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„Das Risiko ist überschaubar“

Der Chef der Marketinggesellschaft rät Bischofswerda zur Landesgartenschau. Im SZ-Interview sagt er warum.

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Von Gabriele Naß

Die Entscheidung naht. Heute soll der Stadtrat eine wichtige Vorentscheidung zu Bischofswerdas Engagement für die Landesgartenschau 2019 treffen. Es geht um die „Einholung der Gemeindewirtschaftsrechtlichen Stellungnahme“, mithin also um die Finanzierung. Die Abstimmung darf als Signal dafür gewertet werden, inwieweit das Stadtparlament einer Bewerbung für die Gartenschau zustimmen wird. Diese Entscheidung ist für den 25. März geplant. Eine Mehrheit gilt derzeit nicht als sicher. – Die SZ im Gespräch mit Holm Große, Chef der Marketinggesellschaft Oberlausitz-Niederschlesien. Er, selbst Schiebocker, plädiert für eine Bewerbung: trotz finanzieller Vorbehalte und politischer Instabilität.

Holm Große ist Chef der Marketinggesellschaft Oberlausitz-Niederschlesien – und Bischofswerdaer. Foto: privat
Holm Große ist Chef der Marketinggesellschaft Oberlausitz-Niederschlesien – und Bischofswerdaer. Foto: privat

Herr Große, Sie raten Bischofswerda zur Bewerbung für die Landesgartenschau 2019, obwohl Sie wissen, dass die Stadt finanzielle Probleme hat. 500 000 Euro fehlen für 2014 noch. Wieso sollte diese Stadt mit der Gartenschau ein Risiko eingehen?

Das Risiko besteht in einer Eigenbeteiligung von 15 Prozent an den Investitionen - für Vorhaben, die irgendwann ohnehin getätigt werden müssen. Projekte, die die Attraktivität der Stadt als Wohn-, Wirtschafts- und Bildungsstandort rasch deutlich steigern werden, wenn es die richtigen sind. Das wären bei fünf Millionen Investitionssumme 750 000 Euro, also über fünf Jahre jeweils 150 000 Euro Eigenmittel jährlich. Dafür erhielte Bischofswerda quasi als Geschenk 4,25 Millionen für die Stadtentwicklung. Für diese sind meines Erachtens im Haushalt auch ohne Landesgartenschau jedes Jahr Gelder einzuplanen. Mit ihr ließe sich manches schneller umsetzen.

Um das Risiko vernünftig zu bewerten, muss man auch den Durchführungshaushalt einer Landesgartenschau durchrechnen. Von rund 700 000 Euro ist aus Erfahrung wahrscheinlich auszugehen. Wer bezahlt das?

Für die Durchführung der Landesgartenschau 2019 muss Bischofswerda eine Summe X einplanen. Sie könnte in der genannten Höhe liegen. Aber niemand geht davon aus, dass die Stadt eine solche Summe am Ende aufbringen muss. Nicht nur Löbau, sondern die letzten vier Landesgartenschauen in Sachsen haben den Durchführungshaushalt mit einer schwarzen Null abgeschlossen. Löbau hat allein 292 000 Eintrittskarten verkauft. Viel mehr, als die Löbauer selbst für möglich gehalten haben. Das bringt Einnahmen, und die sind für Bischofswerda ganz genauso möglich. Die Landesgartenschau-Gesellschaft, die zur Vorbereitung und Durchführung gegründet wird, arbeitet professionell.

Bischofswerda wird Sponsoren brauchen. Sicher, dass es sie gibt?

Da bin ich mir ganz sicher. Der Fußball in Bischofswerda, wo die Zahl der Sponsoren wächst, ist ein gutes Beispiel für das vorhandene Potenzial, das sich auftut, wenn man es richtig angeht. Ich bin davon überzeugt, dass sich einheimische Unternehmer in jede positive Entwicklung unserer, ihrer Stadt einbringen und sich am Projekt Landesgartenschau beteiligen werden.

Bischofswerda hat einen so umstrittenen OB, dass ihn Teile des Parlaments heute abwählen lassen wollen. Wie ist unter solchen Bedingungen an ein Aufbauwerk wie Gartenschau zu denken?

Nächstes Jahr wird ein neuer Oberbürgermeister oder eine neue Oberbürgermeisterin gewählt. Egal, wer das sein wird: Es bietet sich die Chance durchzustarten, hellwach zu sein, zu begeistern und zu elektrisieren. Bis 2019 bliebe genug Zeit, die Landesgartenschau in stabilen politischen Verhältnissen vorzubereiten. Ich bin es leid, dass wir es in unserer Stadt immer wieder mit Negativ-Szenarien zu tun haben – trotz der außergewöhnlichen Potenziale aufgrund von Traditionen, Lage, Verkehrsanbindung, vieler aktiver Unternehmen und Vereine. Es zählt, was wir heute gemeinsam anpacken.

Für wie begeisterungsfähig halten Sie die Bischofswerdaer?

Der Zuspruch wird noch unterschätzt. Aber ich sehe eine große Begeisterungsfähigkeit. Das ist die Chance, denn Landesgartenschau ist mehr als drei Tage Fest mit Kulturprogramm wie beim Tag der Sachsen. Ich verstehe es als ein Aufbauwerk, ein gemeinsames Nachdenken darüber, wie sich die Stadt entwickeln soll. Die Landesgartenschau ist das Instrument für einen Prozess. Wenn es gelingt, diesen Prozess sauber zu spielen, werden die Leute mitmachen. Was positiv wirkt auf Investoren, auf junge Leute, nicht zuletzt auf Rückkehrwillige, die sich sagen, Mensch in der Stadt ist eine geile Stimmung, da will ich dabei sein. Die Landesgartenschau wird Bischofswerda helfen, die Bevölkerung zu einen, den Riss zu kitten, der durch die Stadt geht. Die Leute werden mitmachen, wenn sie den roten Faden sehen. Sie werden mitbekommen, wie schön es ist, erfolgreich zu sein und um wie viel schöner es noch mal ist, gemeinsam erfolgreich zu sein.

Als Chef der Marketinggesellschaft Oberlausitz-Niederschlesien (MGO) haben Sie mehrere Landesgartenschauen begleitet. Auf welche Hilfe könnte Bischofswerda als Ausrichter bauen?

Es gibt Erfahrungen in Sachsen und der Region, auf die wir zurückgreifen können. Es würde eine eingespielte Maschinerie sein, die anläuft. Ganz schnell käme es zur Gründung der Landesgartenschau-Gesellschaft, die mit der Stadt zusammenarbeitet.

Und zur Kooperation mit der MGO?

Vollkommen logisch, dass wir einsteigen, wenn Bischofswerda die Hürde nimmt. Löbau bekam dadurch Werbung mit einer Reichweite, wie man sie niemals selbst hätte aufbauen können. Die MGO hat mit Löbau sehr schnell einen Kooperationsvertrag abgeschlossen, nachdem die Stadt als Ausrichter feststand und 2012 diese Landesgartenschau als Höhepunkt der Vermarktung angenommen – gekoppelt mit regionalen Ausflugszielen. Im Ergebnis kamen Gäste nicht nur aus Sachsen, sondern aus ganz Deutschland, aber auch Polen, Tschechien, Litauen etc. Wir hatten große überregionale und internationale Messeauftritte, auf der ITB in Berlin stand 2012 die Landesgartenschau im Mittelpunkt.

Sie haben dem Geschäftsführer der Löbauer Gartenschau-Gesellschaft das Sabra-Gelände gezeigt, Herzstück einer Schiebocker Bewerbung. Was sagt er?

Er war begeistert, hält die Sabra mit Umfeld für die optimale Fläche einer Bewerbung. Von der Größe her und von der Möglichkeit, altindustrielle Fläche mit Natur zu kombinieren, was sich durch die Einbeziehung der Bischofswiesen in Bischofswerda ja ergeben würde. Auf dem Gelände selbst kann man vorhandene Hallen nutzen – wunderschöne Industriearchitektur.

Reicht eine Stadtratsmehrheit?

Wenn es uns nicht gelingt, einen einstimmigen Stadtratsbeschluss für die Bewerbung zu bekommen, werden wir diese Landesgartenschau nicht bekommen. Die Bürger, die Wirtschaft und auch die umliegenden Gemeinden, die Bischofswerda in der Verantwortung für die Region sehen, brauchen ein klares Zeichen. Die Landesgartenschau-Jury im Übrigen auch.