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Das Schokoladenparadies

Mitten im Amazonasgebiet in Brasilien liegt das Herz des Kakaoanbaus in Lateinamerika: Ein Bollwerk gegen Abholzung und ein Motor der Entwicklung. Eine Reportage. 

Die rötliche Frucht eines Kakaobaums ist Grundlage für die positive Entwicklung am Amazonas.
Die rötliche Frucht eines Kakaobaums ist Grundlage für die positive Entwicklung am Amazonas. © Sandra Weiss

Von Sandra Weiss

Etwa in der Mitte der Transamazonica, bei km 2.500, liegt das Schokoladenparadies. Über 65.000 Hektar Kakao werden in der Region um Medicilandia im brasilianischen Regenwald angebaut, 60.000 Tonnen Bohnen pro Jahr produziert dank einer überdurchschnittlichen Produktivität der Kakaobäume. Alles dreht sich hier um die Bohne.

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Die Geschäfte für landwirtschaftlichen Bedarf sind vollgestopft mit Zubehör für den Anbau, die Restaurants bieten Kakaosaft aus dem säuerlichen Fruchtfleisch an, die Zwischenhändler überbieten sich in der Größe ihrer Schilder, und die Gemeinde wirbt für das jährliche „cacau fest“.

Im kleinen Laden wird Schokolade verkauft.
Im kleinen Laden wird Schokolade verkauft. © Sandra Weiss

Von hier aus wird die Bohne in die ganze Welt verschickt, vor allem nach Europa. Vor Ostern herrscht Hochbetrieb. Chocolatiers von Belgien über Österreich bis Italien schätzen das besonders milde und fruchtige Aroma des Kakaos, dessen Wiege neuesten Forschungen zufolge im Amazonas liegt. Aber auch in die USA gehen die Bohnen, und sogar Asiaten waren schon hier.

Der Anbau liegt in der Hand von Kleinbauern. Wie der Familie Vronski Brighenti. In der weiß gekachelten Küche von Rosa Brighenti, 10 Kilometer außerhalb von Medicilandia riecht es verführerisch süß. Die 60-Jährige conchiert auf ihrem Küchenbord gerade zwei Kilogramm Bohnen aus eigenem Anbau. „70 Prozent Kakao, der Rest Zucker und sonst nichts“, sagt die kleine Frau stolz. Konservierungsmittel, zusätzliche Aromastoffe oder Fette kommen für sie nicht infrage, „Das braucht man nur für minderwertigen Kakao“, sagt sie. Oder um die Gewinnspanne zu steigern.

Rosa Brighenti conchiert die Früchte in ihrer Küche.
Rosa Brighenti conchiert die Früchte in ihrer Küche. © Sandra Weiss

Auf so eine Idee kommt „Dona Rosa“, wie ihre eigene Marke heißt, aber erst gar nicht. Bei ihr kommt prinzipiell nur das Beste auf den Tisch. Und das meiste stammt vom eigenen, knapp 100 Hektar großen Hof der Familie. Auch die Füllungen für ihre Pralinen, von Ananas bis Cupuacu, dessen Säure besonders gut mit dem dunklen Kakao harmoniert, wie Rosa findet. Wenngleich sie selbst nur selten Schokolade nascht.

Die Familie ist stolz auf ihr Produkt, und die vier erwachsenen Kinder und die Enkelschar essen es gern. Auch ihr Mann Darcirio Vronski probiert ab und zu ein Stück, um seinen Gaumen zu trainieren und die Qualität zu testen. „Das Geheimnis einer guten Schokolade liegt in der Sorgfalt der Plantage und in der Fermentation“, lässt er wissen. Abhängig davon, im Schatten welcher Bäume der Kakao wächst, wechselt auch sein Aroma: Mal herb, wenn es tropische Edelhölzer sind, mal nussig unter Paranussbäumen, und auch mal fruchtig im Schatten von Mangos.

Rosa Brighent und Darcirio Vronski.
Rosa Brighent und Darcirio Vronski. © Sandra Weiss

Vronski baut organisch an und hat sich mit 32 Nachbarn zur Kooperative Coopam zusammengeschlossen. Das Label ermöglicht den Bauern, ihre Bohnen zwischen 30 und 100 Prozent teurer zu verkaufen. Die Familie ist damit zu bescheidenem Wohlstand gekommen. „Mit Zuckerrohr oder Früchten wäre ich arm geblieben“, sagt der 69-Jährige. Als Viehzüchter hätte er wegen der nährstoffarmen Böden hundert Mal so viel Weideland gebraucht, um vergleichbare Einnahmen zu erzielen.

Mehr Geld machen jedoch weiterhin die Zwischenhändler und Endverkäufer. Eine 100-Gramm-Tafel der österreichischen Marke Zotter beispielsweise, die den Kakao von Vronski verarbeitet und verkauft, kostet immerhin 3,50 Euro. Für das Kilo Bohnen bekommt die Familie 20 Reais, das sind 4,57 Euro. Das ist das Doppelte von dem, was Kakaobauern üblicherweise erhalten. Rosa verkauft ihre etwas gröbere bittere Hausschokolade (70 Prozent) für 70 Reais das Kilo (16 Euro).

Kakaobauer Darcirio Vronski (l.) beim Trocknen der Früchte
Kakaobauer Darcirio Vronski (l.) beim Trocknen der Früchte © Sandra Weiss

Exportieren darf sie aber nicht, noch nicht einmal innerhalb Brasiliens liefern. „Mir fehlt ein Sanitätsstempel, und den bekomme ich nicht, weil die Transamazonica hier nicht asphaltiert und es in der Trockenzeit sehr staubig ist“, seufzt sie. So bleibt es bei den eingeweihten Stammkunden – wie etwa Herz-Kreislauf-Kranke, die bei ihr bestellen wegen der antioxidativen Wirkung der Flavonole im reinen Kakao.

Ademir Venturino hingegen hat den Kampf mit den Zwischenhändlern und der Bürokratie aufgenommen. Das Epos seiner Kooperative Cacauway ähnelt einer abendfüllenden Don-Quichotte-Seifenoper. Aber mittlerweile existiert Cacauway seit 10 Jahren, und die Kooperative besitzt die erste und bislang einzige Schokoladenfabrik von Medicilandia sowie einen eigenen Fabrikverkauf und ein knappes Dutzend in Franchise betriebene Läden in ganz Brasilien.

Transportwege im Dschungel. 
Transportwege im Dschungel.  © Sandra Weiss

„Ursprünglich waren wir Zuckerrohrbauern, weil die Militärregierung diese Region bei der Erschließung der Transamazonica dafür bestimmt und hier eine Zuckerfabrik hingestellt hatte“, erzählt Venturino, der schon zweimal Präsident von Cacauway war und nun ihr kommerzieller Direktor ist. Rund um Medicilandia war der Anbau anderer Produkte verboten. Doch die Zuckerfabrik kam nie richtig in Schwung, wurde privatisiert, erneut verstaatlicht und ging im Jahr 2000 definitiv pleite. Die Bauern standen vor dem Nichts, viele waren hoch verschuldet. Einige hatten Erfahrung mit Kakao und setzten darauf – damals eher aus Verzweiflung. Doch die ersten Ergebnisse waren dank des idealen Klimas vielversprechend, bald zogen andere nach. Sie forsteten die grüne Zuckerrohr-Wüste wieder auf, das Mikroklima veränderte sich.

Für Venturinos Idee einer Kooperative konnten sich aber nur 45 der Amazonas-pioniere begeistern. Unterstützt wurden sie von sozialen Basisbewegungen im Umfeld der katholischen Kirche, finanziert unter anderem vom Hilfswerk Misereor. Nach dem Sieg der linken Arbeiterpartei ließ sich auch die Regierung von der Kakaoidee überzeugen und finanzierte den Bau der Schokoladenfabrik.

Die Kooperative Cacauway hat inzwischen sogar schon eine eigene kleine Schokoladenfabrik.
Die Kooperative Cacauway hat inzwischen sogar schon eine eigene kleine Schokoladenfabrik. © Sandra Weiss

Doch das war erst der Anfang des Abenteuers. Die Mitglieder konnten nun zwar Kakao produzieren, aber Vertrieb, Gütesiegel, Logistik und Transport sind bis heute eine Herausforderung. Doch Venturinos Team gab nicht auf. Heute arbeiten 15 Menschen bei Cacauway. Noch sind externe Berater notwendig, aber bald, so hofft Venturino, wird es unter den Kindern der Bauern genug Fachleute geben. So wie die studierte Agronomin Elsa Felix, die sich um die Qualitätskontrolle kümmert. „Nachfrage nach unserer Qualitätsschokolade gibt es mehr als genug, doch wir haben noch nicht genügend Kakao, der unseren hohen Ansprüchen genügt“, sagt sie.

Venturino sieht deshalb noch viel Spielraum: „Mit entsprechender Wirtschaftspolitik und Professionalisierung der Plantagen könnte der Kakao der neue Boom von Amazonien werden, ohne Notwendigkeit, dafür den Wald abzuholzen“, sagt er. Doch davon ist Brasilien derzeit weit entfernt. Der neue, rechte Präsident Jair Bolsonaro ist von Sojabauern und Viehzüchtern beeinflusst und sieht den Wald als Störfaktor. Die Banken, so seufzt Vronski, würden zwar Kredite fürs Abholzen für den Anbau von Soja und die Rinderzucht geben, aber nicht für die Familienbetriebe und die Verbesserung ihrer Kakaoplantagen.

Die Reportage entstand mit Unterstützung von Misereor

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