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„Das Schönste war in zwei Minuten vorbei“

Karin Enke hat den magischsten Moment ihrer Karriere fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit erlebt.

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© imago

Von Jochen Mayer und Maik Schwert

Das Weltzentrum des Frauen-Eisschnelllaufs lag mal in Dresden. 20 Olympiamedaillen – davon sechs goldene – gewannen die vielseitige Karin Enke, Sprinterin Christa Luding und Konditionswunder Andrea Ehrig zwischen 1976 und 1992. Dazu gesellen sich 16 Weltmeistertitel. Dabei gab es damals noch gar keine Inflation von Einzelstrecken-Championats wie heute. Unter den aktuellen Bedingungen hätten sich die drei Eisschnellläuferinnen wohl vor Titeln nicht retten können. Christa Luding gelang dazu noch das Kunststück, auf dem Rad zu Olympiasilber und WM-Gold zu sprinten.

Eine Dresdnerin auf Weltrekordkurs: Karin Enke lief bei der Sprint-WM 1986 in Japan zum Titel und einem neuen 1000-Meter-Weltrekord. Wenige Tage später fügte die Läuferin von Trainer Rainer Mund in Medeo noch einen Super-Weltrekord über 1500 Meter hinzu,
Eine Dresdnerin auf Weltrekordkurs: Karin Enke lief bei der Sprint-WM 1986 in Japan zum Titel und einem neuen 1000-Meter-Weltrekord. Wenige Tage später fügte die Läuferin von Trainer Rainer Mund in Medeo noch einen Super-Weltrekord über 1500 Meter hinzu,

Die Dresdner Frauen bestimmten zwar das Weltniveau, in ihrer Heimatstadt traten sie aber nie bei Wettkämpfen auf. Es gab einfach keine Anlage dafür. Sie waren nicht alleine mit diesem Dilemma. Dresdner Ruderern ging es ähnlich. Training vor der Haustür, große Wettkämpfe dann Fehlanzeige. „Das war schon traurig“, sagte diese Woche Karin Enke. „Aber so war das eben. Wir hatten nur eine Trainingsbahn im Ostragehege und haben eben die Medaillen aus aller Welt mit nach Hause gebracht.“ Die überraschendste holte die einstige Eiskunstläuferin beim ersten Olympiagold 1980 über 500 Meter.

Die 52-Jährige verblüfft, wenn sie über den magischsten Moment ihrer Karriere spricht. Der ist nicht verknüpft mit den drei Olympiasiegen, den insgesamt acht Olympiamedaillen oder elf Weltmeistertiteln. Es ist ein Lauf fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit in Kasachstan auf der Hochgebirgsbahn von Medeo. Zum Saisonende 1986 fegte Karin Enke beim Länderkampf mit der Sowjetunion die 1 500 Meter in 1:59,30 Minuten herunter. „Das war überhaupt der erste Lauf unter zwei Minuten, eine Schallmauer wie der erste Zwei-Meter-Hochsprung der Rosi Ackermann oder der erste 100-Meter-Sprint unter elf Sekunden“, schwärmt Karin Enke über den liebsten ihrer zehn Weltrekorde. „Mich störte damals auch nicht, dass kaum Zuschauer an der Freiluftbahn waren. Ich habe den Lauf für mich genossen.“

Es war ein fast perfektes Rennen. „Traumhafte Bedingungen hatten wir: tolles Eis, Höhenluft, Abendstimmung, kein Wind. Und es gab keinen Erfolgsdruck zum Saisonende“, schwärmt die dreifache Mutter heute. „Schade nur: Das Schönste war in zwei Minuten vorbei. Schon vor der letzten Runde wusste ich, dass es eine Rekordzeit wird. Ich bin der Zeit entgegengelaufen, sah sie auf der Anzeigetafel. Dieses Rennen habe ich noch klar vor mir – andere WM-Läufe sind mir nicht mehr so bewusst.“ Die Superzeit hielt zwölf Jahre. Sie fiel erst mit den Klappschlittschuhen.

An solch große Dresdner Eisschnelllaufzeiten ist nicht mehr zu denken. Dafür macht eine neue Sparte mobil, der Shorttrack. Dort sind bei den Jahreshöhepunkten auch Karin Enke und Christa Luding zu sehen. Das unterhaltsame Nahkampf-Eislaufen verbreitet Sechstagerennen-Flair. Und Dresdner feiern Erfolge, die Halle ist sogar eine internationale Adresse mit Weltcups und Sommertrainingslagern.

Der ehemalige Eisschnellläufer Frank Dittrich aus Chemnitz organisierte den Weltcup 2013 in Dresden. Irgendwie passend – zeigt es doch, dass immer mehr Langbahn-Stars von einst Gefallen am Geschehen auf dem Hallenoval finden. „Shorttrack ist rasant, spannend und unterhaltsam“, lobt der frühere Langstreckenspezialist Dittrich.

Uwe-Jens Mey, ein anderer Ex-Eisschnellläufer, interessiert sich schon viel länger für die Kurzbahn. Der 500-Meter-Olympiasieger von 1988 und 1992 warb als Botschafter für den ersten Weltcup 2009 in der neuen Eisarena. „Shorttrack steckte zu meiner Zeit noch in den Kinderschuhen“, sagt der Berliner. „Es ist attraktiv, kurzweilig und spektakulär. Eisschnelllauf-Olympiasieger Shani Davis kommt vom Shorttrack. Da existieren Überschneidungen. Eisschnellläufer können sich bei der Kurventechnik einiges von Shorttrackern abgucken. Deshalb gehört das Shorttracken zum Training bei den Eisschnellläufern.“

Yvonne Oppermann gehört in Deutschland zu den Shorttrack-Aktivisten der ersten Stunde. Sie begann 1992 unter ihrem Mädchennamen Kunze mit der Kurvenjagd und startete bei drei Olympischen Spielen. Inzwischen ist die Radebeulerin als TV-Expertin in Dresden. „In dieser neuen, vollen Arena auf dem Eis zu laufen, das hätte ich auch gern erlebt. Es ist doch ein großer Unterschied, ob man bei minus 15 Grad Celsius rennt wie wir damals in der alten, unbeheizbaren Halle, oder bei Temperaturen oberhalb des Gefrierpunktes.“

Keine Vorhersage möglich

Oppermann freut sich, dass ihre Sportart hierzulande ihren Stellenwert verbessern konnte. Sie lobt die Dresdner für ihre gute Organisation und Stimmung. Bei jeder Gelegenheit beschwört Oppermann die Vorzüge vom Shorttrack: „Ich habe nie verstanden, warum meine Sportart so zögerlich angenommen wurde. Dabei probierten wir viel, traten in Eishockey-Pausen auf und nutzten Interviews. Beim Shorttrack lässt sich doch nie vorhersagen, was geschieht. Möglicherweise fehlten für größeres Interesse einfach nur mehr Erfolge.“

Weltcupsiege wie der von Robert Seifert über 500 Meter Anfang Dezember 2012 in Nagoya – der erste deutsche Triumph über eine Einzelstrecke. Oder die Staffelerfolge der Männer, die bei der EM 2010 Silber und beim Weltcup 2011 Gold gewannen – beide Male in Dresden. „Der Ort ist einfach was Besonderes“, sagt der Dresdner Seifert. „Viele Bekannte, Freunde und Verwandte schauen zu. Das beflügelt mich sehr.“ In seiner Heimatstadt trainieren die besten deutschen Shorttracker an seiner Seite. Auch international genießt Dresden den Ruf als Shorttrack-Hauptstadt. Ähnlich wie in der Eisschnelllauf-Metropole Heerenveen gilt die Atmosphäre als sehr speziell. „Die Stimmung in Dresden ist die beste der Welt. Das ist kein Scherz. Sie beflügelt nicht nur uns, sondern auch die anderen Teams.“

Auch seine Dresdner Shorttrack-Kollegin Bianca Walter findet die Atmosphäre in ihrer Heimatstadt besser als in allen anderen Ländern. „Dresden überrascht mich seit dem Weltcup 2009 immer wieder mit klasse Eis, einer prima gefüllten Halle und durchgängig super Stimmung – ein tolles Gefühl.“ 2014 richtet ihre Heimatstadt die EM aus – als Olympia-Generalprobe. „Ich hoffe, Dresden bleibt eine gute Shorttrack-Adresse“, sagt Karin Enke, die nun als Sozialpädagogin im Bereich der Sozialpsychiatrie mit behinderten Menschen arbeitet.