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Das Ringen um Betten auf der Intensivstation

Eine neue Verordnung soll für eine bessere Pflege in Kliniken sorgen. Doch nun müssen auch in Bautzen Stationen verkleinert werden.

Fachärztin Beatrice Schubert und Krankenpfleger Peter Schulze betreuen einen Patienten auf einer der beiden Intensivstationen am Bautzener Klinikum. Durch eine neue Verordnung musste die Station verkleinert werden– das hat Folgen für Patienten.
Fachärztin Beatrice Schubert und Krankenpfleger Peter Schulze betreuen einen Patienten auf einer der beiden Intensivstationen am Bautzener Klinikum. Durch eine neue Verordnung musste die Station verkleinert werden– das hat Folgen für Patienten. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Kritisch war es zum Beispiel am Montag. Da kam Chefarzt Jochen Eberhard ganz schön ins Schwitzen. „Wegen des hohen Patientenaufkommens hatten wir uns in der Rettungsleitstelle abgemeldet“, erzählt der Chefarzt der Medizinischen Klinik I in Bautzen

. Die Station war bereits voll ausgelastet, alle Betten belegt. „Trotzdem kamen in den nächsten zwei Stunden drei vom Notarzt reanimierte Patienten zu uns“, sagt der Verantwortliche für eine der Intensivstationen. „Wir sind an unsere Kapazitätsgrenzen gestoßen.“ Kritisch war die Situation nicht nur, weil viele Personen gleichzeitig Hilfe brauchten. Sondern auch, weil bereits alle Betten auf der Intensivstation belegt waren.

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Denn seit Januar gibt es weniger Betten auf den Intensivstationen des Bautzener Krankenhauses. Eine der Stationen, nämlich die, auf der Jochen Eberhard arbeitet, wurde von 13 auf zehn Betten verkleinert. In der anderen Intensivstation musste die Bettenzahl von zehn auf acht reduziert werden. Nicht etwa, weil es nicht genügend Patienten gibt – es fehlt an Personal.

Grund für die Änderung ist aber nicht eine Laune des Klinikchefs, sondern eine neue Verordnung mit einem langen Namen: die „Pflegepersonaluntergrenzenverordnung“. Zunächst gilt die neue Regelung für die Geriatrie, die Kardiologie, die Unfallchirurgie – und eben die Intensivmedizin. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat sie auf den Weg gebracht, seit dem 1. Januar ist sie in Kraft. Seitdem müssen Kliniken für eine bestimmte Menge an Patienten eine Mindestzahl an Personal vorhalten. In der Intensivmedizin bedeutet das: Jede Pflegefachkraft darf am Tag höchstens für 2,5 Patienten zuständig sein, in der Nacht für 3,5 Personen. In zwei Jahren sollen diese Grenzwerte noch einmal verschärft werden.

Für alle Azubis einen Arbeitsplatz

Werden die Mindest-Personalzahlen nicht eingehalten, drohen Sanktionen – überprüft wird das jeden Tag. Verbunden ist das mit viel Bürokratie. Der Gedanke dahinter ist zwar kein verkehrter: Die Pflegerinnen und Pfleger, die oftmals überlastet sind, sollen entlastet werden. Sie sollen durch die Verordnung mehr Zeit für die einzelnen Patienten und Aufgaben haben. Während nun aber an der einen Seite der Decke gezogen wird, wird die Decke auf der anderen Seite zu kurz: „In Städten wie Dresden, wo mehrere Krankenhäuser in unmittelbarer Nähe sind, mag eine solche Verordnung funktionieren“, erklärt Jochen Eberhard, „aber doch nicht in ländlichen Regionen wie Bautzen.“ Er ergänzt: „Wenn unsere Intensivstation nicht mehr aufnahmefähig ist, können wir die Patienten eben nicht einfach an ein Nachbar-Krankenhaus verweisen.“

Um wieder mehr Betten anbieten zu können, müsste die Klinik mehr Personal anstellen. „Wir werden allen 29 Auszubildenden einen Arbeitsplatz anbieten“, sagt dazu Reiner Rogowski. Doch damit ist es nicht getan; und es ist nicht unbedingt einfach, neues Pflegepersonal zu finden. „Der Arbeitsmarkt ist leer gefegt“, erklärt der Geschäftsführer der Oberlausitz-Kliniken.

Der Personalmangel in der Pflege – auf den Intensivstationen bekommen das nun die Patienten zu spüren. Dass die Stationen verkleinert wurden, kann bedeuten, dass beispielsweise spontan Operationen verschoben werden müssen, wenn das Patientenaufkommen besonders hoch ist. Es kann aber auch bedeuten, dass Patienten eher von der Intensivstation verlegt werden müssen, als eigentlich geplant, erzählt Jochen Eberhard. Von der Stationsverkleinerung betroffen sind vor allem solche Patienten, denen es bereits besser geht als anderen auf der Station. Denn kommen etwa nachts unerwartet und übermäßig viele neue Patienten, dann müssen zuweilen recht plötzlich Patienten verlegt werden. „Das ist für niemanden schön“, sagt Jochen Eberhard. Es folgt eine kurze Pause. „Weder für die Patienten noch für die Mitarbeiter“, ordnet der Mediziner ein.

Verordnung kam zu schnell

Konkret bedeutet das, wenn zu viele Patienten da sind: Wer beispielsweise beatmet werden muss oder eine künstliche Niere benötigt, der wird mit großer Sicherheit auf der Intensivstation bleiben dürfen. Patienten, bei denen es eher um eine intensive Überwachung geht, beispielsweise um zu checken, ob das Herz im Takt schlägt oder nach einer Herz-Operation Rhythmusstörungen auftreten, die könnten im Zweifel von einer solchen spontanen Verlegung betroffen sein. In der Regel kommen die Patienten dann auf extra dafür vorgesehene Überwachungsstationen, erklärt Reiner Rogowski. Diese sollen nun im Zuge der neuen Struktur aufgerüstet werden. Auch auf diesen Überwachungsstationen werden die Patienten besonders häufig kontrolliert, doch es ist eben keine Intensivstation. Zudem sind all diese Schritte abermals mit viel Bürokratie verbunden – die Zeit für die Dokumentationsarbeit fehlt Ärzten und Pflegern später am Patienten.

„Die Politik müsste den Krankenhäusern mehr Vertrauen schenken“, findet deshalb Klinik-Chef Reiner Rogowski. Er möchte selber entscheiden, wie in Situationen des Personalmangels zu reagieren ist. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn habe mit seiner Verordnung zu schnell gehandelt. „Wir müssen wenigstens auf eine spontane Belegung reagieren können“, erklärt er. Sollte sich an der Personalsituation etwas ändern, so versichert er, werden die Betten an der Intensivstation wieder in Betrieb genommen. Dann bringt es die Intensivmediziner wieder weniger ins Schwitzen, wenn es heißt: Es gab ein Feuer, mehrere Patienten brauchen gleich jetzt ein Bett auf der Intensivstation.

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