paul Alfred Stübler zur ersten „Gelben Suppe“. Die Leipziger hatten damit gute Erfahrungen gesammelt. Und auch in Dresden konnte bei gutem Essen und der Zigarre danach vieles geklärt werden. Es half auch eine große Portion Humor, die zur „Gelben Suppe“ gehörte. So wurden in den Tafelliedern Debatten um Bauvorhaben und andere städtische (Fehl)entscheidungen auf die Schippe genommen.

Übrigens suggerierten einige Journalisten ihren Lesern, dass das gesamte Essen von der Stadt bezahlt wurde. In Wirklichkeit bezahlten die eingeladenen Gäste des Jahresabschlussessens „Gelbe Suppe“ ihr Essen selbst. Die Stadtkasse zahlte nur die Zusatzkosten für den Druck der Einladungen und Menükarten, für Ausgestaltung und Tafelkonzerte. Da kam vor allem bis 1900 einiges zusammen. Danach setzten die Stadtväter auch hier auf Sparsamkeit. Die letzte „Gelbe Suppe“ fand 1927 statt.

Noch mehr rund ums Essen im 1900: Ausstellung
„Tafelkultur – Dresden um 1900“ im Dresdner Stadtarchiv auf der Elisabeth-Boer-Str. 1, geöffnet: Mo/Mi 9–16 Uhr, Di/Do 9–18 Uhr, Fr 9–12 hr, Eintritt ist frei

,Katalog „Tafelkultur – Dresden um 1900“,
über 300 Seiten, reich illustriert, 49 Euro